Das Mahāpurāna Shrīmad Devī Bhāgavatam

Buch 1

Kapitel 1: Die Bitte um das Purāna seitens Shaunaka und anderer Rishis

Ich meditiere über die anfangslose Brahmāvidyā, deren Natur allumfassendes Bewusstsein ist: Möge sie unseren Intellekt zur Erkenntnis der Realität anregen.

Shaunaka sprach: ‚Oh vom Glück höchst gesegneter Sūta, oh edler Sūta, du bist der Beste aller Menschen. Du bist wahrlich gesegnet, denn du hast all die segensreichen Purānas vollständig studiert.

Oh Sündloser, und du plapperst sie nicht nur einfach wie ein Papagei nach, sondern du hast vollständig ihre innere Bedeutung verstanden, denn du hast sie von Vyāsa, dem Sohn der Satyavati, persönlich gelernt. Wir haben es unserem Schatz an gutem Karma (punyam) zu verdanken, dass du jetzt zu diesem göttlichen, heiligen Vishvasan Kshettra gekommen bist – ein Ort, welcher gänzlich frei von jedem üblen Einfluss des Kālīyuga ist.

Oh Sūta, diese hier versammelten Munis (Weisen) sind begierig, die heilige Purāna Samhitā von dir zu vernehmen, die zu hören verdienstvoll ist. Bitte erzähle sie uns mit konzentriertem Geiste. Oh allwissender Sūta, lebe lange und sei frei von der dreifachen Sorge des Daseins. Oh überaus Glücklicher, erzähle uns das Purāna, welches gleichrangig mit den Veden ist.

Oh Sūta, jene, die nicht den Erzählungen der Purānas lauschen, sind sicherlich voṁ Schöpfer nicht vollständig ausgestattet worden, denn obwohl sie einen Hörsinn besitzen, vermögen sie nicht die süße Essenz der Worte der Purānas zu schmecken. Denn der Hörsinn findet nur dann Erfüllung, wenn er die Worte der Weisen vernimmt – so wie der Geschmackssinn nur dann befriedigt wird, wenn er die sechs Arten der Rasas (Geschmacksarten) schmeckt; dies ist jedem bekannt.

Selbst die Schlangen, welche kein Hörorgan besitzen, werden von schöner Musik bezaubert. Warum also sollte man nicht diejenigen Menschen zurecht als ‚taub‘ bezeichnen, die zwar Hörorgane besitzen, aber unwillig sind, die Purānas anzuhören?

Oh Saumya, all diese Brahmanen hier, die, von der Furcht vor dem Kaliyuga gepeinigt, hier in den Naimishāranya-Wald flüchteten, sind begierig, äußerst aufmerksam den Purānas zu lauschen – zu diesem einen Zweck haben sie sich jetzt hier versammelt.

Man muss ja die Zeit hienieden ohnehin auf die eine oder andere Weise verbringen; unintelligente Menschen verbringen ihre Zeit mit Lustbarkeiten und schlechten Handlungen, aber die Weiseren verbringen ihre Zeit damit, über die vedischen Schriften nachzusinnen.

Vedische Schriften sind allerdings außerordentlich zahlreich und von vielfältiger Art; sie enthalten Jalpas (Streitgespräche), Vadas (Prinzipien korrekter Schlussfolgerung) und vielfältige Arthavādas (Erklärungen, Beweisführungen, Handlungsanweisungen, historische Berichte, Lobpreisungen usw.) und sind voll von unterschiedlichen Argumenten.

Unter den vedischen Schriften ist der Vedānta sāttvisch, die Mimāmsas sind rājasisch und die Nyāya-Shāstras zusammen mit den Hetuvādas tāmasisch – die vedischen Schriften sind also von unterschiedlichster Art. Ebenso gibt es auch drei Arten von Purānas: sāttvische, rājasische und tāmasische.

Oh Saumya, du hast schon oftmals die Purānas rezitiert, welche fünf Eigenschaften besitzen und reich an vielen Erzählungen sind. Unter ihnen allen ist es das fünfte Purāna, das Devī Bhāgavatam, das gleichrangig mit dem Veda anzusehen ist, alle guten Qualitäten besitzt, Pflicht- und auch Wunscherfüllung (dharma und kāma) verleiht sowie denen, die nach Erlösung streben, Befreiung (moksha) gibt und überaus wundervoll ist. Du hast dieses Purāna zuweilen erwähnt, bist aber nicht genauer darauf eingegangen. Nun aber sind diese Brahmanen hier begierig darauf, voller Freude das Beste der Purānas, das göttliche, gesegnete Bhāgavatam zu vernehmen. Bitte sei so freundlich, es hier in allen Einzelheiten vorzutragen!

Oh Kenner des Dharma (des kosmischen Gesetzes), durch dein Vertrauen und deine Hingabe an deinen Meister bist du sāttvisch geworden und hast dadurch vollständiges Wissen über die von Maharishi Veda Vyāsa überlieferten Purāna Samhitās erlangt. Oh Allwissender! Demzufolge haben wir schon viele Purānas aus deinem Munde vernommen, aber wir sind davon noch nicht gesättigt – so, wie die Devas niemals vom Trinken des Unsterblichkeitstrankes (amrita) genug bekommen.

Oh Sūta, Schande über den Unsterblichkeitstrank, denn das Trinken des Nektars vermag nicht Befreiung (mukti) zu geben. Aber das Anhören des Bhāgavatams gibt sofortige Befreiung von diesem Samsāra, dem Kreislauf von Geburten und Toden.

Oh Sūta, wir haben tausende und abertausende von Yagyās durchgeführt, um das Trinken des Nektars (amrita) zu erlangen, aber wir haben dadurch keinen dauerhaften inneren Frieden erlangt. Der Grund dafür ist, dass die Yagyās nur zur Himmelswelt (svarga) führen; wenn der Schatz an angesammeltem guten Karma (punyam) aufgebraucht ist, ist das himmlische Leben vorbei und man stürzt gleichsam wieder vom Himmel herab. Infolge dieses ständigen Herumwirbelns im Rad des Samsāra kommt der Zyklus von Geburten und Toden niemals zu einem Ende.

Oh Allwissender, ohne wahre Erkenntnis (gyāna) erlangt ein Mensch niemals die Befreiung (moksha), sondern wird weiterhin in diesem Rad der Zeit (kālachakra) herumgewirbelt, das aus den drei Gunas besteht. Daher trage bitte das heilige Bhāgavatam vor, das von den nach Befreiung Strebenden immerdar geliebte, das geheimnisvolle, erleuchtende, freudevolle, das sämtliche Gefühlsregungen (rāsas) in sich fasst.‘

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das erste Kapitel: ‘Die Bitte um das Purāna seitens Shaunaka und anderer Rishis.’



Kapitel 2: Die Beschreibung des Purāna

Shrī Sūta sprach:

Ich bin wahrlich glücklich zu schätzen. Ich betrachte mich als gesegnet und durch die Anwesenheit der hier versammelten Mahātmas und ihre Bitte geläutert, ihnen das höchst verdienstvolle, unter den vedischen Schriften berühmte Purāna zu rezitieren. Ich werde jetzt in allen Einzelheiten dieses Purāna vortragen, die beste aller heiligen Schriften (āgama), welche von den Veden bestätigt wird und das innerste Geheimnis der vedischen Schriften enthüllt.

Oh ihr Brahmanen, ich verneige mich vor den zarten, in allen drei Welten berühmten Lotusfüßen der Devī Bhagavatī, die von Brahmā, Vishnu, Mahesha und den Devas gepriesen werden, über welche die Könige unter den Heiligen (munindra) allzeit meditieren und über welche die Yogis nachsinnen, um Erleuchtung zu erlangen.

Heute werde ich hingebungsvoll, in allen Einzelheiten und in klaren Worten, jenes Purāna vortragen, welches das Beste aller Purānas ist, das Reichtum verleiht und alle Gefühlsregungen (rāsas) enthält, die ein menschliches Wesen zu empfinden vermag: das Shrīmad Devī Bhāgavatam.

Möge die höchste, uranfängliche kosmische Energie (shakti), die in den Veden als höchstes Wissen (vidyā) bekannt ist, die allwissend ist, die das tiefste Innerste von allen Wesen kontrolliert, die fähig ist, den Knoten der Welt aufzulösen, die von den Bösen und Übelgesinnten nicht erkannt werden kann, aber von den Munis in ihrer Meditation geschaut wird, möge jene Bhagavatī Devī mir stets die Intelligenz (buddhi) schenken, welche das Purāna angemessen wiederzugeben vermag!

Im Geiste gedenke ich der Mutter aller Welten, welche dieses Universum erschafft und deren Natur sowohl real als auch unreal ist, die vermittels ihrer rājasischen, sāttvischen und tāmasischen Qualitäten alles erschafft, erhält und zerstört und am Ende alles wieder in sich auflöst und all-einsam in der Phase der Auflösung in sich selbst spielt – diese Mutter aller Welten rufe ich mir jetzt in Erinnerung.

Es ist allgemein bekannt, dass Brahmā der Erschaffer des Universums ist und auch die Kenner des Veda und der Purānas sagen dies; aber sie sagen auch, dass Brahmā aus dem Nabel-Lotus von Vishnu geboren wird. Offenbar kann Brahmā also nicht unabhängig erschaffen.

Vishnu wiederum, aus dessen Nabel-Lotus Brahmā geboren wird, liegt in der Phase der Auflösung (pralaya) in tiefem Yoga-Schlaf auf dem Bett, dass von Ananta, (der tausendköpfigen kosmischen Schlange) gebildet wird. Wie können wir dann Bhagavān Vishnu, der auf der tausendköpfigen Schlange Ananta ruht, als den Schöpfer des Universums bezeichnen?

Der Zufluchtsort von Ananta wiederum ist der Ozean Ekārnava; eine Flüssigkeit kann nicht ohne einen Kessel bewahrt werden, daher nehme ich Zuflucht zur Mutter aller Wesen, die allem als Energie (shakti) innewohnt und so alles stützt und nährt. Ich nehme Zuflucht zu jener Göttin (devī), die von Brahmā mit Lobeshymnen angerufen wurde, als er im Nabel-Lotus Vishnus ruhte, welcher wiederum tief im Yoga-Schlaf (yoga-nidrā) versunken war.

Oh Munis, indem ich mich meditierend in meinem Bewusstsein jener Maya-Devī zuwende, die das Universum erschafft, erhält und zerstört, von der bekannt ist, dass sie aus den drei Gunas besteht und die Befreiung (mukti) gewährt, trage ich euch nun das gesamte Purāna vor; hört bitte aufmerksam zu.

Das Purāna ShrImad Devī Bhāgavatam ist ausgezeichnet und heilig. Es enthält achtzehntausend reine Verse (shlokas). Bhagavān Krishna Dvaipāyana (Maharishi Veda Vyāsa) hat dieses Purāna in zwölf großartige Bücher (skandha) und in dreihundertundachtzehn Kapitel unterteilt.

Das erste Buch enthält zwanzig Kapitel, das zweite Buch zwölf Kapitel, das dritte Buch dreißig Kapitel, das vierte Buch fünfundzwanzig Kapitel, das fünfte Buch fünfunddreißig Kapitel, das sechste Buch einundreißig, das siebente vierzig, das achte vierundzwanzig, das neunte fünfzig, das zehnte dreizehn, das elfte vierundzwanzig und das zwölfte Buch umfasst vierzehn Kapitel, oh Munis. So also hat Dvaipāyana Muni die Kapitel in jedem Buch angeordnet.

Auf diese Weise hat der Mahātma Veda Vyāsa dieses Bhāgavata Purāna in so viele Bücher und so viele Kapitel eingeteilt; dass die Gesamtzahl der Verse achtzehntausend beträgt, wurde ja bereits erwähnt.

Als Purāna wird ein Werk der vedischen Literatur bezeichnet, das folgende fünf charakteristische Themen beinhaltet: Erschaffung des Universums, sekundäre Schöpfung, Dynastien, Manvantaras sowie die Beschreibung der Manus und anderer Herscher

Shivā ist jenseits der Atrribute der Prākriti, ewig und immerdar allgegenwärtig; sie ist frei von jeder Veränderung, unerschütterlich, unerreichbar außer durch Yoga; sie ist die Zufluchtsstätte des Universums und ihre Natur ist Transzendentales Bewusstsein (turīya chaitanya). Mahā Lakkshmī ist ihre sāttvische Shakti, Sarasvatī ist ihre rājasische Shakti und Mahā Kālī ist ihre tāmasische Shakti – all diese sind weibliche Formen.

Das Annehmen körperlicher Gestalten durch diese drei Shaktis für die Erschaffung dieses Universums wird von den großen Persönlichkeiten (mahāpurusha), die in den Schriften bewandert sind, Schöpfung (sarga) genannt. Die weitere Umwandlung dieser drei Shaktis in Brahmā, Vishnu und Mahesha zur Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung dieses Universums wird als sekundäre Schöpfung (pratisarga) bezeichnet.

Die Beschreibung von Svāyambhūva und anderen Manus mitsamt den Perioden ihrer Herschaft fällt unter den Begriff Manvantaras. Die Schilderung ihrer Nachkommen stellt die Beschreibung ihrer Familiendynastien dar. Oh Beste der Munis! Alle Purānas enthalten diese fünf charakteristischen Themen.

Auch das von Veda Vyāsa verfasste Mahābhārata beinhaltet diese fünf Themen. Es ist als fünfter Veda und als Itihāsa (Geschichtswerk) bekannt. Es enthält etwas mehr als hunderttausend Verse.

Shaunaka sprach:

Oh Sūta, was sind all jene Purānas und wieviele Verse enthält jedes von ihnen? Bitte errzähle uns an diesem heiligen Ort hier in allen Einzelheiten davon; wir, die Bewohner von Naimisāranya, sind begierig, alles darüber zu hören.

Als wir voller Furcht vor dem Kali-Zeitalter waren, gab uns Brahmā ein Manamaya-Rad (chakra) und sprach zu uns: folgt diesem Rad, geht ihm nach – und dort, wo die Felge dieses Rades so dünn geworden ist, dass es nicht mehr weiter rollt, wird ein heiliger Ort sein; Kali wird dort niemals hingelangen können und dort solltet ihr am besten bleiben, bis das Sat-Yuga wiederkehrt.

Diesen Anweisungen von Brahmā Folge leistend haben wir uns hier niedergelassen. Als wir die Worte Brahmas vernommen hatten, sind wir rasch dem rollenden Rad gefolgt, mit dem Ziel, den besten und heiligsten Zufluchtsort zu finden. Als wir hierher kamen, war die Felge vor unseren Augen schließlich ganz dünn und abgenutzt – daher wird dieser Ort (kshettra) Naimis genannt; es ist dies eine Stätte, die eine unübertroffen heiligende und segnende Wirkung entfaltet.

Kali vermag hier nicht einzudringen, deshalb sind mir die Mahātmas, Munis und Siddhas, die sich vor dem Kali-Zeitalter fürchteten, hierher gefolgt und haben hier einen Zufluchtsort gefunden. Wir haben hier unsere Yagyās mit geläuterter Butter (purodāsa) durchgeführt, in denen keine Tiere geopfert werden; jetzt haben wir hier keine wichtige Tätigkeit mehr durchzuführen, außer die Zeit bis zur Ankunft des Sat-Yuga hier zusammen zu verbringen.

Oh Sūta, wir sind in jeder Hinsicht außerordentlich vom Glück begünstigt, weil du hier erschienen bist. Bitte läutere uns heute, indem du uns die Namen der Purānas aufzähst, die gleichrangig mit den Veden anzusehen sind.

Oh Sūta, du bist ja ein hervorragender Redner; wir wiederum sind begeisterte Zuhörer, die nicht durch irgendwelche anderen Tätigkeiten abgelenkt sind. Bitte rezitiere uns heute das segensreiche, heilige Bhāgavata Purāna.

Oh Sūta, mögest du lange leben und mögen dich keinerlei Schmerzen aus innerer oder äußerer Ursache oder solche, die von den Göttern (deva) verhängt werden, jemals quälen!

Wir haben gehört, dass in dem allersegensreichsten Purāna, das von Maharishi Dvaipāyana erzählt wird, alles Wissenswerte über Rechtschaffenheit (dharma), Wohlstand (artha) und Wunscherfüllung (kāma) enthalten ist und ebenso die Erlangung der höchsten Erkenntnis (tattvagyana) und Erleuchtung darin angesprochen wird.

Oh Sūta, auch nachdem wir schon so viele von diesen wunderbaren heiligen Worten vernommen haben, ist unser Wunsch danach noch nicht befriedigt. Bitte trage uns jetzt das höchst reine Shrīmad Devī Bhāgavatam vor, in dem all die spielerischen Aktivitäten (līla) der Mutter drei Welten erzählt werden, das die Läuterung von allen Sünden bewirkt und wie der kosmische Wunschbaum (kalpa vriksha) allen Wünschen Erfüllung bringt.

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das zweite Kapitel: ‘Die Beschreibung des Purāna.’



Kapitel 3: Die Lobpreisung der Purānas und der Vyāsas jedes Dvāpara-Yugas

Sūta sprach:

Oh Beste der Munis! Ich zähle euch jetzt die Namen der Purānas auf, genauso, wie ich sie von Veda Vyāsa, dem Sohn der Satyavati, gehört habe:

Von den Purānas, die mit ‘ma” beginnen, gibt es zwei; beginnend mit ‘bha” ebenfalls zwei; beginnend mit ‘bra” gibt es drei; beginnend mit ‘va” vier; mit ‘a”, ‘na”, ‘pa”, ‘ling”, ‘ga”, ‘ku” und ‘ska” jeweils eines.

ma‘ bedeutet Matsya Purāna und Mārkandeya Purāna; ‘bha‘ bezieht sich auf die Purānas Bhavishya und Bhāgavata; ‘bra‘ weist auf Brahma-, Brahmānda- und Brahmāvaivarta-Purāna hin; ‘va‘ bezeichnet die Purānas Vāman, Vayu, Vishnu und Varaha; ‘a‘ kennzeichnet das Agni-Purāna, ‘na‘ das Narada Purāna, ‘pa‘ das Padma Purāna, ‘Ling‘ das Linga-Purāna, ‘ga‘ das Govinda Purāna, ‘ku‘ das Kurma Purāna und ‘ska‘ schließlich das Skanda Purāna. Dies sind die achtzehn Purānas.

Oh Shaunaka, das Matsya Purāna hat vierzehntausend Verse; im wunderbar vielfältigen Markandeya Purāna gibt es neuntausend Verse. Im Bhavishya Purāna haben die Munis, die Seher der Realität, fünfhundert Verse gezählt. Im heiligen Bhāgavata Purāna gibt es achtzehntausend Verse. Das Brahmā Purāna enthält zehntausend Verse. Im Bramānda Purāna gibt es zwölftausendeinhundert Verse und achtzehntausend Verse zählt das Brahmā Vaivarta Purāna. Das Vamana Purana beinhaltet zehntausend Verse; im Vaya Purāna finden sich vierundzwanzigtausendsechshundert Verse; das höchst wunderbare Vishnu Purāna hat dreiundzwanzigtausend Verse; im Agni Purāna gibt es sechzehntausend Verse. Das Brihat Narada Purāna enthält fünfundzwanzigtausend Shlokas und das große Padma Purāna fünfundfünfzigtausend. Im umfangreichen Linga Purāna existieren elftausend Verse; das von Hari vorgetragene Garuda Purāna umfasst neunzehntausend Verse; das Kurma Purāna enthält siebzehntausend und das wundervolle Skanda Purāna einundachtzigtausend Verse.

Oh ihr sündlosen Rishis, hiermit habe ich die Namen aller Purānas mitsamt der Anzahl der in ihnen enthaltenen Verse aufgezählt. Vernehmt nun von den Upa Purānas.

Das erste Upa Purāna wird von Sanat Kumāra erzählt; es folgt das Narasimha Purāna; dann das Naradiya Purāna, Shiva Purāna – das von Durvasa vorgetragene Purāna, Kapila Purāna, Manava Purāna, Aushanasa Purāna, Varuna Purāna, Kalika Purāna, Samva Purāna, Nandi Keshvara Purāna, Saura Purāna, das Purāna von Parashara, Ᾱditya Purāna, Maheshvara Purāna, Bhāgavata und Vasishtha Purāna. Diese Purānas werden von den Mahātmas aufgezählt.

Nachdem er die achtzehn Purānas zusammengestellt hatte, verfasste Veda Vyāsa, der Sohn der Satyavati, daraus das unvergleichliche Mahābhārata.

In jedem Manvantara, in jedem Dvāpara-Yuga, stellt Veda Vyāsa die Purānas zusammen, um das Dharma zu bewahren. Veda Vyāsa ist niemand anderes als Vishnu selbst. Er selbst, in Gestalt von Veda Vyāsa, teilt den Veda in jedem Dvāpara-Yuga in vier Teile auf, um der Welt Gutes zu tun.

Die Brahmanen des Kali-Zeitalters sind kurzlebig und ihr Intellekt (buddhi) ist nicht scharf; sie vermögen nach ihrer Studienzeit den Sinn des Veda nicht zu erfassen; dies wissend stellt Shrī Bhagavan in jedem Dvāpara-Yuga die heiligen Purāna-Samhitas zusammen – um so mehr, weil Frauen, Shudras und die niedrigeren Klassen der Gesellschaft nicht berechtigt sind, die Veden zu hören; um ihnen Gutes zu tun, wurden die Purānas erschaffen.

