Jyotish Chart von Mahatma Gandhi

Rashi und Navamsa

Arbeitsblatt 1: Tabellen und Textbausteine hier aufrufen. Arbeitsblatt 2: Dashas und Antardashas hier aufrufen.

Die Planetenstände wurden mit Jagannatha Hora berechnet. Die Geburtsdaten sind von astro.com. Die Verlässlichkeit der Geburtszeit (Rodden Rating) wurde im Laufe der Zeit erstaunlicherweise immer mehr abgewertet. Das Chart spricht aber m.E. für sich.

Als Quelle habe ich unter anderem die deutsche Übersetzung der Autobiografie von Gandhi verwendet. Wie schon im Fall von Hermann Hesses Autobiografie sehe ich auch hier diese Quelle als verlässlich und informativ an, weil der Autor sich darin nicht selbst beweihräuchert und an seinem eigenen Mythos bastelt, sondern sehr ehrlich ist und auch mit seinen eigenen Schwächen nicht hinterm Berg hält. Ich werde nicht groß aus dem Buch zitieren, empfehle aber, es zu lesen.

Kurzinterpretation des Charts

Die Grundstruktur

Das 1. Haus fällt mit dem Zeichen Waage zusammen und wird deutlich von Venus beherrscht, die sich selbst im 1. Haus befindet. Durch den Rajayoga-Karaka Merkur, der als Herr des 9. Hauses, einem Trikona, im 1. Haus, einem Kendra, steht, werden auch Venus und Mars zu Rajayoga-Karakas. Es stehen somit drei Rajayoga-Planeten als starke Erfolgsfaktoren im 1. Haus und versprechen Erfolg für die Aktivität des Geborenen - ein Versprechen, das sich aber nicht für alle drei in gleichen Grade erfüllt, denn Venus steht stark im eigenen Zeichen, Merkur, ein natürlicher Freund der Venus, steht neutral und Mars steht hier im Zeichen des Feindes.

Das Talent für Diplomatie und der aktive Einsatz für Gerechtigkeit, die das Zeichen Waage beinhaltet, werden unverfälscht umgesetzt und auch bekräftigt und gestärkt, weil Venus, der Herrscher des Zeichens, sich selbst im eigenen Zeichen Waage befindet. Der Mars in Haus 1 gibt der Aktivität des Horoskopeigners eine kämpferische, Merkur im Lagna eine intellektuelle Note - beides durch die dominierende Gegenwart von Venus in Diplomatie und Friedfertigkeit eingebettet. Der Rechtsanwalt, der auf friedfertige Weise für Gerechtigkeit kämpft, ist hier deutlich genug angezeigt.

Das Element des öffentlichen, politischen Wirkens kommt einmal durch Merkur ins Spiel, der Karaka des 10. Hauses ist - der Rajayoga-Karaka Buddha projiziert die gesamte Konstellation des 1. Hauses ins 10. Haus und damit das persönliche Handeln in politisches Handeln. Dies wird nochmals betont durch die Stellung des Mondes im 10. Haus. Der Mond im 10. Haus zeigt an, dass das persönliche Denken und Fühlen intensiv mit dem Kollektivbewusstsein verbunden ist. Dass der Mond hier stark im eigenen Zeichen steht, ist ein Hinweis darauf, dass das eigene Denken und Fühlen eine starke und positive Wirkung auf die Öffentlichkeit ausübt.

Durch Buddha im 1. Haus und Chandra, der immer gleichsam ein zweiter Aszendent ist, in Haus 10 sind einerseits Körper (Aszendent) und Geist (Mond) miteinander verbunden und andererseits persönliche Aktivität und öffentliches Handeln.

Bemerkenswert ist auch, dass sich sowohl im 1. als auch im 10. Haus jeweils ein Störfaktor und Fremdkörper befindet, der durch die Gegenwart des Herrn des Hauses beherrscht und integriert wird. Im 1. Haus ist dies der Mars, im 10. ist es Rahu. Mangal ist ein Feind des Geburtsherrschers Shukra, Rahu ein Feind von Chandra. Im 1. Haus gilt es Gewalt, Agressivität und Triebhaftigkeit zu überwinden, im 10. Haus Unbewusstheit, Dumpfheit und Spaltung.