Das gegenwärtige segensreiche Manvantara ist Vaivasvata; es ist dies das siebente in der Folge der Manvantaras und der Sohn der Satyavati, der Hevorragendste unter den Kennern des Dharma, ist der Veda Vyāsa des achtundzwanzigsten Dvāpara-Yuga in diesem siebenten Manvantara. Er ist mein Meister (guru); im nächsten Dvāpara wird Ashvattama, der Sohn des Drona, der Veda Vyāsa sein.

Siebenundzwanzig Veda Vyāsas sind bereits hervorgetreten und haben ordnungsgemäß ihre eigenen Purāna Samhitas in ihren jeweiligen Dvāpara Yugas zusammengestellt.

Seinem sehr intelligenten Sohn Shuka Deva, der nicht auf die übliche Weise aus einem Mutterleib geboren wurde, enthüllte Dvaipāyana, auf seine Anfrage hin, all die ausgezeichneten geheimen Bedeutungen des Mahāpurāna Shrīmad Devī Bhhāgavatam und auch ich habe dieses Wissen durch ihn erlangt.

Oh ihr Heiligen, auf diese Weise kam Shuka Deva, der ernsthaft danach trachtete, diesen endlosen, grundlosen Ozean des Samsāra zu überqueren, zu dem Geschmack der wunderbaren Essenz des Veda, des alle Wünsche erfüllenden Kalpa-Baumes, dieses Shrīmad Devī Bhāgavatams und erfreute sich mit großer Hingabe an seinen zahlreichen Geschichten und Erzählungen.

Oh, wen kann es in dieser Welt geben, der nicht vom Schrecken des Kali befreit ist, nachdem er dieses Bhāgavatam gehört hat? Selbst der größte Sünder, der nichts von der vedischen Lebensweise und dem vedischen Wissen mitbekommen hat, der nur durch Zufall und ohne Absicht dieses ausgezeichnete Devī Bhāgavatam, das Höchste der Purānas, hört, wird alle Freuden dieser Welt genießen und am Ende den ewigen Wohnsitz erlangen, in dem die Yogis leben.

Sie, die in ihrem unmanifestierten Aspekt (nirguna) selbst von Hari und Hara nur selten erschaut wird, die als höchste Erkenntnis der Wirklichkeit (tattva vidya) von den Weisen (gyāni) geliebt wird, deren wahre Natur nur im reinen Bewusstsein (samādhi) erkannt wird – sie hat stets ihren Sitz im geheimen Herzens-Raum der Hörer des Bhāgavata Purāna.

Wer diese wunderbare an Möglichkeiten reiche menschliche Geburt erlangt, einem Rezitator dieses Purāna begegnet, das gleichsam ein Boot ist, um den Ozean der Welt zu überqueren – und dieses glückselige Purāna dennoch nicht hört, ist wahrlich vom Schöpfer benachteiligt. Wie kann es sein, dass es verwirrte, dumpfe Menschen gibt, die mit ihren üblen Ohren dauernd den ganz und gar nutzlosen Verleumdungen und den Berichten über Fehler und Schwächen von anderen zuhören, aber nicht dieses Purāna hören, das allen vier Lebenszielen (varga) – Dharma, Artha, Kāma und Moksha – Erfüllung bringt?

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das dritte Kapitel: ‘Die Lobpreisung der Purānas und der Vyāsas jedes Dvāpara-Yugas.’



Kapitel 4: Die unvergleichliche Herrlichkeit der Devī

Die Rishis sprachen:

Oh Saumya, wie wurde Shuka Deva geboren, der diese Purāna Samhitās studierte? Von welcher Frau von Vyāsa Deva? Und wie genau?

Oh überaus Intelligenter, du hast vor kurzem erwähnt, dass Shuka Deva nicht auf die natürliche Weise aus dem Mutterleib geboren wurde; er wurde aus den trockenen Holzscheiten für das Homa-Opfer geboren. Da wir aber zuvor hörten, dass dieser große Asket schon im Leib seiner Mutter ein Yogi war, ist unser Geist von großen Zweifeln befallen. Bitte beseitige heute diese unsere Zweifel und berichte uns auch, wie er die so umfangreiche Literatur der Purānas studierte.

Sūta sprach:

Als vor langer Zeit Veda Vyāsa, der Sohn der Satyavati, in seiner Einsiedelei am Ufer des Flusses Sarasvati weilte, erblickte er dort ein Sperlings-Pärchen, dass ihn sehr beeindruckte. Er sah, wie das Pärchen die Schnäbel seiner Jungen fütterte, die, gerade erst aus dem Ei geschlüpft, mit ihrem fettig-glänzenden Körper und ihren roten Mäulchen lieblich anzusehen waren. Sie hatten ihren eigenen Hunger und ihre sonstigen Bedürfnisse völlig vergessen und waren nur darauf bedacht, ihre Jungen zu füttern.

Er beobachtete auch, wie das Pärchen sich zärtlich an seine Jungen schmiegte, ihnen liebevoll die Schnäbelchen küsste und von großer Freude erfüllt war. Als er die wundervolle Zuneigung der beiden Sperlinge zu ihren Jungen sah, wurde sein Geist sehr beunruhigt und er kam zu folgenden Erwägungen:

Oh, wenn schon diese Vögel so von elterlicher Zuneigung zu ihren Kindern erfüllt sind, wen wundert es da, dass die Menschen, die von ihren Söhnen später versorgt werden wollen, ihren Kindern große Zuneigung entgegen bringen. Dieses Sperlingspaar wird ja später nicht seine Kinder voller Freude verheiraten und wird nicht das Antlitz der Ehefrauen ihrer Söhne zu sehen bekommen. Auch haben sie nicht die Erwartung, dass im Alter ihre Kinder sich, von tugendhaftem Pflichtbewusstsein erfüllt und um sich im Himmel großen Verdienst zu erwerben, um sie kümmern werden. Sie erwarten nicht, dass ihre Kinder einmal Geld verdienen werden und sie selbst dann davon profitieren werden noch hoffen sie darauf, dass die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern die Begräbniszeremonie getreulich durchführen werden und ihnen dadurch den Übergang in die andere Welt bereiten. An nichts von all dem denken diese Vogel-Eltern. Die Kinder werden nicht in der heiligen Stadt Gayā die Shrāddha-Zeremonie durchführen noch am Tage des Opfers für die Vorfahren einen blauen Stier darbringen – und dennoch bringt dieses Sperlings-Pärchen seinen Jungen eine solch große Zuneigung entgegen! Oh, in dieser Welt ist es die allerhöchste Wonne, den Sohn zu umarmen und insbesondere, die Söhne zu nähren!

Wer ohne Sohn ist, hat keine Aussicht auf ein erfreuliches Leben nach dem Tode; niemals wird er je die Himmelswelt erlangen. Wer ohne Sohn ist, hat niemanden, der für die Welt danach eine Hilfe sein könnte. Manu und andere Manus haben daher verkündet, dass der Mensch, der Söhne hat, in den Himmel eingeht und der Sohnlose niemals in den Himmel gelangen kann. Es ist ganz offensichtlich und bedarf keiner großen Vorstellungskraft, um zu erkennen, dass ein Mensch, der einen Sohn hat, berechtigt ist, die Freuden des Himmels zu genießen.

Der Mensch, der einen Sohn hat, ist frei von Sünden, dies sagen die Veden.

Der sohnlose Mensch ist zur Zeit seines Todes voller Kummer; auf seinem Bett liegend, das zu diesem Zeitpunkt der Erdboden ist, denkt er traurig: ‘All meine zahlreichen Besitztümer, all diese unterschiedlichen Dinge – wer wird sich an ihnen erfreuen?‘

Wenn der sohnlose Mensch zum Zeitpunkt seines Todes auf diese Weise in seinem Geiste beunruhigt und verwirrt ist, ist sein zukünftiger Weg gewiss ganz von Unglück geprägt. Wenn der Geist zur Zeit des Todes nicht still und heiter ist, wird nichts Gutes die Folge sein.‘

Von zahlreichen derartigen Gedanken erfüllt seufzte Veda Vyāsa, der Sohn der Satyavati, schwer und sein Geist war von Unruhe erfüllt. Eine Reihe von Plänen gingen ihm durch den Kopf und schließlich, als er eine Entscheidung getroffen hatte, begab er sich zum Berge Sumeru, um Bußübungen (tapas) durchzuführen.

Als er dort anlangte, dachte er darüber nach, welche Gottheit er verehren sollte: Vishnu, Shiva, Indra, Brahmā, Surya, Ganesha, Kārtikeya, Agni oder Varuna? Wer würde ihm rasch eine Gabe gewähren und seine Wünsche erfüllen?

Als er gerade im Geiste darüber nachdachte, traf dort zufällig im Verlauf seiner zahlreichen Reisen, seine Laute in der Hand haltend, der Muni Nārada ein. Als er Nārada erblickte, hieß Satyavatis Sohn Veda Vyāsa ihn herzlich willkommen, brachte ihm voller Freude Arghya und Ᾱsana (Fußwaschung und Sitzgelegenheit) dar und fragte ihn nach seinem Wohlergehen.

Nārada Muni sprach: ‚Oh Dvaipāyana, warum siehst du so bedrückt aus? Erkläre mir das als erstes.‘

Veda Vyāsa sagte:

Für den sohnlosen Menschen gibt es keine gute Zukunft, deshalb ist mein Geist unglücklich. Voller Sorge denke ich dauernd darüber nach, wie ich einen Sohn erlangen könnte und dadurch bin ich sehr betrübt. Heute ist mein Geist voller Kummer von dem einen Gedanken erfüllt, welcher Deva wohl, durch meine Bußübungen zufrieden gestellt, mir die Erfüllung meines Wunsches gewähren könnte. Ich nehme nun Zuflucht zu dir, oh gnädiger Maharishi! du bist ja allwissend; sage mir rasch, welchen Deva ich verehren soll, damit ich einen Sohn gewährt bekomme.‘

Sūta sagte:

Also von Krishna Dvaipāna Veda Vyāsa befragt, war der erleuchtete, in den Veden wohlbewanderte Nārada Muni hoch erfreut und antwortete:

Oh vom Glück gesegneter Sohn Parāsharas. Die Frage, die du mir heute stellst, hat einst mein Vater (Brahmā) dem Nārāyana vorgetragen. Nārāyana Vāsudeva, der Gott der Götter, der Erschaffer, Erhalter und Zerstörer des Universums, der Gemahl von Lakshmī, der Vierarmige, in gelbe Gewänder Gekleidete, Muschel, Diskus und Keule in Händen Haltende, auf seiner Brust mit dem glückverheißenden Shrīvatsa-Mal Gezierte und mit dem Kaustubha-Edelstein Geschmückte, die höchste Gottheit selbst, versank daraufhin in tiefe Yoga-Meditation.

Mein Vater war darüber höchst verwundert und sagte:

Oh Janārdana, du bist der Deva der Devas, der Herr der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, der Herr dieses Universums. Warum betreibst du Yoga-Meditation? Und worauf ist deine Meditation ausgerichtet?

Oh Bester der Devas, du bist der Herr des ganzen Universums und dennoch sehe ich dich jetzt in tiefer Meditation versunken. Darüber bin ich überaus erstaunt. Was kann Erstaunlicheres geschehen als dies?

Oh Herr von Ramā, ich bin aus dem Lotus Deines Nabels hervorgegangen und wurde so zum Herrn des gesamten Universums. Wer in aller Welt kann dir übergeordnet sein? – sei so freundlich und sage mir dies. Oh Herr der Welten, du bist der Ursprung von allem, die Ursache aller Ursachen, der Schöpfer, Erhalter und Zerstörer und der all-tüchtige Ausführer aller Handlungen.

Oh Maharāja, nach Deinem Willen schaffe ich dieses ganze Universum und zerstört es Rudra, wenn die rechte Zeit dafür gekommen ist – auch er steht stets unter deiner Befehlsgewalt. Oh Herr, auf deine Anweisung hin leuchtet die Sonne am Himmel, bläst der Wind auf zahlreiche segensbringende oder unheilvolle Weise, bringt das Feuer Hitze und die Wolke Regenschauer hervor.

In allen drei Welten erblicke ich niemanden, der über dir stände. Über wen meditierst du dann? Ein großer Zweifel ist diesbezüglich über mich gekommen. Oh Herr der guten Gelübde, ich bin dein Verehrer. Sei mir gnädig und erkläre mir dies. Einem Mahāpurusha ist ja so gut wie nichts verborgen, dies ist allseits bekannt.‘

Als er Brahmās Worte vernommen hatte, sprach Bhagavān Nārāyana:

Oh Brahmā, ich teile dir meine Gedanken dazu mit, höre aufmerksam zu: Obwohl die Devas, Dānavas und Menschen und alle Welten (loka) wissen, dass du der Schöpfer bist, ich der Erhalter bin und Rudra der Zerstörer ist, so sind dennoch die Weisen, die wahren Kenner der Veden, durch richtige Schlussfolgerung aus den Lehren des Veda, zu dem Ergebnis gelangt, dass die Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung von der schöpferischen Energie, der erhaltenden Energie und der zerstörenden Energie ausgeführt werden.

Die rājasische kreative Kraft wirkt in dir, die sāttvische bewahrende Energie wirkt in mir und die tāmasische zerstörerische Shakti wirkt in Rudra. Diese Shaktis sind allgegenwärtig; wenn sie abwesend sind, wirst du gleichsam leblos und unfähig, zu erschaffen, werde ich unfähig zu erhalten und Rudra unfähig zu zerstören.

Oh intelligenter Suvrata, wir unterliegen stets direkt oder indirekt dieser Kraft; vernimm einige Beispiele, aus denen dies sichtbr wird und geschlossen werden kann: Zur Zeit der Auflösung des Universums (pralaya), lege ich mich unter dem Einfluss dieser Kraft auf dem Bett von Ananta zur Ruhe; zur Zeit der Erschaffung des Universums erwache ich rechtzeitig wieder unter dem Einfluss der Zeit.

Ich bin stets dieser Mahā Shakti unterworfen; von ihr veranlasst betreibe ich lange Zeit Askese (tapas), zu anderen Zeiten erfreue ich mich am Zusammensein mit Lakshmī, dann wieder kämpfe ich in furchtbaren Schlachten, die alle Welten in Schrecken versetzen und große körperliche Leiden mit sich bringen, gegen die Dānavas.

Oh Dharmakundiger, in deiner Gegenwart habe ich fünftausend Jahre lang auf dem großen Weltozean den beiden Dämonen (asura) Madhu und Kaitabha in direktem Kampf gegenüber gestanden, die aus meinem Ohrenschmalz hervorgegangen waren; durch die Gnade der Devī vermochte ich schließlich erfolgreich die beiden von größenwahnsinnigem Stolz verblendeten Dānavas zu töten. Oh vom Glück überaus Begünstigter! du selbst hast dann die Große Shakti geschaut, die höher als das Höchste ist, die Ursache aller Ursachen – warum stellst du dann wieder und wieder diese Frage? Dem Willen dieser Shakti gehorchend habe ich diese Gestalt angenommen und trieb dann auf dem großen Weltenozean umher.

Zeitalter um Zeitalter (yuga) manifestiere ich mich ihrem Willen folgend in den Inkarnationen als Schildkröte, Eber, Mann-Löwe und Zwerg. Niemand wird gerne aus dem Mutterleib niedriger Tiere geboren. Denkst du, dass ich aus freiem Willen als Eber, Schildkröte usw. geboren werde? – ganz sicher nicht! Welches unabhängige Wesen wird das erfreuliche Zusammensein mit der Glücksgöttin Lakshmī aufgeben und stattdessen eine Gestalt als niedriges Tier wie Fisch usw. annehmen oder freiwillig an großen Schlachten teilnehmen, statt bequem auf dem Rücken von Garuda zu sitzen?

Oh Svayambhu, vor Zeiten musstest du selbst mit ansehen, wie mein Kopf abgetrennt wurde, als die Sehne des Bogens sich plötzlich löste; du hast dann den Kopf eines Pferdes herbei gebracht, dass der göttliche Konstrukteur Vishvakarma dann auf meinem kopflosen Körper anbrachte. Oh Brahmā, seither bin ich bei den Menschen unter dem Namen ‚Hayagrīva‘ bekannt, wie du sehr wohl weißt. Sage mir nun: wenn ich unabhängig und frei wäre, hätte ich dann solch eine Schande ertragen müssen? – Niemals! Daher bin ich ganz offensichtlich nicht unabhängig. Ich bin in jeder Hinsicht abhängig von jener Shakti.

Oh Lotus-Geborener! Ich meditiere jederzeit über diese Shakti und ich kenne nichts anderes als diese Shakti.‘

Nārada sagte:

So hat Vishnu zu Brahmā gesprochen. Oh Muni Veda Vyāsa, Brahmā selbst hat mir dies erzählt. Daher solltest auch du dich am besten in tiefer Stille der Meditation, im Lotus deines Herzens, den Lotusfüßen der Bhagavatī zuwenden, um deinem inneren Wunsch Erfüllung zu bringen. Die Devī wird dir alles gewähren, was du wünschst.‘

Sūta sprach:

Auf diese Worte von Nārada hin, begab sich Satyavatis Sohn Veda Vyāsa in die Hügel, um dort Askese zu betreiben, voller Vertrauen in die Lotusfüße der Devī als die alles-bewegende Kraft im Universum.‘

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das vierte Kapitel: ‘Die unvergleichliche Herrlichkeit der Devī.’



Kapitel 5: Die Erzählung von Hayagrīva

Die Rishis sagten:

Oh Sūta! Unser Geist versinkt im Meer der Zweifel, wenn wir diesen unglaublichen Bericht von dir hören, der alle Welt in Staunen versetzt: der Kopf von Janārdana Mādhava, des Herrn der Welten, wurde von seinem Kopf getrennt! Und er wurde danach als Hayagrīva, der Pferdeköpfige, bekannt! Oh, welch größeres Wunder kann es geben als dieses? Den die Veden preisen, auf den die Devas bauen, der die Ursache aller Ursachen ist, der Adi Deva Jagannath. Oh, wie konnte es geschehen, dass sein Kopf abgetrennt wurde? Oh Hochintelligenter! Beschreibe uns all das ausführlich!’

Sūta sprach:

Oh ihr Munis, vernehmt alle mit großer Aufmerksamkeit die glorreichen Taten des höchst energievollen Vishnu, des Gottes der Götter.

Einstmals wurde der ewige Gott Janārdana müde, nachdem er zehntausend Jahre lang unaufhörlich in einer schrecklichen Schlacht gekämpft hatte. Er setzte sich an einem lieblichen Ort in der Padmāsana-Stellung auf die ebene Erde; er legte dabei seinen Kopf auf seinen Bogen, der etwas erhöht vor ihm plaziert war und schlief ein. Vishnu, der Gemahl der Ramā, war außerordentlich müde und fiel daher alsbald in einen tiefen Schlaf.

Zu dieser Zeit begannen Indra und die anderen Devas zusammen mit Brahmā und Mahesha ein Opfer durchzuführen; um dieses zum Wohle der Devas erfolgreich abzuschließen, begaben sie sich nach Vaikuntha um dort den Deva Janārdana, den Herrn aller Opfer, zu treffen. Als die Devas Vishnu dort nicht fanden, erfuhren sie vermittels ihrer Meditation (dhyāna), wo Bhagavān Vishnu sich aufhielt und begaben sich dort hin. Dort erblickten sie Lord Vishnu, den Deva der Devas, wie er ohne Bewusstsein in den Armen des Yoga-Schlafes (yoga-nidra) lag. Besorgt darüber, dass der Herr des Universums schlief, nahmen Brahmā, Rudra und die anderen Devas dort Platz.

Schließlich sprach Indra zu den Devas: ‚Oh Beste der Suras! Was sollen wir jetzt tun? Wie können wir Bhagavān aus seinem Schlaf wecken? Bitte denkt darüber nach, wie wir das bewerkstelligen können!‘

Auf Indras Worte entgegnete Shambhu: ‚Oh gute Devas! In der Tat müssen wir unser Yagyā zuende führen. Aber wenn wir den Schlaf von Bhagavān stören, könnte er zornig werden.‘

Shankaras Worte vernehmend, erschuf Parameshthi Brahmā Vamrī-Insekten (eine Art von weißen Ameisen), damit sie den vorderen Teil des Bogens, der auf dem Boden lag, auffressen sollten, damit dessen anderes Ende sich nach oben richten und so Vishnu aufwecken würde. Auf diese Weise sollte zweifelsohne die Absicht der Devas erfüllt werden. Mit diesem Gedanken befahl der ewige Brahmā den weißen Vamrī-Ameisen, die Bogensehne zu lösen.

Auf diesen Befehl Brahmas hin sprach Vamrī zu Brahma: ‚Oh Brahma! Wie kann ich es wagen, den Schlaf des Devadeva, des Herrn der Lakshmī, des Gurus der Welten, zu stören? Jemanden aus tiefstem Schlaf zu wecken, jemanden beim Sprechen zu unterbrechen, die Liebe zwischen Ehemann und Ehefrau zu stören oder ein Kind von seiner Mutter zu trennen – all diese Handlungen gleichen der der Ermordung eines Brahmanen (brahmāhatya). Daher, oh Deva, wie kann ich den seligen Schlummer des Gottes der Götter stören? Und was soll mir Gutes daraus entstehen, dass ich die Sehne des Bogens fresse, um diese üble Tat zu vollbringen? Aber man begeht ja dennoch eine Sünde, wenn man nur einen Nutzen davon hat; ich bin daher bereit, sie zu fressen, wenn ich einen persönlichen Nutzen davon habe.‘

Brahmā sprach: ‚Wir werden auch dir einen Anteil an diesem unserem Yagyā geben, daher höre auf mich, führe meinen Befehl aus und wecke Vishnu aus seinem Schlaf. Wenn von der geläuterten Butter (ghee) während das Homa durchgeführt wird, etwas neben die Homa-Schale fällt, so soll dies dein Anteil am Yagyā sein; also schreite nun rasch zur Tat!‘

Dem Befehl von Brahmā gehorchend fraß Vamrī alsbald das Vorderende des Bogens auf, das auf dem Boden ruhte. Sofort löste sich die Sehne und der Bogen zuckte nach oben; das andere Ende wurde frei und es ertönte ein schreckliches Geräusch. Die Devas wurden von großer Furcht erfriffen; das ganze Universum geriet in Aufruhr. Die Erde bebte. Der Ozean erhob sich in riesigen Wellen und die Tiere des Wassers erschraken. Ein gewaltiger Sturm erhob sich. Die Berge erzitterten. Meteore von übler Vorbedeutung fielen zur Erde. Die vier Himmelsrichtungen nahmen ein unheilvolles Aussehen an. Die Sonne sank unter den Horizont. Zu diesem Zeitpunkt der Katastrophe überlegten die Devas voller Furcht, was wohl Schlimmes geschehen würde.

Oh ihr Asketen, während die Devas angstvoll grübelten, verschwand der Kopf des Devadeva mitsamt seiner Krone; niemand wusste, wohin er gefallen sein mochte.

Als die grauenhafte Finsternis verschwand, erblickten Brahmā und Mahādeva Vishnus verstümmelten, kopflosen Körper. Bei diesem Anblick waren sie von Schrecken und Verwunderung erfüllt. Sie versanken im Ozean des Kummers und begannen, von Schmerz überwältigt, laut zu weinen:

Oh Herr! Oh Meister! Oh Devadeva! Oh Ewiger! Welch ein unvorhergesehener Schicksalsschlag hat uns heute getroffen! Oh Deva, du kannst nicht durch Stich oder Hieb verletzt werden, noch kann das Feuer dich brennen. Wie kann es dann sein, dass dein Kopf verschwunden ist? Ist dies ein Verblendungszauber (māyā) von irgendwem? Oh Deva, oh Alldurchdringender! Die Devas können nicht weiterleben, wenn dies dein Zustand ist. Wir wissen nicht, welches die Gefühle sind, die du uns gegenüber hegst. Wir weinen, weil wir voller egoistischer Bestrebungen sind – vielleicht ist dies deshalb geschehen? Die Daityas, Yakshas oder Rākshasas können dies nicht vollbracht haben, oh Herr der Lakshmī! Wem können wir die Schuld daran geben? Haben die Devas sich selbst diesen schrecklichen Verlust zugefügt?‘

Oh Herr der Devas, die Devas sind ja ganz und gar abhängig. Sie sind dir untergeordnet. Wohin sollen wir jetzt gehen? Was sollen wir tun? Niemand kann uns dumpfe, dumme Devas jetzt retten!

In diesem kritischen Moment, sprach der vedenkundige Brihaspati, als er Shiva und die anderen Devas weinen sah, folgende tröstende Worte zu ihnen:

Oh vom Glück Gesegnete, was hilft es uns, zu weinen und voller Reue zu sein? Wir müssen jetzt über Mittel nachsinnen, um eine Lösung für unsere Schwierigkeiten zu finden.

Oh Herr der Devas, das Schicksal und der Einsatz der eigenen Intelligenz und der eigenen Tatkraft sind ja gleichrangig; wenn das Schicksal keinen Erfolg herbei führt, so soll man gewiss die eigene Tatkraft und die eigenen Verdienste in die Wagschale werfen.‘

Indra sprach:

Schande über das eigene Bemühen, wenn vor unseren Augen die Kopf von Bhagavān Vishnu selbst abgetrennt wurde! Schande, Schande über unsere Tatkraft und Intelligenz! Das Schicksal ist meiner Meinung nach das Höchste!‘

Brahmā sagte:

Was auch immer Gutes oder Schlechtes vom Schicksal (daiva) verhängt wird, das muss ein jeder ertragen; niemand steht über dem Schicksal. Sobald man einen Körper angenommen hat, muss man entsprechend Freude und Kummer ertragen, darüber kann es keinen Zweifel geben.

Schaut, vor langer Zeit hat Shambhu, durch die Ironie des Schicksals, meinen Kopf abgetrennt. Auch ist sein Fortpflanzungsorgan einst infolge eines Fluches abgefallen. Ebenso ist heute Haris Kopf in den Salzozean gefallen.

Infolge des Einflusses der Zeit hatte Indra, der Herr der Shachī, einst tausend genitalförmige Auswüchse an seinem Körper, wurde aus dem Himmel verstoßen, musste sich im Manas Sarovar in einer Lotuspflanze verstecken und zahlreiche andere Missgeschicke erdulden.

Oh ruhmreiche Devas, wenn sogar solche Persönlichkeiten Schmerzen erdulden müssen, wer in dieser Welt soll dann frei von Leiden sein? Daher überlasst euch nicht länger eurem Kummer, sondern meditiert über die ewige Mahāmāyā, deren Natur höchste Erkenntnis (brahmāvidyā) ist, die jenseits der Gunas ist, die uranfängliche Prākriti, die alle drei Welten durchdringt und das gesamte bewegliche und unbewegliche Universum. Sie wird für unser Wohlergehen sorgen.‘

Sūta sprach:

Als er so zu den Devas gesprochen hatte, wies er alle Veden, die dort in ihrer verkörperten Gestalt anwesend waren, an, sich für den Erfolg der Devas einzusetzen.

Brahmā sagte:

Oh ihr Veden, geht nun und rezitiert Hymnen an die Heilige Höchste Göttin Mahāmāyā, die höchste Erkenntnis ist, die allen Bestrebungen Erfolg verleiht und in allen Formen des Universums auf verborgene Weise gegenwärtig ist.‘

Als sie seine Worte vernommen hatten, begannen die all-herrlichen Veden Hymnen an die Devī Mahāmāyā vorzutragen, die durch reine Erkenntnis (gyāna) erfasst werden kann und alle Welten durchdringt.

Die Veden sangen:

Verehrung der Devī, der Mahāmāyā, der segensreichen Göttin, der Erschafferin des Universums! Wir verneigen uns vor dir, die du jenseits der Gunas bist, vor der Herscherin über alle Wesen. Oh Mutter, du bist selbst für Shankara die Erfüllung seiner Wünsche. Alle Dinge sind in dir enthalten. Du bist der Atem und die Lebenskraft (prāna) aller Lebewesen. Du bist Intelligenz (buddhi), Wohlstand (Lakshmī), Glanz (shobhā), Vergebung (kshamā), Friede (shānti), Glaube (shraddhā), Urteilskraft (medhā), Standhaftigkeit (dhriti) und Erinnerung (smriti).

Du bist das Bindu über dem Prānava (der Punkt über dem m der Silbe Om) und deine Natur ist die des Halbmondes. Du bist Gāyatrī, du bist die Aussprache (vyārhiti); du bist der Sieg (jaya) und der endgültige Triumph (vijaya); du bist die Unterstützung (dhātri), die Tugend der Bescheidenheit (lajja); du bist der Ruhm (kīrti), der feste Entschluss (ichcha) und die Gnade (daya) in allen Wesen.

Oh Mutter, du bist die gnadenreiche Mutter der drei Welten. Du zerstörst das Universum und du wohnst auf verborgene Weise in den Samen-Mantras (bīja-mantra). Daher preisen wir Dich. Oh Mutter! Brahmā, Vishnu, Maheshvara, Indra, Sūrya, Agni, Sarasvatī und andere Herrscher über das Universum sind allesamt deine Schöpfungen, daher steht keiner von ihnen über dir. Du bist die Mutter von allem, das sich bewegt und nicht bewegt.

Oh Mutter, wenn du dieses sichtbare Universum erschaffen willst, so erschaffst du als erstes Brahmā, Vishnu und Maheshvara und betraust sie mit den Aufgaben der Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung des Universums. Du selbst aber bleibst gänzlich frei von Bindung an die Welt. Immerdar verbleibst du unveränderlich in Deiner einen Gestalt. Niemand in diesem Universum vermag deine Natur zu erkennen, noch vermag irgend jemand alle deine Namen aufzuzählen – wer soll den unendlichen Ozean überspringen können, wenn er nicht einmal fähig ist, über einen einfachen Brunnen zu springen!

Oh Bhagavatī, keiner von den Devas kennt auch nur annäherungsweise deine unendliche Macht und Herrlichkeit. Du allein bist die Herrin des Universums und die Mutter der Welt.

Alle Veden legen Zeugnis davon ab, wie du allein dieses unreale und in stetem Fluss befindliche Universum erschaffen hast. Oh Devī, ganz mühelos und frei von Wünschen bist du zur Ursache des sichtbaren Universums geworden und bleibst selbst dabei unverändert. Dies ist wahrlich ein großes Wunder! Wir sind nicht fähig, diese Kombination von Entgegengesetztem in Einem zu verstehen.

Oh Mutter, wie sollen wir auch deine Macht verstehen können, die selbst die Veden nicht vollständig kennen, wenn sogar du selbst deine eigene Natur nicht kennst! Wir sind hier sehr verwirrt. Oh Mutter, weißt du nichts über die Abtrennung von Vishnus Kopf? Oder wolltest du absichtlich Vishnus Tatkraft testen? Hat Hari irgend eine abscheuliche Sünde begangen? Wie könnte das sein? Welche Sünde kann in Deinen Verehrern sein, die dir dienen?

Oh Mutter, warum zeigst du solche Gleichgültigkeit gegenüber den Devas? Es ist ein großes Wunder, dass der Kopf Vishnus abgetrennt wurde! Wahrlich, wir sind in einem Meer des Kummers versunken. Du verfügst ja über die Intelligenz, um alle Probleme Deiner Verehrer zu lösen. Warum zögerst Du, Vishnus Kopf wieder auf seinem Körper anzubringen?

Oh Devī, willst du über Vishnu die Götter strafen oder war Vishnu arrogant geworden und du spielst dieses Spiel, um seine Arroganz einzudämmen? Oder haben die Daityas, die von Vishnu besiegt wurden, an einem heiligen Ort schwere Bußübungen durchgeführt und haben als Belohnung dafür erlangt, dass Vishnus Kopf abfällt?

Oder, oh Bhagavatī, hegtest du nur den Wunsch, Vishnus kopflosen Körper zu erblicken und es geschah deshalb? Oh uranfängliche Energie, bist du etwa zornig auf die Tochter des Ozeans, Lakshmī Devī? Warum sonst hast du ihr den Gemahl genommen? Lakshmī ist ja eine Teil-Inkarnation von dir, daher solltest du ihr eine etwaige Kränkung verzeihen. Bitte erfreue sie und gib ihrem Gemahl das Leben zurück!

Die Führer der Devas dienen dir ja und verneigen sich allzeit vor dir, oh Devī. Bitte sei so freundlich und mache den Deva Vishnu, den Herrn von allen, wieder lebendig, so dass wir diesen Ozean des Kummers überqueren können.

Oh Mutter, wir wissen überhaupt nicht, wohin der Kopf Haris verschwunden ist. Wir haben keine Beschützerin außer dir, bitte gib ihm das Leben zurück! Oh Devī, du schenkst ja der ganzen Welt das Leben, so wie der Unsterblichkeitstrank (amrita) den Göttern Leben verleiht.'

Sūta sprach:

'So von den Veden mitsamt ihren Angas und mit Sama-Veda-Hymnen (sāmagāna) gepriesen, war die Nirguna Maheshvarī Devī Mahāmāyā erfreut. Eine glückverheißende Stimme kam vom Himmel, die schön anzuhören war und alle mit Freude erfüllte, obwohl keine Gestalt eines Sprechers zu sehen war:

Oh ihr Suras, macht euch keine Sorgen. Denkt daran: ihr seid unsterblich. Kommt wieder zu euch. Ich bin über die Lobeshymnen der Veden sehr erfreut, ganz ohne Zweifel. Wer immer unter den Menschen diese meine Hymne hingebungsvoll liest, wird sich der Erfüllung all seiner Wünsche erfreuen. Wer immer sie voller Hingabe während der Zeit der drei Anrufungen der Sonne (sandhya) hört, wird frei von Sorgen und sehr glücklich. Diese von den Veden gesungene Hymne ist den Veden gleichgestellt.

Geschieht irgendetwas in der Welt ohne Ursache? – Vernehmt nun, warum Haris Kopf abgetrennt wurde:

Als Hari eines Tages das schöne Gesicht seiner lieben Frau Lakshmī Devī sah, lachte er in ihrer Gegenwart. Daraus folgerte Lakshmī Devī: ‘Er hat gewiss etwas Hässliches in meinem Gesicht erblickt und hat deshalb gelacht; warum sonst sollte mein Gemahl lachen, wenn er mich sieht.

Aber warum sollte er nach so langer Zeit auf einmal etwas in meinem Gesicht hässlich finden? Oder warum sollte er ganz ohne Grund lachen, ohne etwas Hässliches entdeckt zu haben? Oder vielleicht hat er mir jetzt sogar irgend eine andere schöne Frau als Nebenfrau zur Seite gestellt?‘

Je mehr sie so darüber grübelte, um so zorniger wurde sie allmählich und das Tāmo-Guna ergriff immer mehr von ihr Besitz. Durch den Einfluss des Schicksals und um die Ziele der Götter zu verwirklichen, trat schließlich eine äußerst wilde Tāmas-Shakti in ihren Körper ein. Sie wurde sehr zornig und sagte mit Bedacht: ‚Möge dein Kopf abfallen!‘

Ihrer weiblichen Natur folgend und infolge des Schicksals, das Bhagavān bestimmt war, sprach Lakshmī , ohne über gute oder böse Folgen nachzudenken, diesen Fluch aus, der ihr selbst Leiden verursachen sollte. Weil die Tāmasī-Shakti von ihr Besitz ergriffen hatte, dachte sie, dass eine Nebenfrau schwerer zu ertragen sein würde als ihre Witwenschaft und daher verfluchte sie ihn.

Falschheit, hohle Arroganz, Gerissenheit, Dummheit, Ungeduld, übermäßige Gier, Unreinheit und Scharfzüngigkeit sind die natürlichen Eigenschaften der Frauen. Diesem Fluch zufolge ist der Kopf von Vāsudeva in den Salzozean gefallen. Ich werde jetzt den Kopf wieder auf seinem Körper befestigen.

Es gibt aber auch noch eine andere Ursache für diesen Vorfall; großer Erfolg wird euch hieraus erwachsen:

In alten Zeiten hat ein berühmter Daitya namens Hayagrīva am Ufer des Flusses Sarasvatī schwere Bußübungen (tapasyā) durchgeführt. Allen Arten von Vergnügungen entsagend, seine Sinne unter Kontrolle haltend und ohne Nahrung zu sich zu nehmen wiederholte der Daitya im Geiste (japam) das ein-silbige Māyā-Bīja-Mantra, meditierte eintausend Jahre lang über meine mit allen prächtigen Kleinodien geschmückte allerhöchste Shakti-Form und nahm so äußerst harte Bußübungen auf sich. Schließlich begab ich mich in meiner Tāmasī-Gestalt, über die der Daitya meditierte, an den Ort seiner Askese und erschien vor ihm.

Auf dem Rücken meines Löwen sitzend sprach ich aus Mitgefühl für seine harten Bußübungen:

Oh Herrlicher, oh Gelübdetreuer, ich bin gekommen, um dir eine Belohnung zu gewähren!’

Als er diese Worte der Devī vernommen hatte, erhob sich der Daitya augenblicklich, fiel ihr hingebungsvoll zu Füßen und umwandelte sie ehrerbietig. Als er meine Gestalt erblickte, leuchteten seine Augen voller Liebe auf und füllten sich mit Tränen. Tränen vergießend begann er dann Hymnen an mich zu chanten:

Hayagrīva sang:

Verehrung der Devī Mahāmāyā! Ich verneige mich vor dir, der Schöpferin, Erhalterin und Zerstörerin des Universums! du vermagst ja Deinen Verehrern alles Gute zu gewähren und all ihre Herzenswünsche zu erfüllen, Verehrung dir!

Oh Gewährerin der Erlösung, oh Segensreiche, ich verneige mich vor dir! du bist die Ursache der fünf Elemente: Raum (akasha), Luft, Feuer, Wasser und Erde. Du bist die Ursache von Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen. Oh Maheshvarī, die fünf Sinne der Wahrnehmung (gyānendriya) Ohren, Haut, Augen, Zunge und Nase und die fünf Sinne des Handelns (karmendriya) Sprechorgan, Hände, Füße, Arme und das Fortpflanzungsorgan wurden alle von dir erschaffen.‘

Die Devī sprach:

Oh Kind, ich bin sehr erfreut durch deine wunderbaren Bußübungen und deine Hingabe. Sage nun, welche Gabe du dir wünschst. Ich werde dir gewähren, wonach du verlangst.”

Hayagrīva sagte:

Oh Mutter! Gewähre mir den Wunsch, dass der Tod nicht zu mir kommt und ich so den Suras und Asuras gegenüber unbesiegbar, ein Yogi und unsterblich bin.‘

Die Devī entgegnete:

Aus Tod folgt Geburt und aus Geburt folgt Tod. Dies ist unvermeidlich. Diese Ordnung der Dinge ist zwingend in dieser Welt, dieses Gesetz kann niemals gebrochen werden. Oh Bester der Rākshasas, akzeptiere, dass der Tod unvermeidlich ist und denke dir einen anderen Wunsch aus.‘

Hayagrīva sagte:

Oh Mutter des Universums, wenn du also nicht willens bist, mir Unsterblichkeit zu schenken, dann gewähre mir den Wunsch, dass kein anderer meinen Tod verursachen kann, als jemand, der das Gesicht eines Pferdes hat. Sei gnädig und erfülle mir diesen Wunsch.‘

Oh vom Glück höchst Gesegneter! Gehe nach Hause und regiere heiter dein Königreich. Kein anderer als jemand, der das Gesicht eines Pferdes hat, wird dir den Tod bringen.‘

So seinen Wunsch gewährend, verschwand die Devī.

Hochzufrieden über die Erlangung seiner Wunschgabe begab sich Hayagrīva an seinen Wohnsitz zurück. Seitdem quält der übelgesinnte Daitya all die Devas und Munis gar sehr. Niemand in den drei Welten vermag ihn zu töten. Daher soll nun Vishvakarma den Kopf eines Pferdes nehmen und ihn auf dem kopflosen Körper von Vishnu befestigen. Danach wird Bhagavān Hayagrīva den niederträchtigen, unheilvollen Asura töten, um den Devas Gutes zu tun.‘

Sūta sprach:

Nachdem sie diese Worte zu den Devas gesprochen hatte, schwieg die Bhagavatī Sarvanī. Die Devas waren sehr glücklich und baten Vishvakarma:

Bitte sei so freundlich, tue den Devas Gutes und stelle Vishnus Kopf wieder her. Er wird dadurch zu Hayagrīva, um den widerspenstigen Dānava zu töten.‘

Sūta fuhr fort:

Nachdem er diese Worte vernommen hatte, schlug Vishvakarma rasch mit seiner Axt den Kopf eines Pferdes ab, brachte ihn zu den Devas und befestigte ihn auf dem kopflosen Körper von Vishnu. Durch die Gnade der Mahāmāyā wurde Bhagavān so zu Hayagrīva.

Einige Tage später tötete Bhagavān Hayagrīva dann durch seine reine Kraft den stolzen Dānava, den Feind der Devas.

Jeder Mensch, der diese ausgezeichnete Erzählung hört, wird ganz gewiss von allen Arten von Schwierigkeiten erlöst. Alle Arten von Reichtümern erlangt, wer die herrlichen, reinen und Sünden-tilgenden Taten der Mahāmāyā hört oder liest.‘

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das fünfte Kapitel: ‘Die Erzählung von Hayagrīva.’



Kapitel 6: Die Kriegsvorbereitungen von Madhu und Kaitabha

Die Rishis sprachen:

Oh Saumya! du hast gerade den Kampf zwischen Bhagavān Shauri und Madhu Kaitabha erwähnt, der fünftausend Jahre lang währte. Wie kam es zur Geburt der beiden übermächtigen Dānavas, die von den Göttern nicht besiegt werden können? Und warum hat Bhagavān Hari sie getötet? Oh Hochintelligenter! Bitte sei so freundlich, uns über dieses wunderbare Ereignis zu berichten. Wir sind außerordentlich begierig, davon zu hören und du stehst ja als großer Gelehrter (pandit) und Redner vor uns. Es ist unser großes Glück, dass wir dir hier begegnet sind.

Während die Begegnung mit ungebildeten Menschen sehr schmerzlich ist, ist der Umgang mit gebildeten Menschen so erfreulich wie der Genuss des Unsterblichkeitstrankes.