Der Mars ist nicht nur ein natürlicher Übeltäter-Planet, sondern auch ein Übeltäter und Maraka (todbringender Planet) für den Aszendenten, denn er ist Herr der beiden Maraka-Häuser 2 und 7. Mangal ist Herr des Zeichens Widder und des 7. Hauses. Unter der Herrschaft von Mars steht mit Jupiter ein weiterer Übeltäter und Maraka des Aszendenten Waage im Eroberer-Zeichen Widder im 7. Haus, der das 1. Haus voll aspektiert. Mars und Jupiter stehen zusammen für die Großmacht England, unter deren gesetzlicher und militärischer Herrschaft Gandhis Heimat Indien stand.

Obwohl Mangal und Guru Todfeinde des Aszendenten sind, werden sie interessanterweise von Chandra als Freunde angesehen und er ist sogar ihr bester Freund. Gandhi hat lange gebraucht, ehe er nicht nur das bekämpfte, was er als ungerechte und grausame Aspekte von Englands Herrschaft über Indien ansah, sondern sich ganz und gar gegen die britische Fremdherrschaft wandte.

Alle 4 Kendras (Eckhäuser) des Horoskopes mit 6 von insgesamt 9 Grahas (Planeten) besetzt, die Eckhäuser dabei in Chars (dynamischen Zeichen), der Lagnadhipati (Aszendenten-Herr) und Chandra in Kendras, jeweils stark in Swakshetra (im eigenen Zeichen) und drei Rajayoga-Planeten im 1. Haus - dies ist ein klarer Hinweis auf eine starke, aktive und erfolgreiche Persönlichkeit, die im Mittelpunkt von großer Dynamik steht.

Shukra, Chandra, Buddha - Ahimsa, Vereinheitlichung und Satyagraha als Gandhis Erfolgsprinzipien

Die folgende kleine Grafik veranschaulicht die "Herrschaftsstruktur" der neun Planeten im Chart von Gandhi:

Daraus geht hervor, dass die beiden wichtigsten persönlichen Faktoren im Horoskop, der Rajayoga-Karaka und Aszendenten-Herr Shukra und Chandra, letztlich alle anderen Planeten beherrschen und selbst souverän sind, weil sie sich jeweils im eigenen Tierkreiszeichen befinden. Die Vereinnahmung von Mangal durch Shukra im 1. Haus zeigt den Sieg von Gandhis Strategie der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) über den überlegenen Gegner, das britische Weltreich, an, während die Herrschaft von Chandra über Rahu im 10. Haus für Gandhis unablässiges Bemühen steht, die Spaltung der Gesellschaft in Hindus und Moslems, niedere und höhere Kasten usw. zu überwinden, die von der britischen Großmachts-Strategie des "Teile und herrsche" immer wieder forciert wurde.

Eine weitere Hauptstrategie Gandhis, "Satyagraha", das konsequente Festhalten an der Wahrheit (satyam), wird in seinem Chart vom Rajayoga-Planeten Buddha verkörpert, der als Herr des 9. Hauses (Wahrheit, Rechtschaffenheit, Dharma) in seiner Stellung im 1. Haus das konkrete persönliche Handeln prägt und Shukra, den Repräsentanten des persönlichen Handelns, durch die Konjunktion ebenfalls zu einem Rajayoga-Planeten macht.

Der Asket - die Funktionsweise von Shani

Shanis Stellung im Horoskop Gandhis ist kompliziert. Einerseits ist Saturn als Herr eines Kendra (4. Haus) und eines Trikona (5. Haus) unabhängig von seiner eigenen Platzierung im Chart ein Rajayoga-Planet und neben Buddha, dem Herrn des 9. Hauses, einer der beiden großen Förderer und Wohltäter für den Aszendenten Waage. Andererseits ist Shani ein natürlicher Übeltäter, steht in einem Maraka-Haus (Haus 2) nicht günstig und zudem in Skorpion unter der Herrschaft von Mangal, eines erbitterten Feindes des Aszendenten Waage. Seine mittelmäßige Zeichenstellung (neutral), der Aspekt, den er von Rahu erhält und auch die Tatsache, dass Shani von einem Planeten (Mangal) beherrscht wird, der selbst schwach im Zeichen des Feindes steht, tragen nicht dazu bei, etwas an der doppeldeutigen Stellung von Shani zu ändern. Seine starke Stellung im eigenen Zeichen Steinbock in der Navamsa gibt dann wieder Anlass zu einer positiveren Bewertung.