Die Tiere dieser Welt sind ja ohne Bildung; sie essen, folgen dem Ruf der Natur, scheiden Kot und Urin aus und widmen sich äußerst kundig dem Geschlechtsverkehr. Was sie nicht besitzen, ist unterscheidende Erkenntnis von Gut und Böse, von Realem und Unrealem und vor allem die unterscheidende Erkenntnis, die zu Befreiung (moksha) und höchster Erleuchtung führt – dies ist der einzige und entscheidende Unterschied zum Menschen.

Daher sind Menschen, die nicht den Wunsch haben, das Bhāgavatam und vergleichbare Schriften zu hören, wie Tiere; daran kann kein Zweifel bestehen.

Schau, Rehe und einige andere Tiere können sich an der Funktion des Hörsinnes erfreuen wie Menschen; die Schlangen haben zwar kein eigentliches Hörorgan, werden aber dennoch - wie Menschen - von süßen Klängen bezaubert.

Wahrlich, von den fünf Wahrnehmungsorganen sind das Organ des Hörens und das Organ des Sehens am nützlichsten, denn Wissen über die Dinge entsteht aus dem Hören und das Herz wird durch das Sehen erfreut.

Die Gelehrten unterteilen die Objekte des Hörens in drei Kategorien: sāttvisch, rājasisch und tāmasisch. Die Veden und vergleichbare Schriften sind sāttvisch, Unterhaltungsliteratur (sahitya) ist rājasisch, Kriegsberichte und Schmähschriften sind tāmasisch.

Die Weisen unterteilen die sāttvische Literatur in drei Unterklassen: gut, mittel und schlechter. Diejenigen, die Befreiung oder Erlösung (moksha) geben sind gut oder ausgezeichnet; die, welche die Erlangung der Himmelswelten bewirken, sind mittelmäßig und diejenigen, die zu weltlichen Freuden führen die schlechteren.

Auch die Sahitya-Literatur wird entsprechend unterteilt: diejenigen Schriften, die das Leben mit der angetrauten Ehefrau beschreiben, sind die besten; die über den Umgang mit Freudenmädchen berichten, die mittleren und die, welche zum Umgang mit den Ehefrauen anderer anstiften, die schlechtesten.

Die gebildeten Seher der Shāstras unterteilen das tāmasische Hören ebenfalls in drei Kategorien: die Beschreibungen von Kämpfen gegen die Feinde sind am besten; wenn die geschilderten Kämpfe, wie im Fall der Pāndavas, aus Hass und anderen negativen Gefühlen entstehen, sind die Beschreibungen mittelmäßig und Berichte über Kämpfe, die ganz ohne Grund bestritten werden, sind von schlechtester Art.

Daher, oh Hochintelligenter, ist das Hören der Purānas weit höher einzuschätzen als das Hören anderer Shāstras, denn es führt zur Auslöschung der Sünden, verbessert den Intellekt und lässt den Vorrat an gutem Karma (punyam) anwachsen.

Daher, oh Weiser, sei so freundlich und trage uns die alle Bedürfnisse des Lebens abdeckenden Purānas vor, die du zuvor aus dem Munde Krishna Dvaipāyanas vernommen hast.‘

Auf diese Ansprache der Rishis antwortete Sūta:

Oh vom Glück Gesegnete. Wenn ihr alle die Purānas zu hören wünscht und ich willig bin, sie vorzutragen, dann sind ja beide Seiten gesegnet auf Erden.

Vor Urzeiten, als zur Zeit der kosmischen Auflösung (pralaya) die drei Welten und das gesamte Universum sich in den Gewässern aufgelöst hatten, als der Devadeva Janārdana schlafend auf dem Bett von Ananta, der tausendköpfigen Weltenschlange, ruhte, erstanden aus dem Ohrenschmalz von Bhagavān Vishnu die beiden überaus mächtigen Daityas Madhu und Kaitabha. Sie wuchsen in den Wassern des Ozeans heran, spielten in den Gewässern und verbrachten so einige Zeit.

Einstmals, als die zwei gewaltig-großen Dānavas wie zwei Brüder miteinander spielten, dachten sie: ‚Es ist ja ein grundlegendes Gesetz des Universums, dass nichts ohne Ursache geschieht und alles auf irgend etwas beruht. Aber wir können nicht sehen, was unsere Ursache ist oder wer auf uns beruht. Worin ist dieser erfreuliche, weithin ausgedehnte Ozean gegründet? Wer hat all dies erschaffen? Wie wurde es erschaffen? Warum leben wir hier inmitten der Gewässer? Wer erschuf uns? Wer sind unser Vater und unsere Mutter? Nichts von alledem wissen wir.‘

Als sie so grübelten und keiner von ihnen eine Antwort auf diese Fragen wusste, sprach Kaitabha zu Madhu, der neben ihm inmitten der Gewässer stand: ‘Oh mein Bruder, es scheint mir, dass die große, unveränderliche Energie, die uns hier in den Gewässern existieren lässt, die Ursache von allem sein muss. Diese unermesslichen Wassermassen, denke ich, sind von jener Energie durchdrungen und beruhen auf ihr. Diese Höchste Devī muss unser Ursprung sein.‘

Als die beiden Asuras in Gedanken zu dieser Schlussfolgerung gelangt waren, hörten sie in der umgebenden Luft das wunderschöne Samenmantra der Göttin der Sprache (vāgbīja), der Devī Sarasvatī. Sie begannen, dieses Vāgbīja-Mantra mit großer Standhaftigkeit zu wiederholen. Schließlich erblickten sie hoch in der Luft einen prächtigen Blitz und dachten, dass gewiss durch die Wiederholung ihres Mantras die mit Eigenschaften versehene (saguna) Form der Devī Sarasvatī, der Göttin der Sprache, sich für sie in dieser strahlenden Gestalt manifestiert hatte.

Mit diesem Erkenntnis fasteten sie, richteten ihren gesammelten Geist unaufhörlich darauf aus und wiederholten in ihrer Meditation das Mantra, bis sie eins mit ihm wurden. Eintausend Jahre lang vollzogen sie dieses große Tapas.

Schließlich war die Höchste Ᾱdhya-Shakti zufrieden mit ihnen und sprach zu den beiden Dānavas, die standhaft ihre Askese ausführten, mit einer unsichtbaren himmlischen Stimme:

Oh ihr beiden Dānavas. Ich bin hoch erfreut über euer Tapasyā. Welche Wunschgabe auch immer ihr ersehnt, die werde ich euch gewähren.”

Als sie diese himmlische Stimme vernommen hatten, sagten die beiden Dānavas: ‚Oh Devī, oh Suvrate, gewähre uns, dass wir nur sterben, wenn wir es wollen.‘

Die Vāgdevī antwortete: ‘Oh ihr beiden Dānavas. Durch meine Gnade werdet ihr nur sterben, wenn ihr es wollt und ihr zwei Brüder werdet allen Suras und Asuras gegenüber ganz ohne Zweifel unbesiegbar sein.‘

Sūta sprach:

Als die Devī ihnen die Erfüllung ihres Wunsches gewährt hatte strotzten die beiden Dānavas vor Arroganz und begannen mit den Tieren zu spielen, die im Ozean lebten. Oh ihr Brahmanen, einige Tage später erblickten die beiden mächtigen Dānavas Brahmā, den Prajāpati, der auf dem Lotus saß, der aus dem Nabel von Hari entsprossen war.

Aufgeregt und kampfeslustig sagten sie zu ihm:

Oh Suvrata! Entweder kämpfe mit uns oder verlasse diesen Lotus-Sitz und gehe irgendwo anders hin. Wenn du schwach bist, verdienst du diesen prächtigen Lotus-Sitz nicht; er ist nur für Helden geeignet. Wenn du also ein Feigling bist, dann gehe rasch woanders hin!‘

Als er diese Worte der Dānavas vernommen hatte, begann Prajāpati, der gerade mit der Ausübung von Tapas beschäftigt war, voller Sorge zu überlegen ‚Was soll ich jetzt nur tun?‘ und wartete erst einmal ab.

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das sechste Kapitel: ‘Die Kriegsvorbereitungen von Madhu und Kaitabha.’



Kapitel 7: Die Lobeshymnen an die Devī

Sūta sprach:

Als er erkannte, wie stark die beiden Dānavas waren, dachte Brahmā, der Kenner aller Shāstras, darüber nach, welches der Mittel des Umgangs mit Feinden – Verhandlung (sāma), Bestechung (dāna), Entzweiung-Säen (bheda) oder Kampf (danda) – in diesem Fall anzuwenden wäre.

Er dachte: ‚Ich kann ihre Stärke nicht richtig einschätzen und es ist daher nicht ratsam, einen Kampf anzufangen, wenn man die Stärke des Gegners nicht kennt. Wenn ich andererseits diesen arroganten Brüdern Lobpreisungen darbringe, offenbart ihnen das bloß meine Schwäche und wenn sie die erkennen, wird schon einer von ihnen ausreichen, mich zu töten und sie werden das gewiss auch tun. Es mit Bestechung zu versuchen, ist auch nicht anzuraten und wie soll ich sie entzweien können?

Es wird daher das beste sein, wenn ich den vierarmigen Janārdana Vishnu, der sehr mächtig ist, aus seinem Schlaf auf der tausendköpfigen Schlange Ananta aufwecke. Er wird sicherlich mein Problem lösen.‘

Mit diesen Gedanken versteckte sich Bhagavān Brahmā im röhrenförmigen Stengel, der aus Vishnus Nabel hervorging und nahm in seinem Geist Zuflucht zu Vishnu, dem Beseitiger von Problemen; er begann herrliche Hymnen unterschiedlicher Versmaße an Jagannāth Nārāyana zu chanten, der in tiefem Yoga-Schlaf (yoganidra) versunken war.

Brahmā sang:

Oh Zuflucht der Armen und Bedürftigen! Oh Hari! Oh Vishnu! Oh Vāmana! Oh Mādhava! du bist der Herr des Universums und allgegenwärtig. Oh Hrishikesha, du beseitigst alle Probleme deiner Verehrer, daher erwache bitte aus dem Yoganidra und erhebe dich. Oh Vāsudeva! Oh Herr des Universums! du wohnst ja im Herzen von allen und kennst ihre innersten Wünsche. Oh Träger des Diskus und der Keule, du vernichtest stets die Feinde deiner Verehrer. Oh Allwissender, du bist der Herr aller Welten (loka) und allmächtig. Niemand vermag deine Form vollständig zu kennen, oh Herr der Götter. Du bist der Zerstörer allen Schmerzes und allen Leidens, daher erhebe dich und beschütze mich!

Oh Beschützer des Universums! Nichts bleibt deinen Augen verborgen. Jeder, der deinen Namen hört und chantet, wird lauter und rein. Du bist gestaltlos (nirākāra) und dennoch erschaffst, erhältst und venichtest du das Universum.

Oh Ursprung der Welt! Oh All-Unterstützer! du erscheinst strahlend als Herrscher über alle Herrscher und dennoch erkennst du nicht, dass diese beiden vor Arroganz strotzenden Dānavas gewillt sind, mich umzubringen. Wenn du mich in meiner bedrohlichen Notlage ignorierst, obwohl ich unter deinem Schutz stehe, dann würde dein Name als ‚Erhalter‘ jede Bedeutung verlieren.‘

Als Vishnu sich nach dieser Anrufung dennoch nicht erhob, dachte Brahma:

Bhagavān Vishnu steht offenbar gänzlich unter dem Einfluss des Schlafes, der Ur-Energie Ᾱdhya-Shakti und erwacht deswegen nicht. Was soll ich nun in dieser Notlage tun? Die beiden Dānavas sind in ihrem Größenwahn entschlossen, mich zu töten. Was soll ich jetzt tun und wohin soll ich gehen? Ich kenne niemanden, der mir jetzt noch helfen könnte.‘

Als er dies überlegt hatte, kam Brahmā zu der Entscheidung, mit entschlossener Hingabe Hymnen an die Yoga Nidrā selbst zu chanten. Hin- und her überlegend schlussfolgerte er, dass ganz allein die Ᾱdhya Shakti, die Bhagavān Vishnu in seinem bewusstlosen inaktiven Zustand hielt, ihm jetzt noch helfen könnte.

So wie ein toter Mensch keine Klänge mehr wahrnimmt, so nimmt auch Hari, in seinem tiefen Schlaf versunken, nichts mehr wahr. Wenn er trotz meiner hingebungsvollen Lobeshymnen nicht erwacht, dann ist es offensichtlich, dass Hari nicht über den Schlaf gebietet, sondern der Schlaf über Hari. Wer von jemand anderem beherrscht wird, ist dessen Sklave. Dieser Yoga-Nidrā übt offenbar volle Kontrolle über Hari aus. Der Yoga-Schlaf wiederum steht unter der Kontrolle der Devī, der Tochter des Milchozeans und so scheint es, dass die Bhagavatī Mahāmāyā das gesamte Universum unter ihrer Kontrolle hat.

Ich selbst, oder Vishnu, oder Shambhu, oder Sāvitrī, oder Ramā, oder Umā, und erst recht alle anderen großen Seelen, alle stehen unter Ihrer Herrschaft, daran kann es keinen Zweifel geben. Daher werde ich jetzt der Yoga Nidrā Hymnen darbringen, unter deren Herrschaft Bhagavān Hari wie ein ganz gewöhnlicher Mensch in Schlaf versunken da liegt. Wenn sie den ewigen Vāsudeva Janārdana frei gibt, wird er zweifellos gegen die Dānavas kämpfen.‘

Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, begann Bhagavān Brahmā aus dem röhrenförmigen Stengel des Lotus heraus Hymnen an die Yoga Nidrā zu chanten, die ihren Wohnsitz im Körper von Vishnu genommen hatte.

Brahmā sang:

Oh Devī, auf der Grundlage der Autorität aller Veden habe ich erkannt, dass du die eine und einzige Ursache dieses kosmischen Eies (brahmānda) bist – um so mehr, als du Vishnu, den Besten aller Purushas, der von allen Wesen über die höchste Intelligenz verfügt, unter die Macht des Schlafes gebracht hast, was die obige Feststellung vollauf bestätigt.

Oh Göttin, die du die Spielerin des Spiels im Geist aller Wesen bist, oh Mutter, ich bin ja ganz und gar unwissend, was die Erkenntnis Deiner Natur anbetrifft. Wenn Bhagavān Hari schon unter dem Einfluss Deiner Macht in tiefen Schlaf verfallen ist, wer unter all den Weisen könnte dann das von Deiner rätselhaften Zauberkraft (māyā) erfüllte kosmische Spiel (līlā) durschauen, die du jenseits der Gunas bist!

Die Sānkhya-Philosophen erklären, dass der Purusha reines Bewusstsein ist und dass Du, die Prakriti, die Erschafferin des Universums, inaktive Materie ohne jedes Bewusstsein bist. Aber, oh Mutter, bist du wirklich inaktiv? Denn wenn es so wäre, wie hättest du dann bewirken können, dass Bhagavān Hari, der das Universum umfasst, in einen solch bewusstlosen Zustand versetzt wird?

Oh Bhavānī, du selbst bist jenseits der Gunas und inszenierst zugleich wie ein Theaterstück vermittels der drei Gunas die aufregenden Aktivitäten im Universum. Über deine drei Eigenschaften oder Gunas Sāttva, Rājas und Tāmas meditieren die Munis täglich am Morgen, am Mittag und am Abend, zu den drei Sandhyās, aber niemand kann wirklich als Kenner Deiner Aktivitäten gelten.

Oh Devī, du bist die Urteilskraft und das Verstehen, das zum Wissen über die Aktivität aller Wesen im Universum wird. Immerdar bist du Shrī (Wohlstand, Glück und Gedeihen) und erfreust die Devas. Oh Mutter, du herrschst alle Zeit als Kīrti (Ruhm), Mati (Intellekt), Dhriti (Standhaftigkeit), Kānti (Schönheit), Shraddhā (Glaube) und Rati (Freuden). Oh Mutter, ich bin in großen Schwierigkeiten und daher habe ich meinen Blick auf dich gerichtet; es gibt keinen Grund für mich, mir Gedanken um irgend jemand anderen außer dir zu machen.

Ich habe jetzt erkannt, dass wahrlich und wahrhaftig du die Mutter aller Welten bist, denn du vermochtest Hari dem Einfluss des Schlafes zu unterwerfen. Oh Devī, nun, da mir offenbart wurde, dass alle Welten aus dir entstanden sind, ist es ohne Zweifel klar, dass auch die Veden aus dir hervorgegangen sind. Daher kennen auch die Veden deine Natur nicht vollständig, denn die Wirkung vermag nie ihre Ursache vollständig zu kennen. Es ist also wahr, dass du auch von den Veden nicht erkannt werden kannst.

Oh Mutter, wenn ich, Hari, Hara, die anderen Devas, mein Sohn Nārada und andere Munis nicht in der Lage waren, deine Natur vollständig zu erkennen, wer in dieser Welt soll dann intelligent genug sein, um dich in Deiner Ganzheit zu erfassen?

Deine Herrlichkeit ist jenseits der Sprache aller Wesen. Oh Devī, wenn die Yagyā-Experten, die Kenner des Veda, nicht am Ort des Opfers Deinen Namen Svāhā ausrufen würden, könnten die Devas, die Teilhaber an den Opfergaben, nicht ihren Opferanteil erhalten, wenn auch Hunderte von Opfergaben präsentiert würden; daher bist du es, die den Göttern Unterstützung und Nahrung schenkt.

Oh Bhagavatī, in vorangegangenen Schöpfungsperioden (kalpa) hast du mich schon oft von der Furcht vor den Dānavas befreit. Oh Devī Varade, auch jetzt bin ich wieder durch den Anblick der schrecklichen Gestalten von Madhu und Kaitabha in große Furcht versetzt und nehme Zuflucht zu dir!

Oh Erhabene, mir ist jetzt klar geworden, dass durch dich, durch deine Yoganidrā-Kraft, der Körper von Bhagavān Vishnu in Bewusstlosigkeit versunken ist, aber wie kann es sein, dass du mein Leiden nicht zur Kenntnis nimmst? Daher bitte ich Dich: gib entweder den Adi-Deva frei oder vernichte selbst diese beiden Danavendras – wie du wünschst, entscheide dich bitte für eines von beidem.

Oh Devī, diejenigen, die deine unübertreffliche Macht nicht kennen, diese Unwissenden, meditieren über Hari, Hara und andere Götter. Aber, oh Mutter, heute habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass Vishnu bewusstlos in tiefem Schlaf versunken ist und vermittels Deiner Macht nichts mehr von dem wahrnimmt, was um ihn herum vorgeht.

Oh Devī, wahrlich gesegnet sind diejenigen, die mit ganz von Hingabe erfülltem Herzen und ohne jede Absicht auf Belohnungen, deine Lotusfüße verehren, die alle Verehrung anderer Devas aufgeben und dich als Schöpferin der ganzen Welt und als Erfüllerin aller Wünsche erkannt haben.

Oh Wunder, Intelligenz, Schönheit, Ruhm und alle guten Eigenschaften sind nun von Hari gegangen und in unbekannte Gefilde geflohen. Oh Bgagavatī, du verdienst wahrlich dafür die Bewunderung aller Welten, dass durch deine Yoga-Nidrā-Macht Hari jetzt gleichsam in einem Gefängnis gefangen gehalten wird.

Oh Mutter, du bist die Shakti des gesamten Universums; alle Kraft und alle Energie sind Dein; alle Dinge sind aus dir hervorgegangen. Du, als die Eine, nimmst als Schauspieler eines Theaterstückes zahlreiche Gestalten an. Du, die Eine, trittst in diesem magischen Welten-Theater, das von Deinen Gunas inszeniert wird, spielerisch in vielfältigen Gestalten auf.

Oh Mutter, zu Beginn der Yugas manifestierst du als erstes die Gestalt Vishnus und gibst ihm die reine Sāttva-Shakti, die frei von jeder Überschattung ist und machst ihn zum Erhalter des Universums; jetzt wiederum hast du ihn in einen bewusstlosen Zustand versetzt und daraus wird zweifellos klar, dass du tust, was immer dir willst, oh Bhagavatī! Ich bin jetzt in großer Gefahr; wenn es dein Wunsch sein sollte, dass ich nicht getötet werde, dann gib bitte deine Zurückhaltung auf, schaue auf mich und gewähre mir deine Gnade. Oh Bhavāni, wenn es nicht dein Wunsch ist, mich zu töten, warum hast du dann diese beiden Dānavas, die Verkörperung meines Todes, erschaffen? Oder ist es so, dass du dich über mich lustig machen willst?

Ich habe erkannt, wie wundervoll dein Handeln ist. Du erschaffst dieses ganze Universum; dann hältst du dich verborgen und spielst allezeit dein Spiel, bis du zur Zeit des Pralaya alles wiederum in dir auflöst. Ist es daher verwunderlich, oh Bhavāni, dass du mich jetzt auf diese Weise töten willst? Aber, oh Mutter, wenn es mich auch nicht schmerzen würde, wenn du mich tötest, so würde ich es doch als Schande empfinden, wenn ich, der ich als Schöpfer Macht über sie haben sollte, von diesen Daityas getötet würde; das wäre in der Tat für mich schwer zu ertragen.

Daher, oh Līlāmāyi, die du wie ein kleines Mädchen ein Spiel spielst, erhebe Dich! Oh Devī, nimm selbst eine wunderbare Gestalt an und töte mich oder die beiden Daityas, wie es dir gefällt; oder erwecke Hari, damit er die Daityas töten kann. Es liegt alles in Deiner Hand!‘

Sūta sprach:

So von Brahmā gepriesen, verließ die Nidrā Devī, deren Natur Tāmo-Guna ist, den Körper von Bhagavān Hari und stand neben ihm. Völlig frei von der Devī Yoga Nidrā begann Vishnu, in seinem Glanz und seiner Ausstrahlung, die unvergleichlich sind, sich zu erheben, um Madhu und Kaitabha zu vernichten und Brahmā war darüber von großer Freude erfüllt.‘

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das siebente Kapitel: ‘Die Lobeshymnen an die Devī.’



Kapitel 8: Die Entscheidung darüber, wer zu verehren ist

Die Rishis sagten:

Oh vom Glück überaus Begünstigter! deine Worte haben einen großen Zweifel in uns ausgelöst. Alle Weisen und auch die Veden, die Purānas und andere Schriften versichern glaubhaft, dass Brahmā, Vishnu und Maheshvara, diese drei Devas, ewig sind. Nichts in diesem Brahmānda (Universum) steht über ihnen. Brahmā erschafft alle Wesen, Vishnu erhält sie und Maheshvara zerstört sie alle zur angemessenen Zeit. Diese sind die Verursacher von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung. Die große Dreiheit Brahmā, Vishnu und Mahesha sind in Wirklichkeit eine einzige Gestalt – in der Tat Dreiheit in Einheit und Einheit in Dreiheit.

Jeweils mit den Gunas Sāttva, Rājas und Tāmas ausgestattet führen sie ihre entsprechenden Tätigkeiten durch. Unter ihnen ist wiederum der Purushottama Adideva Jagannātha Hari, der Gemahl der Kamalā, der Beste, denn er ist fähig, sämtliche Aktivitäten durchzuführen. Wie kann es dann sein, dass die Yogamāyā Hari mit Schlaf überwältigen konnte und ihn so in Bewusstlosigkeit versinken ließ? Oh Glückseliger! Wohin entschwand dann die außergewöhnliche Selbsterkenntnis und Macht, die den lebendigen Hari so auszeichnet? Dies ist unser großer Zweifel; bitte gib uns freundlicherweise Rat, damit dieser unser Zweifel sich auflöst und so unser Wohlergehen gewährleistet ist.

Was ist jene Energie (shakti), von der du uns berichtet hast und von der Vishnu überwältigt werden konnte? Woraus ist sie geboren? Was ist die Macht dieser Shakti und was ist ihre Natur? Oh Suvrata, bitte erkläre uns all dies vollständig!

Wie konnte es geschehen, dass die Yogamāyā den höchsten Gott Bhagavān Vishnu, der unveränderliches Seligkeitsbewusstsein (sat-chit-ānanda) ist, mit Schlaf überwältigen konnte, ihn, den All-Gott, den Lehrer (guru) der ganzen Welt, den Schöpfer, Erhalter und Zerstörer, den Allgegenwärtigen, der personifizierte Reinheit und Heiligkeit und jenseits des Rājoguna ist; wie konnte eine solche Persönlichkeit der Macht des Schlafes unterworfen werden? Oh Sūta, du bist sehr intelligent und der Schüler von Vyāsa Deva; bitte vernichte diesen unseren Zweifel mit dem Schwert der Erkenntnis.‘

Sūta antwortete auf diese Worte:

Oh vom Glück begünstigte Munis, in den drei Welten gibt es niemanden, der diesen euren Zweifel zu klären vermag. Selbst die geist-geborenen Söhne Brahmās: Nārada, Kapila und andere, werden durch diese Fragen verwirrt – was soll dann ich zu diesem äußerst schwierigen Thema sagen!

Schaut: manche Menschen sagen, dass Bhagavān Vishnu allgegenwärtig ist, dass er der Erhalter von allem und der Beste der Devas sei; ihnen zufolge wurde dieses ganze bewegliche und unbewegliche Universum von Vishnu erschaffen; sie verneigen sich vor dem höchsten Nārāyana Hrishikesha Janārdana Vāsudeva und verehren ihn.

Andere wiederum verehren Mahādeva Shankara, dessen andere Körperhälfte von Gauri gebildet wird, der alle Macht besitzt, auf dem Kailāsha, umgeben von den Heerscharen der Bhutas, wohnt, der Dakshas Opfer zerstörte, der in den Veden als Shashishekhara (‚der den Mond auf der Stirn trägt‘) bekannt ist, der drei Augen und fünf Gesichter besitzt, der den Dreizack in Händen trägt und als Vrishadhaja und Kaparddi berühmt ist.

Oh ihr Hochintelligenten, andere vedenkundige Weise wiederum verehren die Sonne jeden Tag am Morgen, Mittag und Abend mit zahlreichen Hymnen. In allen Veden wird bestätigt, dass die Verehrung der Sonne ausgezeichnet ist und die Sonne wird als Höchste Gottheit (Paramātmā) bezeichnet.

Andere Kenner des Veda wiederum verehren die Devas Agni, Indra und Varuna. Die großen Seher (maharishi) sagen, dass so, wie der heilige Fluss Ganges (gangā devī), obwohl er Einer ist, sich selbst in vielen Kanälen ausdrückt, so auch der eine Vishnu sich in allen Deva-Gestalten vervielfältigt.

Die großen Gelehrten verkünden, dass direkte Wahrnehmung, Schlussfolgerung und mündliche Überlieferung die drei Arten von Beweisen darstellen. Die Naiyāyik-Gelehrten fügen als viertes Upamā (Ähnlichkeit) hinzu und andere intelligente Gelehrte nennen als fünftes Beweismittel noch Arthāpatti – dies bedeutet Schlussfolgerung, weil es nicht anders sein kann oder Annahme von etwas, das zwar selbst nicht wahrgenommen wird, aber in einem anderen, das gesehen, gehört oder bewiesen wurde, notwendigerweise impliziert ist.

Die Autoren der Purānas fügen noch zwei weitere namens Sākshī und Aitijhya hinzu, und nehmen somit sieben Arten von Beweismitteln an.

Nun sagen aber die Vedānta-Schriften, dass die Höchste Wirklichkeit (para brahmā), die erste Ursache des Universums, nicht vermittels der obengenannten sieben Beweismethoden erkannt werden kann. Daher sollte man zuallerest die Unterscheidungskraft, den Intellekt, gebrauchen, der zu sicheren Annahmen führt, dann das Ergebnis in Einklang mit den Aussagen der Veden bringen, dann wiederum unterscheidend tätig werden und das Ganze wieder und wieder diskutieren und so dann zu einer Schlussfolgerung in Bezug auf die Höchste Wirklichkeit (brahman) gelangen.

Ein intelligenter Mensch sollte das, was durch direkte Erfahrung zugänglich ist, als unmittelbar durch sich selbst bestätigt ansehen und in Bezug auf das, was geschlussfolgert wird, guten Prinzipien folgen.

Die Weisen sagen – und die Purānas bestätigen das – dass die Ur-Energie in Brahmā als schöpferische Energie, in Hari als bewahrende Energie und in Hara als zerstörende Energie gegenwärtig ist; sie wirkt in Kurma (die kosmische Schildkröte) und in Ananta (die tausendköpfige Weltenschlange) als stützende Erd-Energie, im Feuer als brennende Energie, in der Luft als bewegende Energie und ist so überall in einer Vielzahl von Manifestationsformen von Energie gegenwärtig.

Wer immer in diesem Universum existiert, ist unfähig, irgend eine Handlung auszuführen, wenn seine Energie ihn verlässt; sogar Shiva wird, wenn ihn die Kula Kundalinī Shakti verlässt, zu einem leblosen Körper.

Oh ihr großen askesestarken Seher, diese eine Ur-Energie ist daher in allem im Universum – vom höchsten Gott Brahmā bis zum niedrigsten Grashalm – in allem gegenwärtig, was sich bewegt oder nicht bewegt. Wahrlich, alles wird gänzlich leblos, wenn es ohne Energie (shakti) ist; ob es darum geht, Feinde zu besiegen, oder sich von einem Ort zu einem anderen zu bewegen, oder zu essen – man stellt fest, dass man ganz und gar unfähig dazu ist, wenn man ohne Energie ist. Daher wird die allgegenwärtige Shakti von den Weisen mit dem Nahmen ‘Brahman‘ benannt. Diejenigen, die sehr intelligent sind, sollten sie stets auf vielfältige Weise verehren und danach streben, ihre Realität so tiefgründig wie möglich durch alle möglichen Mittel zu erkennen und zu verwirklichen.

In Vishnu wirkt die Sāttviki Shaktī, durch sie vermag er zu erhalten; ansonsten wäre er für niemanden von Nutzen. In Brahmā wirkt die Rājasī-Shakti, durch sie vermag er zu erschaffen, ansonsten wäre er für niemanden von Nutzen. In Shiva wirkt die Tāmasī-Shakti, durch sie vermag er zu zerstören, ansonsten wäre er für niemanden von Nutzen.

Indem man wieder und wieder im Geiste darüber nachdenkt, sollte jeder zu dem Schluss gelangen, dass die Höchste Ᾱdya Shaktī durch ihren bloßen Willen dieses Universum erschafft und erhält und sie es ist, die zur gegebenen Zeit dieses ganze bewegliche und unbewegliche Brahmānda zerstören wird. Niemand anderes, sei es Brahmā, Vishnu, Maheshvara, Indra, Agni, Surya, Varuna oder sonst irgend jemand, vermag diese Tätigkeiten auszuführen.

Wahrlich, alle Devas führen ihre jeweiligen Aktivitäten vermittels dieser Ᾱdhya Shaktī durch.

Dass sie allein in allen Ursachen und Wirkungen gegenwärtig ist und jede Handlung im Universum durchführt, kann jederzeit direkt erfahren werden.

Die Weisen sagen, dass diese Shaktī von zweierlei Art ist: einmal mit Eigenschaften versehen (sagunā) und einmal frei von Eigenschaften (nirgunā). Diejenigen Menschen, die an die Sinne und deren Gegenstände gebunden sind, verehren ihren Sagunā-Aspekt und diejenigen, die weniger gebunden sind, verehren ihren Nirgunā-Aspekt.

Jene Bewusstseins-Energie ist die Herrin der vierfachen Lebensziele: Dharma, Artha, Kāma und Moksha. Wenn sie auf rechte Weise verehrt wird, erfüllt sie alle Arten von Wünschen. Die weltlichen Menschen, die von der Māyā dieser Welt verzaubert sind, kennen sie überhaupt nicht. Einige Menschen wissen ein wenig von ihr und bezaubern andere, während einige dumme und dumpfe sogenannte Gelehrte, von Kali dazu getrieben, ketzerische Sekten gründen, um ihren Bauch zu füllen.

Oh vom Glück überaus gesegnete Munis, in keinen anderen Yugas findet man Auffassungen der Art, wie sie in diesem Kal-Yuga vorherrschen, die auf zahlreichen unterschiedlichen Meinungen beruhen und allesamt in einem Bereich jenseits der Gebote des Veda angesiedelt sind.

Bedenkt auch folgendes: wenn Brahmā, Vishnu und Mahesha die höchsten Gottheiten wären, warum sollten diese drei Devas dann jahrelang und in harter Askese über jemand anderen meditieren, der jenseits der Sprache und jenseits des Geistes ist? Und warum sollten sie dann Opfer (Yagyā) durchführen, um den Erfolg ihrer Aktivitäten der Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung sicher zu stellen? Tatsächlich kennen sie das eine Höchste Wesen, die ewige und unvergängliche Brahmānī Devī Shakti, und deshalb meditieren sie stets in ihrem Geiste über Sie. Daher sollten intelligente Menschen, die in dieser Erkenntnis fest gegründet sind, auf jede Weise der Höchsten Shakti dienen. Oh Munis! Dies ist die gesicherte Schlussfolgerung aller vedischen Schriften (shāstra).

Ich habe dieses großartige, wohlgehütete Geheimnis von Bhagavān Krishna Dvaipāyana vernommen. Er hörte es von Nārada und Nārada hörte es von seinem eigenen Vater Brahmā. Brahmā wurde es von Vishnu mitgeteilt.

Oh ihr Munis, es ist höchst ratsam, dass die Weisen nicht aus anderen Quellen irgend etwas dem Widersprechendes denken oder auch nur hören sollten; sie sollten in hingebungsvoller Konzentration in ihrem Herzen der Brahmā Sanātanī Shakti dienen.

Man kann in dieser Welt immer wieder beobachten, dass jede Substanz, in der diese Bewusstseins-Energie nicht existiert, sogleich leblos wird und zu nichts mehr nütze ist. Daher seid Euch stets voll bewusst, dass es die Höchste Göttliche Mutter des Universums ist, die hier ihr Spiel spielt und in jedem Wesen wohnt.

Hier endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das achte Kapitel: ‘Die Entscheidung darüber, wer zu verehren ist.’





Kapitel 9: Die Tötung von Madhu und Kaitabha

Sūta sprach:

Oh ihr Munis, als die ausgezeichnete Tāmasī-Shakti, die Göttin, die über den Schlaf herrscht, aus den Augen, dem Mund, der Nase, dem Herzen usw. des Körpers des Weltenlehrers Vishnu austrat und sich in den Himmelsraum zurückzog, begann der mächtige Lord Vishnu zu gähnen und erhob sich. Er erblickte den von Furcht erfüllten Prajāpati Brahmā und sprach zu ihm mit einer Stimme, tief wie das Grollen von Gewitterwolken: ‚O Bhagavān Padmayone, warum bist du, dein Tapasya aufgebend, hierher gekommen? Und warum siehst du so furchtsam und erschreckt aus?‘

Brahmā sagte:

Oh Deva, die beiden äußerst mächtigen und überaus schrecklichen Daityas Madhu und Kaitabha, die aus deinem Ohrenschmalz entstanden sind, wollen mich töten. Aus Furcht vor ihnen bin ich daher zu dir gekommen. Oh Herr des Universums, oh Vāsudeva, ich bin ganz erschüttert und verängstigt, rette mich!‘

Vishnu antwortete:

Beruhige dich und sei ohne Furcht. Lass diese beiden Dummköpfe, deren Leben zu Ende geht, zum Kampf gegen mich antreten. Ich werde sie mit Sicherheit töten!’

Sūta sprach:

Noch während Bhagavān Vishnu, der Herr aller Devas, diese Worte sprach, erschienen dort auf ihrer Suche nach Brahmā die beiden überaus mächtigen, vor Arroganz strotzenden Dānavas. Oh ihr Munis, die beiden stolzen Daityas standen dort inmitten der Pralaya-Gewässer, ohne Boden unter den Füßen und in einer ruhigen, selbstbewussten Haltung. Sie sprachen zu Brahmā wie folgt:

Ah, hierher bist du also geflüchtet. Du kannst uns nicht entkommen. Komm‘ her und kämpfe! Wir werden erst dich und dann den anderen da töten, der auf der Schlange als Bett geschlafen hat. Stelle dich zum Kampf oder erkläre, dass du unser Sklave bist!‘

Als er diese Worte vernommen hatte, wandte sich Janārdana Vishnu folgendermaßen an sie: ‚Oh ihr beiden Dānavas, die ihr so wild darauf seid, zu kämpfen! Kommt und kämpft mit mir, wie es euch gefällt. Ich werde gewiss euren Stolz dämpfen.

Oh ihr mächtig Starken! Hört auf mich und kämpft!‘

Auf diese Worte hin kamen die beiden Dānavas, die sich inmitten der Wasser, ohne festen Boden unter den Füßen, bewegten, herbei um zu kämpfen, wobei sie zornig ihre Augen rollten.

Der Daitya namens Madhu wurde äußerst zornig und rannte herbei, um zu kämpfen, während Kaitabha aus der Entfernung zusah. Die beiden Helden stürzten sich wahnsinnig vor Wut in einen wilden Nahkampf. Als Bhagavān Hari und Madhu allmählich müde wurden, kam Kaitabha herbei und griff in den Kampf ein. Blind vor Zorn begannen Madhu und Kaitabha nun gemeinsam mit bloßen Händen wieder und wieder gegen den mächtigen Vishnu anzukämpfen. Bhagavān Brahmā und die kosmische Ur-Energie Adyā-Shakti sahen vom Himmel aus dem Kampfgeschehen zu.

Auch nachdem sie schon lange, lange Zeit gekämpft hatten, wurden die beiden Dānavas kein bisschen müde, aber Bhagavān Vishnu begann zu ermüden. Nachdem fünftausend Jahre vergangen waren, begann Hari zu überlegen, auf welche Weise die beiden Asuras wohl getötet werden könnten. Er dachte:

Ich kämpfe jetzt schon fünftausend Jahre lang gegen sie, aber die beiden gewaltigen Dānavas zeigen keine Anzeichen von Erschöpfung; eher bin ich etwas müde – das ist wahrlich sehr überraschend. Wohin ist meine Stärke gegangen und wie kann es sein, dass die zwei Dānavas nicht müde werden? Was mag die Ursache hierfür sein? Diese Frage muss ernstlich erwogen werden.‘

Als sie bemerkten, dass Bhagavān Hari voller sorgenvoller Gedanken war, sagten die zwei überheblichen Dānavas überaus belustigt und mit Stimmen, die sich wie das Grollen von Gewitterwolken anhörten:

Oh Vishnu, wenn du schon erschöpfst bist und nicht mehr genügend Kraft hast, um gegen uns zu kämpfen, dann falte deine Hände vor dem Kopf zusammen und bekenne, dass du unser Diener bist; oder, falls du noch kannst, kämpfe weiter gegen uns. Oh du Kluger, wir werden erst dein Leben nehmen und danach diesen viergesichtigen Brahmā erschlagen!‘

Als er diese Worte der beiden Dānavas vernommen hatte, die ganz auf sich allein gestellt auf dem weiten Weltmeer ruhten, sprach der erleuchtete Vishnu zu ihnen in süßen, mitfühlenden Worten:

Schaut, ihr Helden: niemand sollte je gegen jemanden kämpfen, der müde und von Furcht erfüllt ist, der keine Waffen trägt, zu Boden gefallen oder ein Kind ist – dies ist das Gesetz (dharma), dem die Helden folgen. Fünftausend Jahre lang habt ihr zu zweit gegen mich gekämpft. Ich bin nur einer, während ihr zwei seid. Ihr seid beide gleich stark und habt euch immer abwechselnd ausgeruht.

Lasst mich daher eine Weile ausruhen, danach werde ich gewiss weiter kämpfen. Ihr beide seid ja überaus stark und habt enorm großes Vertrauen in eure Kraft. Lasst uns daher eine Ruhepause einlegen. Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, können wir dann unsere Auseinandersetzung nach den Regeln eines fairen Kampfes fortsetzen.‘

Die beiden Herrscher der Dānavas vertrauten diesen Worten von Hari und warteten in einiger Entfernung auf die Wiederaufnahme des Kampfes.

Als der vierarmige Vāsudeva sah, dass die beiden weit genug weg waren, begann er im Geiste zu überlegen: ‚Wie kann ihr Tod herbeigeführt werden?‘ Nachdem er einige Zeit darüber nachgedacht hatte, wurde ihm klar, dass sie von der Höchsten Shakti Devī den Wunsch gewährt bekommen hatten, dass der Tod nur mit ihrer eigenen Einwilligung (ichchāmrityu) zu ihnen kommen würde und sie deshalb keinerlei Erschöpfung zeigten. ‚Deshalb also habe ich so lange ganz vergeblich gegen sie gekämpft; meine ganze Mühe ist umsonst gewesen.

Wie soll ich nun weiter kämpfen, jetzt, wo ich das weiß? Wenn ich aber nicht weiter kämpfe, wie können dann diese beiden Dānavas vernichtet werden, die durch die erlangte Wunschgabe voller Selbstvertrauen sind und die ganze Welt in Schrecken versetzen?

Nachdem die Devī ihnen die Erfüllung ihres Wunsches gewährt hat, ist ihr Tod praktisch unmöglich geworden. Wer will schon seinen eigenen Tod, selbst wenn er in sehr leidvollen Umständen lebt? Selbst von schrecklichen Krankheiten heimgesucht oder in völliger Armut lebend will dennoch niemand sterben; wie soll man dann erwarten, dass die beiden hochmütigen Dānavas sich ihren Tod wünschen?

In dieser Situation ist es ratsam, zu jener Adyā Shaktī Zuflucht zu nehmen, welche die Frucht aller Wünsche gewährt. Kein Wunsch kann jemals Früchte tragen, wenn sie nicht gänzlich mit einem zufrieden ist.‘

Von diesen Gedanken erfüllt erblickte Bhagavān Vishnu die wunderschöne Devī Yoga Nidra Shivā, die den Luftraum mit ihrem Glanz erfüllte.

Dann begann der höchste Yogi, Bhagavān Vishnu von unbegrenztem Bewusstsein, mit zusammengelegten Händen die große Göttin Bhuvaneshvari Mahā Kāli zu verehren, die den Wunsch nach Vernichtung der Dānavas gewährt:

Oh Devī, ich verneige mich vor dir, oh Mahāmāyā, der Erschafferin und der Zerstörerin! du bist anfangslos und todlos, oh herrliche Chandike, Gewährerin von weltlichen Freuden und von Erlösung! Ich kenne deine Saguna- oder Nirguna-Formen nicht, wie kann ich dann deine unzähligen glorreichen Taten kennen?