Die Position von Shani, des Repräsentanten des großen "Nein" im Horoskop, im destruktiven und abgründigen Zeichen Skorpion, das konsequente bis fanatische Entschlossenheit verkörpert, ist zweifellos eine der grimmigsten Konstellationen in Jyotish. Aber trotzdem ist er als Rajayoga-Planet ein Erfolgfaktor und bringt als Herr des 5. Hauses Punyam, d.h. gutes Karma aus vorherigen Leben, Gottes Segen und höhere Geisteskräfte (Siddhis) ins Spiel.

Als Befehlempfänger von Mars steht Saturn für die brutale und konsequente Unterdrückung von Gandhis Heimat Indien durch die Briten. Shani aspektiert - ebenso wie sein Herr Mangal - das 4. Haus, das im Horoskop vor allem Indien verkörpert. Die Betonung des 4. Hauses als Heimatland gegenüber einer begrenzteren Interpretation als eigene Wohnung oder Eigenheim ergibt sich daraus, dass der Mond als Karaka des 4. Hauses im 10. Haus, dem Haus der äußeren Welt und der Öffentlichkeit, steht und von dort aus sein 4. Haus aspektiert.

Als Rajayoga-Karaka und Wohltäter für den Aszendenten steht Saturn für Gandhis erfolgreiche Anwendung der Methoden der strengen Askese und der konsequenten Einhaltung von Gelübden, die er bewusst - neben den Buddha/Shukra-Strategien Satyagraha und gewaltloser Widerstand - auch als Mittel der Politik einsetzt, insbesondere das Fasten - Shani steht ja im 2. Haus, das auch die Einnahme von Nahrung repräsentiert.

In Südafrika sagte der Sekretär des englischen Generals Smuts einmal halb im Scherz zu Gandhi: "Ich liebe eure Leute nicht und habe durchaus keine Lust, ihnen etwas zuliebe zu tun. Aber was soll ich machen? ... Ich wünschte oft, ihr möchtet zu Gewalt greifen wie die englischen Streiker, dann wüssten wir sofort, wie wir euch loswerden würden. Aber ihr wollt ja nicht einmal eurem Feind etwas Böses tun. Ihr wollt siegen lediglich dadurch, dass ihr selber Leiden auf euch nehmt, und übertretet nie eure selbstgesteckten Grenzen der Höflichkeit und Ritterlichkeit. Und eben das verdammt uns zu völliger Hilflosigkeit." (Autobiografie S. 174)

Wer war Gandhi?

Was lässt sich aus der Sicht von Jyotish darüber sagen, wer Gandhi war? Ein Anwalt für Gerechtigkeit? - ja. Ein Politiker? - ja. Ein Volkstribun? - ja. Ein Herrscher? - nein, dazu steht Surya zu schwach und die Feuerzeichen sind in Rashi und Navamsa zu wenig ausgeprägt.

Ein Heiliger? - wohl nicht. Auch er selbst sah sich nicht so. Aber er beschrieb sich selbst - halb ironisch und halb ernst - "nicht nur als Reformer und Politiker, sondern Politiker, der danach strebt, ein Heiliger zu werden." (Autobiografie, Nachwort, S. 184) Damit steht er voll im Einklang mit der Kernaussage des griechischen Philosophen Platon, dass die Staaten nicht in Ordnung gebracht werden können, wenn nicht die Staatsmänner Philosophen oder die Philosophen Staatsmänner würden - und ein Philosoph ist für Platon kein Grübler, der exzessiv Fremdworte gebraucht, sondern jemand, der danach strebt, die innerste, unvergängliche Realität des Lebens zu schauen.

Den Ehrennahmen "Mahatma" - was soviel wie "Große Seele" bedeutet - hat Gandhi sich meines Erachtens allemal durch sein Streben verdient und das Chart bestätigt auch, dass er eine große Persönlichkeit war. Dass er moralische Prinzipien wie Satyagraha und Ahimsa nicht nur vertrat, sondern auf sehr persönliche Weise vorlebte und in die Tat umsetzte, ist - gerade für einen Politiker - sehr ungewöhnlich und bemerkenswert.

Kritische Würdigung

Im Nachwort zu Gandhis Autobiografie wird darauf hingewiesen, dass - auch in Indien - das Lebenswerk und die Person Gandhis durchaus kritisch beurteilt werden. Für diese Kritik gibt es auch Anhaltspunkte in Gandhis Horoskop.