Heute durfte ich deine unbeschreibliche Macht erfahren, als ich infolge der Macht Deiner Einschläferungs-Kraft meine Wahrnehmungsfähigkeit und mein Bewusstsein verlor. Obwohl Brahmā wieder und wieder alles versuchte, um mein Bewusstsein wieder herzustellen, vermochte ich nicht aufzuwachen, so sehr waren meine Sinne gelähmt.

Oh Mutter, durch deine Macht blieb ich bewusstlos und du wiederum hast mich von der Macht des Schlafes befreit, so dass ich so lange Zeit kämpfen konnte.

Aber jetzt, oh Verleiherin allen Ruhmes, bin ich erschöpft. Aber den beiden Dānavas hast du die Wunschgabe gewährt und daher werden sie nicht müde. Diese beiden Dānavas waren, von ihrer Arroganz berauscht, angetreten, Brahmā zu töten; deshalb habe ich sie zum Kampf gegen mich herausgefordert und sie haben mich mit all ihrer Kraft auf dem weiten Weltmeer bekämpft.

Du hast ihnen die wundervolle Gabe verliehen, dass sie nur sterben, wenn sie es wünschen; deshalb habe ich jetzt Zuflucht zu dir genommen, denn du beschirmst ja diejenigen, die sich unter Deinen Schutz begeben. Daher, oh Mutter, oh Vertreiberin der Sorgen der Devas: diese beiden Dānavas sind durch die von dir gewährte Gabe voller Zuversicht, während ich Erschöpfung verspüre. Bitte hilf mir jetzt! Schau, diese beiden Sünder stehen bereit, um mich zu töten. Was soll ich ohne deine Gnade tun und wohin soll ich gehen?‘

So vom ewigen Vāsudeva Jagannātha Hari demütig und unter Verbeugungen gepriesen, sprach die Devī Mahā Kāli vom Himmelraum aus lächelnd zu ihm:

Oh Gott der Götter Hari, tritt erneut zum Kampfe an, oh Vishnu! Diese beiden Helden werden, von Meiner Māyā betört, von dir erschlagen werden. Ich werde sie ganz gewiss mit Meinen verführerischen Seitenblicken betören, oh Nārāyana. Alsdann, wenn sie von Meiner Māyā bezaubert sind, erschlage geschwind die beiden Dānavas!‘

Sūta sprach:

Als er diese liebevollen Worte der Bhagavatī vernommen hatte, begab Bhagavān Vishnu sich wiederum zum Schlachtfeld inmitten des Ozeans. Die beiden mächtigen, von heiterer Zuversicht und Kampfesmut erfüllten Dānavas freuten sich, als sie Vishnu zum Ort des Kampfes zurückkehren sahen und sprachen:

Oh Vierarmiger! Wir sehen, dass du anscheinend deinen Mut wiedergefunden hast. Bleibe jetzt! Bleibe nur! Sei zum Kampf bereit in dem Bewusstsein, dass Sieg oder Niederlage gewiss vom Schicksal bestimmt sind. Du sollst dir bewusst machen: im allgemeinen trifft es zwar zu, dass der Stärkere den Sieg erringt; manchmal aber geschieht es auch, dass der Schwächere infolge der Laune des Schicksals den Sieg erringt. Hochentwickelte Persönlichkeiten sollten sich daher nicht übermäßig über einen Sieg freuen, noch übermäßig bei eine Niederlage jammern.

Freue dich also nicht zu sehr, indem du daran denkst, dass du in der Vergangenheit in vielen Fällen gegen deine Feinde, die Dānavas, kämpftest und siegreich warst, noch sei bekümmert, dass du jetzt gleich von zwei Dānavas besiegt werden wirst.‘

Mit diesen Worten kamen die beiden mächtigen Dānavas auf Vishnu zu, um gegen ihn zu kämpfen. Sogleich schlug Bhagavān Vishnu mit großer Kraft mit seinen Fäusten auf die Dānavas ein und die beiden Dānavas wiederum, schlugen voller Zuversicht in ihre Kraft mit den Fäusten auf Hari ein. Bald schon tobte der Kampf in voller Stärke.

Als er merkte, dass die zwei Dānavas von großer Kraft unermüdlich weiter kämpften, warf Nārāyana Hari einen verzweifelten Blick auf das Gesicht der Devī Mahākāli. Als sie Vishnus geqälte Miene sah, lachte die Devī laut auf und begann, ständig mit gleichsam geröteten Augen leidenschaftliche und verliebte Seitenblicke auf die beiden Asuras zu werfen, die den Pfeilen des Liebesgottes glichen.

Die beiden lasterhaften Daityas wurden von den verliebten Seitenblicken der Devī ganz in den Bann gezogen und erfreuten sich sehr an ihnen; von den Liebespfeilen extrem erregt begannen sie, die Devī von makellosem Glanz unablässig anzustarren. Auch Bhagavān Hari bemerkte das wunderbar bezaubernde Spiel, das die Devī mit den beiden Dānavas spielte.

Als Hari, der perfekte Experte, was das Erreichen von angestrebten Zielen anbetrifft, erkannte, dass die beiden Dānavas unter dem Einfluss des Zaubers der Mahāmāyā standen, begann er lächelnd und mit einer Stimme, die dem Klang einer grollenden Gewitterwolke glich, zu den Asuras zu sprechen:

Oh ihr beiden Helden, es macht mich glücklich, dass ihr so großartig kämpft. Daher wünscht euch etwas von mir und ich werde euren Wunsch erfüllen. Ich sah zuvor viele Dānavas kämpfen, aber von Meistern des Kampfes wie euch habe ich nie zuvor Vergleichbares gesehen oder gehört. Ich bin daher außerordentlich erfreut über solch unvergleichliche Kraft. Deshalb, ihr beiden Dānavas von unvergleichlicher Stärke, möchte ich jedem von euch einen Wunsch gewähren, den ihr äußert.‘

Durch den Anblick der Devī Mahāmāyā, die das ganze Universum mit Freude erfüllt, waren die beiden Dānavas in einen Zustand der Verliebtheit geraten und demzufolge wurden sie, als sie Vishnus Worte hörten, von Stolz erfüllt und sprachen zu ihm, während ihre Augen weit geöffnet waren wie voll erblühte Lotusblumen:

Oh Hari, was willst du uns denn schon geben? Wir sind keine Bettler, wir wollen keine Gaben von dir. Oh Herr der Devas! Vielmehr werden wir dir gewähren, was auch immer du wünschen magst. Wir sind ja Geber und nicht Empfänger von Gaben! Daher, oh Vāsudeva Hrishikesha: wir freuen uns darüber, dass du so erstaunlich gut kämpfst. Daher wünsche dir von uns, was immer du begehrst.‘

Auf ihre Worte hin antwortete Bhagavān Janārdana: ‚Wenn ihr beiden so erfreut über mich seid, dann wünsche ich mir von euch, dass ihr beide von mir getötet werdet.‘

Auf diese Worte von Vishnu hin waren Madhu und Kaitabha höchst verblüfft. Sie dachten ‚Wir sind hereingelegt worden‘ und standen eine Zeit lang in Sorgen versunken da. Dann fiel ihnen ein, dass ja überall nur Wasser und nirgends fester Boden zu sehen war, und sagten:

Oh Janārdana Hari! Wir wissen, dass du deine Versprechen hältst, daher möchten wir, dass jetzt auch du uns die Erfüllung eines Wunsches gewährst, wie du es uns zugesagt hattest. Oh Madhusūdana, wir werden von dir getötet werden, aber, oh Mādhava, töte uns auf festem Boden, der nirgends von Wasser bedeckt ist und halte so dein Versprechen!‘

Shri Bhagavān Hari lachte, rief im Geiste seinen Diskus Sudarshana herbei und sprach: ‚Oh ihr beiden vom Glück Gesegneten! Wahrlich, ich werde euch beide auf einem ausgedehnten, festen Stück Boden töten, der von keinerlei Wasser bedeckt ist.‘

Mit diesen Worten dehnte Hari, der Deva der Devas, seine Oberschenkel weithin aus, zeigte den Dānavas den so entstandenen festen Erdboden, der das Wasser bedeckte und sprach:

Ihr beiden Dānavas! Schaut: hier ist kein Wasser. Legt eure beiden Köpfe hier hin – auf diese Weise halte ich mein Wort und ihr eures.‘

Als Madhu und Kaitabha dies hörten, sannen sie eine Weile nach und dehnten ihre Körper auf Zehntausende von Kilometern hin aus. Daraufhin erweiterte Bhagavān Hari seine Oberschenkel auf das Zweifache dieser Größe. Als sie dies sahen, wurden die beiden Asuras von großer Verwunderung ergriffen und legten ihre Häupter auf Vishnus Oberschenkel. Der unvergleichlich starke Vishnu trennte daraufhin eilig mit seinem Sudarshana-Diskus die gewaltigen Köpfe der Daityas über seinen Oberschenkeln ab.

So schieden die beiden Dānavas Madhu und Kaitabha dahin und ihr Mark (meda) füllte den Ozean. Oh ihr Munis, aus diesem Grunde wird die Erde Medinī genannt und deshalb ist die Erde nicht zum Essen geeignet.

Somit habe ich euch nun alles beschrieben, wonach ihr verlangtet. Das Ergebnis und die Essenz von alledem ist, dass weise Menschen der Mahāmāyā von ganzem Herzen dienen sollten. Die Höchste Shakti wird von allen Devas verehrt. Wahrlich und wahrhaftig sage ich euch, dass in allen Veden und in anderen Schriften entschieden erklärt wird, dass nichts höher ist als diese Ᾱdhyā Shakti.

Daher sollte man in jedem Fall diese Höchste Shakti verehren – entweder in ihrer Saguna-Gestalt oder in ihrem Nirguna-Zustand.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das neunte Kapitel: ‘Die Tötung von Madhu und Kaitabha.’



Kapitel 10: Wie Shiva die Wunschgaben gewährte

Die Rishis sprachen:

Oh Sūta! du hast zuvor erzählt, dass Vyāsa Deva von unvergleichlicher Geisteskraft all die Purānas geschaffen und sie seinem eigenen Sohn Shukadeva gelehrt hat. Aber wie konnte den Vyāsadeva, der unentwegt mit Bußübungen (tapasya) beschäftigt war, Shuka zeugen? Bitte beschreibe uns im einzelnen, was du darüber direkt von Krishna Dvaipāyana Vyāsa gehört hast.‘

Sūta sagte:

Oh ihr Rishis! Vernehmt nun, wie Shukadeva, der Beste der Munis und der Größte der Yogis, als Sohn von Vyāsa Deva, dem Sohn der Satyavati, geboren wurde.

Auf dem wunderschönen Gipfel des Berges Meru führte Vyāsa, der Sohn der Satyavati, mit festem Entschluss sehr strenge asketische Übungen durch, um einen Sohn zu erlangen. Entsprechend den Anweisungen von Nārada wiederholte er, der große Asket, das einsilbige Mantra der Vāk und verehrte die Höchste Mahāmāyā mit der Absicht, einen Sohn zu bekommen. Er bat darum, dass ihm ein Sohn geboren werden sollte, der so rein und so kraftvoll und mächtig wie das Feuer, die Luft, das Wasser, die Erde und der Raum (ākasha) sein würde.

Er bedachte in seinem Geist, dass ein Mensch, der Energie (shakti) besitzt in der Welt geehrt, ein Mensch ohne Energie hingegen getadelt wird und zog daraus den Schluss, dass Shakti somit überall verehrt wird. Daher verehrte er Bhagavān Maheshvara zusammen mit der all-herrlichen Ᾱdhyā Shakti und lebte dabei einhundert Jahre, ohne Nahrung zu sich zu nehmen.

Er begann seine Askese auf jenem Berggipfel, der sich mit dem Karnikār-Garten schmückte, wo all die Devas sich gerne aufhalten, wo die askesestarken Munis leben sowie die Ᾱdityas, Vasus, Rudras, die Marut, die Ashvin-Zwillinge und zahlreiche andere voll-erwachte, brahmankundige Rishis und wo die Kinnaras allezeit die Luft mit dem Klang ihrer Musik erfüllen – solch einen Ort wählte Vyāsa Deva mit Bedacht für sein Tapasyā aus.

Das gesamte Universum war erfüllt von der geistigen Ausstrahlung der Askese von Vyāsa Deva, des Sohnes von Parāshara. Sein Haupthaar war infolge der langen Askese verfilzt und hatte eine rötliche Farbe wie von Flammen des Feuers angenommen. Als der Götterkönig Indra, der Gemahl der Shachi, auf das Feuer seiner Askese aufmerksam wurde, wurde er von größter Furcht ergriffen.

Als Bhagavān Rudra sah, dass Indra ganz ängstlich, erschöpft und vergrämt aussah, fragte er ihn:

Oh Indra, warum siehst du heute so von Furcht ergriffen aus? Oh Herr der Devas! Was ist die Ursache deines Kummers?

Du solltest niemals den Asketen gegenüber eifersüchtig oder zornig sein, denn die geistesstarken Asketen praktizieren ihre strenge Askese zu einem edlen Ziele und verehren mich, weil sie wissen, dass in mir die allmächtige Shakti lebendig ist; sie wollen niemals irgend jemandem damit Schaden zufügen.’

Als Bhagavān Rudra so gesprochen hatte, fragte Indra ihn: ‚Was ist sein Ziel?’

Darauf antwortete Shankara: ‚Parāsharas Sohn führt diese strenge Askese aus, um einen Sohn zu erlangen; sie dauert jetzt bereits volle einhundert Jahre lang: ich werde zu ihm gehen und werde ihm die großartige Gabe eines Sohnes gewähren.’

Nach diesen Worten zu Indra begab sich Bhagavān Rudra, der Guru der ganzen Welt, zu Vyāsa Deva und sprach zu ihm mit gnadenvollem Blick: ‚Oh sündloser Sohn von Vāsavi, erhebe dich!

Ich gewähre dir die Gabe, dass du einen höchst feurigen, strahlenden Sohn bekommen sollst, dessen Geisteskraft den fünf Elementen Feuer, Luft, Wasser, Erde und Akāsha gleicht, welcher der Größte aller Weisen (gyāni) sein wird, die Heimstatt aller vorzüglichen Eigenschaften, ruhmreich, von allen geliebt, mit allen sāttvischen Qualitäten ausgestattet, wahrhaftig und tapfer.’

Als er diese süßen Worte von Bhagavān Shūlapāni vernommen hatte, verneigte sich Maharishi Krishna Dvaipāyana vor ihm und kehrte in seine Einsiedelei zurück. Müde von der Anstrengung der jahrelangen Askese, wollte er ein Feuer anzünden, indem er zwei Feuerhölzer (aranī) aneinander rieb. Während dieser Tätigkeit wurde der Geist des erleuchteten Mannes auf einmal stark von dem Gedanken daran beherrscht, wie er wohl einen Sohn zeugen könne. Er dachte:

Ob mein Sohn wohl auf eine Weise geboren wird, wie dieses Feuer hier durch die Reibung der beiden Feuerhölzer entsteht? Ich habe ja keine Frau, die von den Gelehrten als ‚söhneschenkend’ (putrārani) bezeichnet wird. Solch eine junge Ehefrau, schön, aus edler Familie und keusch, ist ja nicht an meiner Seite.

Auch ist ja eine Ehefrau, selbst wenn sie keusch ist und fähig, einen Sohn zu gebären, ohne Zweifel wie eine Kette an beiden Beinen, wie soll ich solch eine Frau dann heiraten? Es ist ja allseits bekannt, dass selbst eine züchtige Frau, die pflichtgetreu und klug ihren Haushaltspflichten nachkommt, die schön ist und einem die freudevolle Erfüllung von Wünschen schenkt, nichtsdestoweniger gewissermaßen eine Art von Bindung oder Fessel darstellt. Wenn man dann noch sieht, dass selbst der ewige Bhagavān Maheshvara stets an eine Frau gebunden ist - wie kann dann ich, der ich all das gehört habe und wohl weiß, das schwierige Leben eines Familienvaters führen!’

Während er solchen Gedanken nachhing, erblickte er plötzlich die außergewöhnlich schöne Himmelsnymphe (āpsara) Ghritāchi, die ganz in seiner Nähe im Luftraum erschienen war.

Und obwohl Vyāsa Deva ein sehr hochrangiger Brahmāchāri war – als er so plötzlich die liebliche Gestalt der Apsarā ganz in seiner Nähe erblickte und diese ihn mit verführerischem Seitenblick ansah, wurde er sogleich von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen. In diesem Zustand der Bedrängnis begann er nachzudenken, was wohl in diesem kritischen Augenblick zu tun sei.

Unerträgliche Gefühle von Verliebtheit sind über mich gekommen. Wenn ich jetzt mit dieser Himmelsnymphe zusammen komme, wohl wissend, dass das Gesetz (dharma) überall seine Augen hat und wenn diese Frau hier erschienen ist, um mir die wertvolle feurige Geisteskraft zu stehlen, die ich durch meine Askese erworben habe, dann werden die geistig hochstehenden asketischen Munis mich auslachen, die denken werden, dass ich ganz und gar die Herrschaft über meine Sinne verloren habe. Ach, warum werde ich, der ich einhundert Jahre lang die schrecklichste Askese auf mich nehmen konnte, auf einmal so hilf- und willenlos durch den bloßen Anblick dieser Apsarā?

Die Gelehrten beschreiben die Lebensweise eines Familienvaters als Quelle der Erlangung eines Sohnes, der Erfüllung der eigenen Herzenswünsche und als Quelle aller Freude; sie sagen, dass sie allen tugendhaften Seelen den Weg zu den Freuden des Himmels weist und den Weisen (gyāni) Befreiung (moksha) schenkt.

Wenn ich solch unvergleichliche Freude durch das Leben eines Familienvaters erlangen würde, dann könnte ich ja diese Deva Kanyā besitzen, auch wenn es nicht ganz untadelig wäre. Aber diese Freude werde ich ganz zweifellos nicht durch sie erlangen – wie kann ich sie dann zur Frau nehmen?

Narāda hat mir ja einmal berichtet, wie in vergangenen Zeiten ein König namens Pururavā in die Fänge der Apsarā Urvashī geriet und, von ihr überwältigt, großen Kummer erdulden musste.’

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das zehnte Kapitel: ‘Wie Shiva die Wunschgabe gewährte.’



Kapitel 11: Die Geburt von Budha

Die Rishis sagten:

Oh Sūta, wer ist denn dieser König Pururavā? Und wer ist das Deva-Mädchen Urvashī? Und wie ist der hochherzige König Pururavā in diese Schwierigkeiten geraten? Oh Sohn von Lomaharshana! Sei so freundlich und berichte uns alles darüber. Wir sind begierig, die süßen Worte aus dem Lotus deines Mundes zu vernehmen.

Oh Sūta! deine Worte sind süßer und saftreicher als selbst der Nektar des Unsterblichkeitstrankes, daher sind wir noch nicht gesättigt davon, sie zu hören, so wie die Götter nie genug davon bekommen, den Unsterblichkeitstrank zu trinken.

Sūta antwortete:

Oh ihr Munis, ich werde euch nun, soweit meine Intelligenz dafür ausreicht, berichten, was ich aus dem Munde von Shrī Vyāsa dazu vernommen habe. Lauscht nun dem Bericht über dieses wundervolle göttliche Geschehnis.

Einstmals begab sich Tārā, die außergewöhnlich schöne junge Frau von Brihaspati, von lieblicher Gestalt und durchaus nicht frei von Stolz, zum Hause des Mondes (Chandra Deva), dessen Aufgabe es war, Brihaspati bei seinen Yagyās zu unterstützen. Als Chandra Deva das schöne, mondgleiche Gesicht von Tārā erblickte, wurde er von großer Leidenschaft ergriffen und auch Tārā verliebte sich sogleich beim Anblick des Mondes. Von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen und im Rausch der Verliebtheit gaben sich der Mond und Tārā, in wechselseitiger Leidenschaft einander zugetan, den Liebesfreuden hin. So vergingen einige Tage.

Schließlich schickte Brihaspati, vom Schmerz der Trennung von seiner Ehefrau gepeinigt, seinen Schüler aus, um Tārā zurück zu bringen, aber Tārā war mittlerweile dem Chandra gänzlich verfallen und weigerte sich daher, nach Hause zurückzukehren. Wieder und wieder schickte Brihaspati seinen Schüler aus, aber als Chandra ihn jedesmal unverrichteter Dinge zurück schickte, wurde Brihaspati sehr zornig und begab sich persönlich zu Chandras Haus und sprach zum Monde, der ihm mit einem arroganten Lächeln entgegen kam:

Oh Mond! Warum begehst du diese üble Tat, die mit dem Dharma in Widerspruch steht? Warum hältst du meine schöne Frau in deinem Hause fest? Ich bin dein Meister und du mein Schüler. Oh du Narr, warum vergnügst du dich mit der Ehefrau deines Guru und hältst sie in deinem Hause gefangen? Weißt du denn nicht dass derjenige, der einen Brahmanen tötet, der Gold stiehlt, der Alkohol trinkt und der sich mit der Ehefrau seines Guru einlässt. ein großer Sünder (mahāpātaki) ist und diejenigen, die Umgang mit ihm pflegen, ebenfalls zu großen Sündern macht?

Weil du meine Frau verführt hast, bist du ein verkommenes Wesen, tadelnswert und ein Mahāpātaki und verdienst es daher nicht, unter den Devas zu leben. Du Übeltäter, hiermit fordere ich dich auf, meine Tārā mit der zarten blauen Hautfarbe und dem lieblichen Silberblick freizugeben. Ich gehe hier nicht wieder weg ohne Tārā! Und wenn du mir Tārā nicht sogleich zurück gibst, dann weiß ich sicher, dass du sie mir geraubt hast und werde dich zweifellos verfluchen!‘

Chandra, der Gemahl von Rohinī, entgegnete seinem Guru Deva Brihaspati, der infolge der Trennung von seiner geliebten Frau zornig, bekümmert und leidend vor ihm stand:

In dieser Welt verehrt man diejenigen Brahmanen, welche die Dharma Shāstras kennen und frei von Zorn sind. Diejenigen aber, die nicht so sind, werden wegen ihrer zornmütigen Art verachtet und keinesfalls von irgendwem geehrt. Oh Sündloser, die Schöne wird ja gewiss in dein Haus zurückkehren, was schadet es dir, wenn sie ein paar Tage hier verweilt? sie bleibt ja aus freiem Entschluss hier um hier Freuden zu genießen und wird sicherlich auch aus eigenem Entschluss wieder zurückkehren.

Und eine Sache noch: du hast mich zuvor gelehrt, dass nach Auffassung der Schriften selbst ein Brahmane, der üble Taten begeht, durch die Ausführung von in den Veden vorgeschriebenen Handlungen wieder rein wird; auch wird eine Frau, selbst wenn sie sich des Ehebruchs schuldig macht, in der Zeit ihrer Menustration ihre Reinheit wieder erlangen.‘

Auf diese Worte von Chandra Deva hin wurde Brihaspati, der Guru der Devas, überaus traurig und bekümmert und kehrte, schweren Herzens und von Liebeskummer geplagt, wieder in sein eigenes Haus zurück.

Nachdem er einige Tage in seinem Haus verbracht hatte, begab sich Brihaspati, von Kummer verzehrt, wiederum eilig zum Haus des Mondes. Als er durch das Eingangstor treten wollte, wurde er jedoch von den Torwächtern zurückgehalten und musste voller Zorn auf dem Weg zum Tor warten.

Als er merkte, dass Chandra sich nicht blicken lassen wollte, wurde er noch wütender und dachte: ‚Oh, wie kann das möglich sein? Dieser pflichtvergessene Chandra hat, obwohl er mein Schüler ist, diese üble Tat begangen und gewaltsam die Ehefrau seines Guru entführt, die doch von ihm als seine Mutter angesehen werden sollte. Ich werde ihm jetzt eine Lektion erteilen!‘

Vor dem Eingang zum Tor stehend begann Brihaspati mit lauter Stimme zu sprechen: ‚Du dümmster, übelster, verdorbenster aller Devas! Warum schläfst du jetzt in deinen Gemächern? Gib mir sofort meine Frau zurück, sonst werde ich dich auf der Stelle verfluchen. Wenn du mir nicht augenblicklich meine Frau wieder gibst, werde ich dich sogleich zu Asche verbrennen!‘

Als er diese drohenden Worte von Brihaspati hörte, kam Chandra Deva, der König der Zweimalgeborenen, rasch aus seinem Haus heraus und sprach lächelnd:

Oh Brahmane, warum verschwendest du hier deine Worte? Diese herrliche Frau mit dem Silberblick und der blauen Hautfarbe ist nicht geeignet für dich; nimm dir doch stattdessen eine andere, hässlichere Frau, um dich an ihr zu erfreuen. Eine so junge und liebliche Frau gehört nicht ins Haus eines Bettlers.

Du Dummkopf! Ich sehe ja, dass du nicht das geringste von der Liebeskunst (kāma shāstra) verstehst. Die Weisen, die erfolgreich diese Kunst beherrschen, legen fest, dass die Frauen für verliebte Stunden einen Liebhaber erwählen, der ihrer Schönheit würdig ist. Daher, du Narr, begib dich fort von hier. Ich werde dir deine Frau nicht zurück geben. Tue was immer in deiner Macht steht; ich jedenfalls werde dir deine Frau nicht zurückgeben. Du kannst so wild werden, wie du willst, dein Fluch wird keinerlei Wirkung auf mich haben. Ich habe dir nicht mehr zu sagen als dies: Oh Guru, du kannst machen, was du willst ich werde dir deine Frau nicht zurückgeben.‘

Nach diesen Worten von Chandra wurde Brihaspati sehr bekümmert und zornig und begab sich rasch zu Indras Haus.

Als er sah, dass sein Guru Deva finster und bekümmert blickte, ehrte der großmütige Indra ihn angemessen mit Pādya, Arghya und Achamanīya (Fußwaschung, Darbringung von Gaben und Wasser für die Mundspülung anbieten) und fragte ihn dann:

Oh vom Glück Gesegneter, warum schaust du so bekümmert? Oh großer Muni, weshalb bist du bedrückt und traurig? du bist mein Guru; wenn irgend jemand in meinem Reich dich gekränkt hat, dann sage mir das offen. All die Herrscher der verschiedenen Weltgegenden und die Heere der Devas stehen unter deinem Befehl. Brahmā, Vishnu und Maheshvara und andere Devas stehen ganz ohne jeden Zweifel bereit, dir jedwede Unterstützung zu gewähren. Daher sage mir freimütig, was der Grund für deinen Kummer ist!‘

Auf diese Worte Indras antwortete Brihaspati:

Chandra hat meine schönäugige Frau gestohlen. Ich forderte ihn immer wieder auf, sie mir zurück zu geben, aber dieser Übeltäter ist überhaupt nicht willens, mir meine Frau zurück zu geben. Oh Herr der Devas, was soll ich jetzt tun? Ich bitte dich um Rat und Hilfe in dieser Sache. Oh Shatakratu, du bist der Herr der Götter, daher flehe ich dich bekümmerten Herzens an: hilf mir in dieser Angelegenheit!‘

Indra sprach daraufhin:

Oh Kenner des Dharma! Gräme dich nicht länger, oh Suvrata! Ich bin dein Diener. Oh Hochintelligenter, ganz gewiss werde ich dir deine Frau wieder zurück bringen. Ich werde einen Boten losschicken und falls dann Chandra in seinem verblendeten Stolz deine Frau nicht zurückgeben sollte, werde ich ihm den Krieg erklären und zusammen mit den Heerscharen der Devas gegen ihn kämpfen.’

Nachdem er so seinen Meister Brihaspati getröstet hatte, sandte Indra einen sehr klugen, redegewandten und überaus tüchtigen Mann zu Chandra.

Der kluge und weise Bote begab sich zum Wohnort Chandras (chandra loka) und sprach zu Chandra, dem Gemahl der Rohinī, die folgenden Worte:

Oh Mahābhāga, Indra hat mich zu dir gesandt, um dir eine Botschaft zu überbringen. Höre daher zu, oh Hochintelligenter, was dir zu sagen er mir aufgetragen hat:

Oh vom Glück Gesegneter, du bist ja mit dem Wissen um rechte Pflichterfüllung und um moralische Prinzipien (dharma- und nīti-shāstra) wohl vertraut, um so mehr, da der tugendhafte Maharishi Atri dein Vater ist. Daher, oh Suvrata, solltest du damit aufhören, eine solch tadelnswerte Tat zu begehen. Schau, alle Wesen sollten ihre Ehefrauen jederzeit und unermüdlich nach bestem Vermögen beschützen. Daraus können natürlich Konflikte entstehen.

Oh Sudhānidhi, auch dein Guru Deva ist angehalten, sein bestes zu tun, was das Beschützen seiner Ehefrau anbetrifft. Du solltest alle Wesen als dein eigenes Selbst ansehen, oh Sudhākara! du hast hast doch mit den Töchtern von Daksha achtundzwanzig wunderschöne Ehefrauen, warum begehrst du dann die Ehefrau deines Guru?

Die liebreizende Menakā und andere Apsarās sind stets in den Himmelswelten zu finden – an ihnen kannst du dich jederzeit nach Herzenslust erfreuen. Daher lass ab von der Ehefrau deines Guru!

Wann immer ein Mensch in hoher Position aus Egoismus eine üble Tat begeht, werden die einfachen, ungebildeten Menschen ihm nacheifern und so geht es mit der Rechtschaffenheit (dharma) in der ganzen Gesellschaft bergab. Daher, oh Glücklicher, solltest du nicht für nicht und wieder nichts Streit unter den Göttern zeugen. Bitte gib die Frau deines Guru zurück, auch wenn sie von ausgesuchter Schönheit ist.‘

Als der Mond diese Worte des Boten vernommen hatte, wurde er zornig und sprach erregt gestikulierend zu dem Boten und über ihn zu Indra die folgenden Worte:

Oh Mächtigarmiger, du als Herrscher über die Devas und Kenner des Dharma und dein Priester – ihr gleicht euch wahrlich sehr und habt offenbar auch denselben Charakter. Man findet ja viele, die gerne ihre Gelehrtheit demonstrieren und anderen gute Ratschläge geben. Viel seltener hingegen findet man jemanden, der selbst seine eigenen klugen Ratschlägen befolgt, wenn sich für ihn einmal die Situation ergibt, wo er seine eigenen Worte in die Tat umsetzen könnte.

Oh Herrscher über die Devas, wenn es um die Sichtweise der vedischen Schriften geht, die von Brihaspati so hoch geschätzt wird, warum sollte dann zwischen mir und den Devas ein Konflikt entstehen, wo ich mich doch, ganz im Einklang mit den Shāstras, am Zusammensein mit einer Frau erfreue, die selbst ganz willig dazu ist.

Zudem gilt ja in dieser Welt das Recht des Stärkeren: der Starke nimmt sich, was er haben will und der Schwache bekommt garnichts. Außerdem hegen nur die Geistesschwachen solch illusorische Vorstellungen wie ‚Diese Frau ist mein‘ oder ‚Dies ist die Frau eines anderen‘. Wenn Tārā offenbarso viel Zuneigung für mich und keinerlei Zuneigung für Brihaspati empfindet, dann gilt das eben Gesagte für mich um so mehr. Wie soll es in Einklang mit den Gesetzen des Dharma und der Moral sein, wenn ich diese Frau aufgebe, die mir doch so zugetan ist?

Außerdem kann man feststellen, dass eine Familie dann glücklich ist, wenn die Ehefrau mit dem Willen ihres Ehemannes in Einklang ist. Wie kann es ein glückliches Familienleben geben, wenn die Dame des Hauses stets unzufrieden ist? Deshalb kann das Familienleben des Guru unmöglich freudevoll sein, denn Tārā ist unzufrieden mit Brihaspati, weil er lieber mit der Ehefrau seines jüngeren Bruders Samvarta zusammen ist.

Wenn wir schon bei dem Thema sind, oh Tausendäugiger: wie kamst du noch mal zu dem Namen ‚Tausendäugiger‘? Aber wie auch immer, du bist der Herrscher über die Devas, du kannst tun, was immer du willst.

Oh Bote, geh und überbringe deinem Herrscher über die Devas all das, was ich gesagt habe. Jedenfalls werde ich keinesfalls die schöne Tārā zurück geben.‘

Nachdem Chandra so gesprochen hatte, kehrte der Bote zu Indra zurück und berichtete ihm alles, was Chandra Deva gesagt hatte. Indra wurde daraufhin sehr zornig und befahl die sofortige Mobilmachung der Streitkräfte der Devas. Als Shukrācharyā, der Guru der Asuras, von dem bevorstehenden Krieg erfuhr, begab er sich aufgrund seiner Feindschaft gegenüber Brihaspati zu Chandra und sprach:

Oh Hochintelligenter, gib auf keinen Fall Tārā zurück! Wenn es zum Krieg zwischen dir und Indra kommen sollte, werde ich dir mit meiner Mantra-Shakti zur Seite stehen.‘

Als Bhagavān Shankara wiederum davon hörte, dass Chandra die üble Tat des Diebstahls der Frau seines Guru begangen hatte und ihm bewusst war, dass Shukrāchārya der Feind von Brihaspati ist, kam er herbei, um die Devas zu unterstützen.

Der große Krieg, der nun zwischen den Devas ausbrach glich dem schrecklichen Krieg gegen Tārakāsura und hielt viele Jahre lang an.

Als schließlich Großvater Brahmā die großen Verwüstungen sah, die der Krieg im Leben der Devas und Asuras angerichtet hatte, kam er auf seinem Vāhana Hamsa (dem Reittier/Himmels-Fahrzeug in Gestalt eines Schwanes) herbei, um den Frieden wieder herzustellen und sprach zu Chandra:

Gib die Ehefrau deines Gurus auf! Andernfalls werde ich Vishnu rufen, damit er dich und deine Verbündeten vernichtet.‘

Er redete auch Shukrāchārya, dem Sohn des Bhrigu, ins Gewissen und sagte zu ihm: ‚Oh Hochintelligenter, wie konnte dieser bösartige Gedanke von deinem Geist Besitz ergreifen? Ist schlechte Gesellschaft Schuld daran?‘

Auch Shukrāchārya riet dann Chandra, dem Herrn der Heilpflanzen, den Krieg zu beenden und sagte zu ihm: ‚Du solltest jetzt besser die Frau deines Gurus aufgeben. Dein Vater Maharishi Atri lässt dir dies durch mich mitteilen.‘

Als Chandra diese unerwarteten Worte von Shukrāchārya hörte, gab er Brihaspati dessen Frau Tārā zurück, obwohl sie mit ihrem Mann unzufrieden und zudem schwanger war.

Brihaspati kehrte voller Freude in Begleitung seiner Ehefrau in sein Heim zurück. Auch die Devas und Dānavas begaben sich zu ihren jeweiligen Heimstätten. Brahmā kehrte nach Brahmāloka und Shiva zum Kailāsha zurück.

Brihaspati war froh, wieder mit seiner schönen Ehefrau zusammen zu sein. Nach einiger Zeit brachte Tārā an einem glückverheißenden Tag unter dem Einfluss eines segensreichen Nakshatra einen überaus vielversprechenden Sohn zur Welt, der alle Qualitäten von Chandra aufwies. Als Brihaspati das neugeborene Kind sah, führte er sogleich voller Freude die Geburtszeremonien für das Kind durch.

Als Chandra hörte, dass ihm ein Sohn geboren war, schickte er einen Boten zu Brihaspati, der diesem mitteilen ließ: ‚Dieses Kind ist nicht von dir, sondern es ist aus meinem Samen hervorgegangen. Warum hast du dann eigenwillig die Geburtszeremonie für das Kind ausgeführt?‘

Auf diese Worte von Chandras Boten entgegnete Brihaspati: ‚Nein, dies ist ganz zweifellos mein Kind, denn es sieht mir ganz ähnlich.‘

Nach diesen Worten von Brihaspati brach der Krieg erneut aus. Die Devas und Dānavas versammelten sich wiederum auf dem Schlachtfeld und hielten Kriegsrat.

Dann aber erschien dort der Prajāpati Brahmā, um den Frieden zu erhalten und hielt die kriegslüsternen, kampfbereiten Devas und Dānavas zurück.

Brahmā fragte nun Tārā: ‚Oh Glückbringende, sage offen und ehrlich, wessen Kind dies ist. Oh Schöne, wenn du hier die Wahrheit kund tust, kann ein Krieg, der so viele Leben kosten würde, vermieden werden!‘

Auf diese Worte Brahmās hin senkte die wunderschöne Tārā mit dem lieblichen Silberblick beschämt ihren Kopf und sprach mit leiser Stimme zu Brahmā: ‚Dies ist Chandras Kind‘ und ging in ihre Gemächer.

Chandra Deva freute sich sehr, als er dies hörte; er nahm das Kind, gab ihm den Namen Budha und trug es in sein eigenes Haus. Bhagavān Brahmā, Indra und die anderen Devas kehrten ebenfalls zu ihren jeweiligen Heimstätten zurück. Auch alle Zuschauer der Ereignisse kehrten dorthin zurück, wo sie hergekommen waren.

Oh ihr Munis, hiermit habe ich euch also die Geschichte der Geburt von Budha als Sohn des Chandra und aus dem Mutterleib der Frau des Brihaspati erzählt, wie ich sie selbst aus dem Munde von Vyāsa Deva, dem Sohn der Satyavatī, vernommen habe.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das elfte Kapitel: ‘Die Geburt von Budha.’



Kapitel 12: Die Geburt von Pururavā

Sūta sprach:

Oh ihr großen Seher, der Sohn des zuvor erwähnten Budha ist der höchst tugendhafte Pururavā von überaus wohltätiger Veranlagung, der stets bereit war, Opferhandlungen auszuführen. Er wurde als Sohn einer Kshattrīya-Frau namens Ilā geboren. Ich werde euch nun genau beschreiben, wie Pururavā als Sohn der Ilā und des Budha zur Welt kam. Seid so freundlich und hört aufmerksam zu.

In alten Zeiten gab es einen König namens Sudyumna. Er war äußerst wahrhaftig und vermochte seine Sinne bestens unter Kontrolle zu halten.

Mit schönen Ohrringen geziert und mit seinem vorzüglichen Bogen namens Ajagab nebst einem mit Pfeilen gefüllten Köcher ausgerüstet und auf einem Pferd reitend, das aus dem Lande Sindhu stammte, begab sich Sudyumna eines Tages zusammen mit einigen wenigen seiner Minister in einen Wald, um dort zu jagen.

Als Jagdbeute hatte er sich Rehböcke, Hasen, Eber, Nashörner, Bisons, Büffel, junge Elefanten, Shrimar-Wild, Geflügel und und andere Tiere auserkoren, die für die Durchführung von Opfern geeignet waren. Mit dieser Absicht drang er tiefer in das Innere des Waldes vor.

Dieser göttliche Wald war mit einer Vielzahl von Mandāra-Bäumen geschmückt und befand sich am Fuße des Berges Meru. Zahlreiche Bäume und Blumen trugen zur Schönheit dieses ausgedehnten Waldgebietes bei.

An manchen Stellen erblickte man Ashokabäume, Vakula, Sāl, Tamāl, Champak, Panasa, Mangobäume, Nīp, Madhūka, Granatapfelbäume, Kokospalmen, Yūthikā, Bananenstauden, Kunda-Pflanzen und zahlreiche andere Bäume und Blumen; an anderen Stellen erhöhten Lauben aus Mādhavi-Pflanzen die Pracht und Schönheit des Waldes.

Es gab in diesem Wald zahlreiche Teiche und Wasserstellen voll von Schwänen, Kārandavas und anderen Wasservögeln; die von Luft erfüllten Bambusbäume an den Ufern des Wassers erzeugten liebliche musikalische Klänge; an vielen Stellen dieses herzerfreuenden Waldes ertönte das süße Summen der Bienen und erfreute die dort lebenden Menschen.

Der König Sudyumna freute sich von Herzen beim Anblick des Waldesinneren, das von den Rufen der Nachtigall erfüllt und durch zahlreiche liebliche Blumen noch an Schönheit gewann.

Kaum hatte er jedoch das Innere des Waldes erreicht, da wurde er in eine Frau verwandelt und auch sein Hengst verwandelte sich sogleich in eine Stute.

Von tiefer Sorge erfüllt dachte der König wieder und wieder: ‚Was ist das denn? Wie konnte so etwas geschehen?‘ Er schämte sich sehr und grübelte voller Kummer ‚Was soll ich jetzt nur tun? Wie soll ich in diesem Zustand als Frau nach Hause zurückkehren und wie so mein Reich regieren? Ach, wer hat nur diesen trügerischen Zauber über mich gebracht?‘

Als die Rishis diese erstaunlichen Worte von Sūta vernommen hatten, sprachen sie:

Oh Sūta, du hast uns gerade berichtet, dass der gottgleiche König Sudyumna in eine Frau verwandelt wurde – das ist wahrlich äußerst seltsam! Oh Suvrata, was war der Grund für diese Verwandlung? Sei so freundlich und erkläre uns ausführlich, warum dem herrlichen König dies in dem Walde widerfuhr!‘

Sūta sprach:

Vor Zeiten begaben sich Sanaka und andere Rishis, die alle zehn Weltgegenden mit dem Glanz ihrer heiligen Aura erfüllten, in diesen Wald, um dem Gott Shankara einen Besuch abzustatten. Aber gerade zu dieser Zeit erfreute sich Bhagavān Shankara am Liebespiel mit seiner Ehefrau Shankarī. Die wunderschöne Devī Ambikā saß nackt auf Shankaras Schoß und schämte sich sehr, als sie die Rishis sah. Sie erhob sich rasch, drückte ihre Kleider an sich und stand dort zitternd und ganz verschüchtert. Als die Rishis sahen, dass die beiden mit Liebesdingen beschäftigt waren, gingen sie schnell fort und begaben sich zur Einsiedelei von Nara Nārāyana.