Die Befreiung Indiens von der britischen Kolonialherrschaft - in Gandhis Chart übrigens u.a. von Ketu im 4. Haus repräsentiert, der als Gegenspieler von Rahu Signifikator für Befreiung ist - war sicherlich ein Sieg und ein Erfolg Gandhis, aber beides war nicht endgültig. Auch nach der offiziellen Erklärung der Unabhängigkeit war Indien weiterhin dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zugriff der materialistisch geprägten Großmächte ausgeliefert. Der American/British Way of Life griff in Indien in einem Maße um sich, dass von "Veda Bhumi Bharata" und "Deva Bhumi Bharata" (Indien als Land des Veda und Land der Götter) fast nichts mehr übrig zu bleiben drohte.

Diese Einflüsse sind auch in Gandhis Chart zu sehen. Auch wenn Mangal und Guru, die den Einfluss fremder Großmächte auf Indien repräsentieren, von Shukra und Buddha, den persönlichen Faktoren in Gandhis Horoskop, beherrscht und bekämpft werden, so blieben Gandhis Persönlichkeit und sein Handeln nicht unbeeinflusst von ihnen: Mangal ist, wenn auch als Fremdkörper, ein Faktor im 1. Haus und der von Mangal beherrschte Guru aspektiert das 1. Haus mitsamt Shukra und Buddha voll. Durch die Gegenwart des Übeltäters Mars im 1. Haus wird der Rajayoga-Karaka Buddha zu einem Übeltäter-Planeten. Gandhi wurde in England zum Rechtsanwalt ausgebildet und hat viele Wertvorstellungen der Briten übernommen. Auch die britische Herrschaft über Indien sah er lange Zeit als etwas grundsätzlich Gutes und Rechtmäßiges an und beschränkte sich darauf, deren ungerechte "Nebenwirkungen" zu korrigieren und zu bekämpfen. Er trat aktiv dafür ein, dass Indien an der Seite von England im 2. Weltkrieg kämpft, um u.a. damit zu erreichen, dass Indien ein anerkanntes und vollwertiges Mitglied des britischen Weltreiches wird. Auch der Mond ist, wie bereits erwähnt, bester Freund von Mangal und Guru.

Das Zusammenwirken von Mangal und Guru, beides Marakas und Feinde des Aszendenten Waage, spielen auch bei Gandhis Tod eine entscheidende Rolle. Gandhi wurde von einem fundamentalistischen Hindu erschossen. Der Hass der Hindu-Fundamentalisten auf Gandhi wegen seines Engagements für die "Unberührbaren" in der indischen Gesellschaft wurde übrigens konsequent von den Engländern geschürt. Der Maraka Mangal im Aszendenten steht für das Geschoss, das Gandhis Leben beendete, der Maraka Guru in Widder für die aggressive Religiosität.

Auch die Aufteilung Indiens in einen moslemischen (Pakistan) und einen hinduistisch dominierten Staat (Indien) stellt einen Erfolg der britischen "Teile und Herrsche"-Strategie dar, die der Unabhängigkeit einen bitteren Beigeschmack gibt und bis in die Gegenwart hinein für ständige Konflikte sorgt. Auch diese Trennung ist in Gandhis Chart zu sehen und wird von Rahu, seiner Konjunktion mit dem Mond (Mond = Bevölkerung), dem Karaka des 4. Hauses, und Rahus vollem Aspekt auf das 4. Haus verkörpert.

Gandhis erfolgreiche Anwendung der Strategie der Gewaltlosigkeit und des Sieges über den Feind, indem man ihn liebevoll vereinnahmt, ist tief in seiner Persönlichkeit verankert (Rajayoga-Karaka Shukra im Aszendenten). Unter dem Einfluss seiner starken Persönlichkeit haben seine Mitkämpfer diese Strategie akzeptiert und mitgetragen, wenn auch nicht immer willig, aber nach seinem Tod ist dieses Prinzip wieder weitgehend in Vergessenheit geraten.

Ein Chart, dessen Untersuchung sich lohnt

Mit diesen Hinweisen auf die Grundstruktur von Gandhis Chart ist man, so hoffe ich, recht gut ausgerüstet, um weitere Feinheiten dieses interessanten und lehrreichen Horoskopes zu untersuchen. Die Materialsammlung der Tabellen und Textbausteine sowie die Texte von Parashara zu den Dashas und Antardashas (s. Link oben) können sicher für diese Untersuchung hilfreich sein.