Als Bhagavān Shankara sah, dass Shankarī übermäßig verschüchtert dort stand, sprach er zu ihr: ‚Warum bist du denn so verschüchtert und verschämt? Ich werde sogleich tun, was dir Freuden bereitet. Oh Schöne, welches männliche Wesen von heute an irgendwann diesen Wald betritt, wird augenblicklich in eine weibliche Gestalt verwandelt werden.‘

Oh Munis, obwohl dieser Wald zuvor allen viel Freude bereitete, wird er wegen dieses unerfreulichen Effekts seither von allen, die von diesem Fluch wissen, sorgfältig gemieden. Sobald der König Sudyumna aus Unwissenheit diesen Wald betreten hatte, wurde er mitsamt allen seinen Begleitern sofort in Frauen verwandelt – daran kann es keinen Zweifel geben.

Der König wurde von großer Sorge und Angst ergriffen und schämte sich so sehr, dass er nicht in seinen Palast zurückkehrte. Stattdessen wanderte er unablässig in den Außenbezirken des Waldes umher. Er wurde später in seiner Frauengestalt unter dem Namen Ilā bekannt.

Eines Tages, als Budha umherwanderte, wie es ihm gefiel, kam er an diesen Ort und erblickte inmitten anderer Frauen die schöne Ilā in ihrer Anmut und wurde von leidenschaftlicher Zuneigung zu ihr ergriffen. Umgekehrt erwachte auch in Ilā, als sie den gutaussehenden Budha, den Sohn von Chandra Deva, erblickte, der Wunsch, ihn zum Gemahl zu haben. Sie verliebten sich so heftig ineinander, dass ihre lustvolle Vereinigung sich direkt an diesem Ort vollzog.

So zeugte Bhagavān Budha Pururavā im Leib der Ilā und Ilā brachte, als die Zeit gekommen war, ihren Sohn Pururavā in jenem Walde zur Welt.

Inmitten des Waldes gedachte sie dann, im Herzen voller Kummer, des Familienpriesters von Königs Sudyumna, Vasishtha Deva. Als Vasishtha Deva sah, in welch leidvollen Zustand der König Sudyumna geraten war, wurde er von Mitgefühl für ihn ergriffen und konnte schließlich Mahādeva Shankara, den Herrlichsten aller Devas, mit Hymnen und Lobpreisungen gnädig stimmen.

Als Bhagavān Shankara ihm die Erfüllung eines Wunsches gewährte, bat Vasishtha darum, dass der König seine männliche Gestalt zurückerlangen möge.

Seines Versprechens an Devī Ambikā eingedenk antwortete Bhagavān Shankara daraufhin, dass der König Sudyumna immer abwechselnd für je einen Monat ein Mann und im nächsten Monat eine Frau sein würde und so fort. Auf diese Weise erlangte Sudyumna vermittels der Gnade von Vasishtha Deva diese Wunschgabe; er kehrte in sein Königreich zurück und begann es wieder zu regieren.

In der Zeit als Frau zog er sich in die inneren Gemächer seines Palastes zurück und in der Zeit als Mann regierte er das Reich. Dies hatte aber zur Folge, dass seine Untertanen sehr besorgt wurden und den König nicht mehr so wie zuvor anerkannten.

Schließlich übergab König Sudyumna die Herrschaft an seinen Sohn Pururavā und machte ihn zum König der neuen Hauptstadt namens Pratishthān; er selbst begab sich in eine Einsiedelei, um sich dort Bußübungen (tapasyā) zu widmen. Er ging in einen schönen Wald, der alle Arten unterschiedlicher Bäume beherbergte und erhielt vom Devarishi Nārada das ausgezeichnete Mantra der Bhagavatī Devī, das aus neun Buchstaben besteht; dieses wiederholte er unablässig mit von Liebe und Hingabe erfülltem Herzen.

Nach einiger Zeit war die all-herrliche Devī Bhagavatī, die Erlöserin des gesamten Universums, mit dem König zufrieden und erschien vor ihm, auf ihrem Vāhana, dem Löwen, reitend, in ihrer wunderschönen göttlichen Saguna-Gestalt, vom Unsterblichkeitstrank berauscht und mit in unerschütterlichem Selbst-Bewusstsein strahlenden Augen.

Als der König in Gestalt der Ilā diese göttliche Erscheinungsform der Mutter des Universums erblickte, verneigte er sich vor ihr mit liebevollem Blick und pries sie voller Freude mit folgenden Hymnen:

Oh Bhagavatī, welch ein vom Glück gesegnetes Wesen bin ich doch, dass ich dich heute in dieser herrlichen, in der ganzen Welt berühmten, segensreichen, allen Welten Gnade und Wohlergehen gewährenden Gestalt erblicken darf!

Ich verneige mich zu Deinen Lotus-Füßen, deren Anblick die Erfüllung aller Wünsche und Erlösung gewähren und die von all den Heerscharen der Devas angebetet werden. Oh Mutter, welcher Sterbliche hier auf dieser Erde könnte jemals deine Herrlichkeit vollständig erfassen, wenn schon alle Devas und Munis bei dem Versuch dazu in Verwirrung geraten.

Oh Devī, ich bin von höchstem Staunen ergriffen, dass ich nun Deiner Herrlichkeit und Deines Mitgefühls gegenüber den leidenden, armen und hilflosen Menschen ansichtig werde! Wie soll ein menschliches Wesen, dessen Qualitäten unzureichend sind, deine Qualitäten ermessen können, wenn selbst Brahmā, Vishnu, Maheshvara, Indra, Chandra, Pavana, Sūrya, Kubera und die acht Vasus deine Kräfte nicht gänzlich verstehen!

Oh Mutter, selbst Bhagavān Vishnu von unvergleichlicher Geisteskraft kennt mit Kamalā, deren Natur Sāttva-Guna ist und welche die Erfüllung aller Wünsche gewährt, nur eine Teil-Manifestation von dir. Bhagavān Brahmā kennt nur deine Rājo-Guna-Manifestation und Bhagavān Shankara kennt dich nur als Umā, die aus Tāmo-Guna besteht. Oh Mutter, keiner von ihnen kennt deine Turīya Form, die alle Gunas transzendiert.

Oh Mutter, was ist denn mein bescheidenes Ich, das von dumpfem Intellekt und machtlos ist, und was ist dagegen deine segensreiche überirdische Heiterkeit und Gnade! Dass du mir mit Deinem Erscheinen eine so großzügige Gnade gewährst übertrifft bei weitem alle meine Erwartungen. Daraus, oh Bhavāni, habe ich den Schluss gezogen, dass dein Herz wahrlich voller unendlicher Gnade ist, denn ganz offensichtlich empfindest du Mitgefühl für deine Verehrer (bhakta), die von Hingabe (bhakti) an dich erfüllt sind.

Oh Mutter, was soll ich noch mehr sagen als dies, dass Bhagavān Madhusūdana Vishnu, der mit Kamalā, einer Teil-Manifestation von dir, verheiratet ist, sich selbst als ihrer unwürdig betrachtet und darüber unglücklich ist.

Die Tatsache, dass er, der Adi Purusha, sich von ihr die Füße waschen lässt, ist dann ganz offensichtlich nur eine Bestätigung der Tatsache, dass er sich wünscht, dass seine Füße infolge der heiligenden Berührung durch Kamalās Hände rein und für die Welt segensreich werden mögen.‘

Oh Mutter, es scheint mir, dass der uranfängliche Purusha Bhagavān Vishnu sich wünscht, von dir zu seinem eigenen Nutzen und zu seiner Freude getreten zu werden, so wie der Ashoka-Baum durch Tritte gedeiht und dass du (in Gestalt von Kamalā) deshalb, scheinbar zornig, Deinen vom Liebesgott Smara gequältenEhemann zu treten wünschst, der zu Deinen Füßen ausgestreckt daliegt.

Oh Devī, wenn du stets an der stabilen, breiten, schön geschmückten Brust von Bhagavān Vishnu ruhst wie der Blitz in dichten dunkelblauen Wolken, dann ist es zweifellos so, dass er, der zum Herrn des Universums wurde, dadurch zu Deinem Vāhana (Fahrzeug, Reittier) geworden ist, oh Mutter.

Wenn du im Zorn einmal Madhusūdana verlässt, verliert er augenblicklich all seine Macht und wird von niemandem mehr verehrt, denn überall sieht man ja, dass Menschen, selbst wenn sie sanft und freundlich sind, von ihren Verwandten als gänzlich nutzlos angesehen und im Stich gelassen werden, wenn Shrī (Wohlstand und Glück) sie verlassen hat.

Oh Mutter, du solltest mich nicht einfach deshalb unbeachtet lassen, weil ich zur Frau geworden bin, denn selbst Brahmā und die anderen Götter, die stets den Schutz Deiner Lotus-Füße suchen, mussten einst allesamt in Manidvīpa eine jugendliche weibliche Gestalt annehmen und ich weiß auch gewiss, dass du ihnen danach wieder eine männliche Gestalt verliehen hast.

Daher, oh Göttin von unermesslicher Macht. Wie soll ich deine Macht angemessen beschreiben? Tatsächlich bin ich in meinem Geist voller Zweifel darüber, ob du in Wahrheit männlich oder weiblich bist. Oh Devī, wer auch immer du sein magst, ob voller Eigenschaften oder alle Eigenschaften transzendierend, ob männlich oder weiblich, ich verneige mich immerdar mit von Hingabe an dich erfülltem Herzen vor dir. Oh Mutter, ich wünsche mir, dass ich in meinem letzten Augenblick von unerschütterlicher Hingabe an dich erfüllt sein werde.‘

Sūta sprach:

Nachdem der König Sudyumna in seiner weiblichen Gestalt als Ilā die Göttin so gepriesen hatte, nahm er Zuflucht zur Weltenmutter. Die Göttin war darüber hoch erfreut und gewährte dem König auf der Stelle die Vereinigung mit ihrem eigenen Selbst. So erlangte der König durch die Gnade der uranfänglichen Bewusstseins-Energie, der Devī Brahmāmāyī, die höchste Ruhestätte, die selbst von den Munis nur ganz selten erreicht wird.

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das zwölfte Kapitel: ‘Die Geburt von Pururavā.’



Kapitel 13: Urvashī und Pururavā

Sūta sprach:

Oh ihr Maharishis, als der König Sudyumna in die höchste Stätte eingegangen war, begann der tugendhafte, schöne und tüchtige König Pururavā sein Königreich erfolgreich zu regieren. Er erwies sich als sehr fähig, seine Untertanen zu erfreuen und in Einklang mit den Gesetzen der Rechtschaffenheit (dharma) zu herrschen.

Niemand wusste, was er in seinen Ratsversammlungen beschloss, aber er war sehr geschickt darin, in Erfahrung zu bringen, was in den Ratsversammlungen anderer erörtert wurde. Er war stets äußerst energievoll und seine Herrschaftsmacht war groß. Die vier Methoden der Politik – Verhandlung, Vergabe von Geschenken, Zwietracht-Säen und Kriegführung – beherrschte er vollständig.

Er achtete sorgfältig darauf, dass seine Bevölkerung dem Dharma und der Einteilung der gesellschaftlichen Klassen und der Lebensstadien (Varnāshrama) entsprechend lebte und regierte sein Land nach diesen Prinzipien.

Pururavā, der Herrscher über die Menschen, ließ zahlreiche Opfer (Yagyā) mit einer Fülle von Dakshinās (Opferlohn für die beteiligten Brahmanen) durchführen. Auch seine Wohltätigkeit und Spendenfreudigkeit wurde allseits bestaunt und bewundert.

Seine ungewöhnliche Schönheit, seine zahlreichen guten Eigenschaften, seine Großzügigkeit und sein guter Charakter, sein grenzenloser Reichtum und sein unübertrefflicher Mut beeindruckten die Apsarā Urvashī sehr; sie dachte immer öfter an ihn und wünschte sich sehr, sich mit ihm zu vereinen.

Einige Zeit später musste die stolze Urvashī infolge des Fluches eines Brahmanen die Himmelswelt verlassen und auf die Erde herabsteigen. Sie erwählte den König Pururavā zu ihrem Ehemann, weil sie sah, dass er mit allen guten Eigenschaften ausgestattet war.

Sie begab sich zu dem König und schlug ihm die folgende Vereinbarung vor: ‚Oh König, der du allen Wesen Achtung entgegen bringst, ich vertraue dir diese beiden jungen Schafe an. Bitte gib sorgfältig auf sie acht, damit wirst du meine Ehre angemessen achten. Oh König, ich werde jeden Tag nichts anderes als geläuterte Butter (ghee) als Nahrung zu mir nehmen. Und noch eine weitere Sache: Wir sollen einander nie nackt erblicken, außer wenn wir uns den Liebesfreuden widmen.

Wahrlich, oh König, falls du gegen einen der Punkte dieser Vereinbarung verstoßen solltest, werde ich dich augenblicklich verlassen und meiner Wege gehen.‘

Der König akzeptierte Urvashīs Bedingungen und so blieb Urvashī bei ihm, wobei sie dabei auch im Sinn hatte, auf diese Weise die Zeit zu verbringen, bis der gegen sie verhängte Fluch seine Kraft verlieren würde.

Während dieser Zeit wurde der Geist des Königs von der Liebe zu Urvashī so sehr eingenommen und seine Zuneigung für sie wurde so groß, dass er alle seine Pflichten als Herrscher völlig vergaß und sich viele Jahre lang nur noch am Zusammensein mit Urvashī erfreute. Sein Herz war so sehr vom Gedanken an sie erfüllt, dass er nicht einen einzigen Augenblick ohne sie sein konnte.

So vergingen viele Jahre, bis Indra, der Herrscher über die Devas, als er Urvashī nirgends erblickte, zu den Gandharvas sagte: ‚Oh ihr Gandharvas, macht euch besser alsbald auf den Weg und stehlt die beiden jungen Schafe aus dem Palast des Pururavā und bringt dann Urvashī hierher. Mein Nandana-Garten ist ohne Urvashī seiner Schönheit beraubt, also bringt die schöne Dame auf welche Weise auch immer wieder hierher zurück!‘

Auf diese Worte Indras hin gingen Vishvāvasu und andere Devas zum Palast von Pururavā und stahlen in der Dunkelheit der Nacht, als Pururavā gerade im Liebesspiel mit Urvashī beschäftigt war, die beiden jungen Schafe. Als diese in die Lüfte davongetragen wurden, erhoben sie ein so jämmerliches Geschrei, dass Urvashī es hören konnte, als wenn gleichsam ihre beiden Söhne entführt worden wären und sie sprach zornig zum König:

Oh König, erfüllst du so den Vertrag, den wir miteinander abgeschlossen haben? Es scheint, dass ein großes Unglück über mich gekommen ist, weil ich größtes Vertrauen in dich gesetzt habe. Sieh nur: die Diebe stehlen gerade meine zwei Schäfchen, die mir so lieb wie eigene Söhne sind. Warum schläfst du dann hier wie ein Weib? Ach, ich bin verloren, denn ich habe einen impotenten Ehemann, dessen Stärke nur aus leerer Prahlerei besteht! Wo sind jetzt nur meine beiden jungen Schäfchen, die ich mehr als mein eigenes Leben liebe?‘

Als er Urvashī so jammern hörte, rannte König Pururavā, der Herr der Welt, sogleich wie von Sinnen nackt hinter den Gandharvas her. Die Gandharvas ließen daraufhin die beiden jungen Schafe los und erleuchteten das Zimmer mit einem Blitzstrahl, so dass die ohnehin zum Gehen entschlossene Urvashī den König nackt erblickte. Der nackte und erschöpfte König brachte die beiden Schafe wieder zurück und Urvashī, die ihren Ehemann nackt sah, begab sich augenblicklich in die Himmelswelt.

Als der König Urvashī fortgehen sah, jammerte er laut und sein Herz wurde schwer. Nach der Trennung von Urvashī wanderte er, ganz und gar verwirrt, von Leidenschaft aufgewühlt und ohne jede Kontrolle über seine Sinne, weinend und von Kummer bedrückt in verschiedenen Ländern umher.

Auf seiner Wanderung über die Erde gelangte er schließlich nach Kurukshettra und erblickte dort Urvashī. Freudestrahlend sprach er zu ihr:

Oh Geliebte, warte, warte doch einen Moment! Mein Geist ist gänzlich allein von dir eingenommen, er gehorcht nur dir und ist voller Unschuld stets auf dich gerichtet. Du darfst mich in einer so schlimmen Zeit nicht alleine lassen, oh Devī! Auf der Suche nach dir bin ich so weit gereist, oh Schöne! Wenn du mich verlässt, wird der Körper, den du einst liebevoll umarmtest, hier zu Boden fallen und von Raben, Wölfen und anderen fleischfressenden Tieren aufgefressen werden!‘

Als Urvashī den König so erblickte, müde, von Leidenschaft gepeinigt, leidend, weinend und voller Kummer, sprach sie zu ihm:

Oh König, offenbar bist du ein ganz unverständiger Mann. Wo ist nur all dein außergewöhnliches Wissen geblieben? Weißt du denn nicht, dass eine Frau einem Mann niemals reine Liebe entgegen bringen wird – genauso, wie ein Wolf niemals den Menschen lieben wird? Daher sollte auf Erden ein Mann niemals das geringste Vertrauen in Frauen oder in Diebe setzen. Gehe in deinen Palast zurück und genieße die Freuden der Königsherrschaft. Höre auf, deinen Geist in Kummer versinken zu lassen!‘

Aber obwohl Urvashī versucht hatte, ihn zur Besinnung zu bringen, war der König Pururavā ihr dermaßen in Liebe verfallen, dass sein Herz nicht im geringsten getröstet war. Vielmehr empfand er unbeschreiblichen Schmerz und blieb in den Banden der Liebe zu Urvashī gefesselt.

Oh Munis, somit habe euch die Persönlichkeit von Urvashī in aller Kürze beschrieben – in den vedischen Schriften findet ihr ausführlichere Berichte hierüber.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das dreizehnte Kapitel: ‘Urvashī und Pururavā.’



Kapitel 14: Die Geburt von Shūka Deva und die Pflichten eines Familienvaters

Oh ihr Maharishis, als er die schöne Apsarā von dunkelblauer Hautfarbe und mit dem lieblichen Silberblick vor sich sah, dachte Vyāsa Deva: ‚Wahrlich, was soll ich jetzt nur tun? Diese Devakanyā Apsarā Ghritāchī ist ja nicht für die Ehe mit mir geeignet!’

Als die Apsarā bemerkte, dass Vyāsa Deva ganz in Gedanken versunken war, dachte sie, dass der Muni sie verfluchen könnte und begann sich zu fürchten. Voller Angst nahm sie die Gestalt eines Shūka-Vogels (Papagei) an und flog rasch davon. Vyāsa war sehr überrascht, sie plötzlich in Gestalt eines Vogels zu erblicken.

Ab dem Moment, wo Vyāsa die ungewöhnlich schöne Gestalt von Ghritāchī erblickte, war der Liebesgott in seinen Körper eingetreten; sein Geist war freudevoll vom Gedanken an ihre liebliche weibliche Form eingenommen und sein ganzer Körper so von erregter Lust erfüllt, dass die Haare an seinem Körper zu Berge standen.

Der Muni Vyāsa Deva versuchte sein bestes und setzte aufs äußerste seine Macht der Selbstkontrolle ein, aber er vermochte nicht, seinen ruhelosen Geist unter Kontrolle zu bringen, der vom Gedanken beherrscht war, sich an der schönen Frau zu erfreuen. Obwohl er große Willensstärke besaß und immer wieder versuchte, die Aufregung seines Herzens unter Kontrolle zu bekommen, das von der lieblichen Gestalt der Ghritāchī verzaubert war, konnte er, als wenn es gleichsam von Gott so vorherbestimmt worden war, seinen Geist nicht unter Kontrolle bringen.

Als er in diesem Gemütszustand damit beschäftigt war, mit Hilfe von zwei Feuerhölzern das Opferfeuer zu entzünden, fiel sein Samen auf die beiden Feuerhölzer (aranī). Er aber bemerkte dies gar nicht und rieb weiterhin die Feuerhölzer aneinander – als sich auf einmal aus den Aranī die wunderbar schöne Gestalt von Shūka Deva manifestierte, die einem zweiten Vyāsa glich.

Dieser Junge, der aus der Reibung der Feuerhölzer geboren wurde, sah strahlend wie die glühende Flamme des Opferfeuers aus, das mit Aufgüssen von Ghee genährt wurde.

Als Vyāsa jenen Sohn erblickte, wurde er von großer Verwunderung ergriffen und dachte: ‚Was ist das? Wie konnte mein Sohn ohne Mitwirkung einer Frau geboren werden?’

Als er eine Weile darüber nachgedacht hatte, kam er zu dem Schluss, dass dies gewiss als Folge davon geschehen war, dass Shiva ihm die Erfüllung seines Wunsches gewährt hatte.

Als der feurige Shūka Deva aus den Aranīs geboren wurde, leuchtete er sogleich vermittels seiner Ausstrahlungskraft (tejas) in feurigem Glanz; Veda Vyāsa konnte gar nicht seinen Blick von der beseligenden Gestalt seines Sohnes abwenden, der einem zweiten Gārhapatya-Feuer glich und wie der göttliche Agni erstrahlte.

Oh ihr Asketen, der Fluss Gangā kam aus dem Himalaya-Gebirge herbei und läuterte Shūka Devas zentrales Nervensystem mit ihrem heiligen Wasser, während vom Himmel ein Blütenregen auf sein Haupt hernieder fiel.

Danach vollzog Vyāsa Deva sämtliche Geburtszeremonien für das hochentwickelte Kind; die himmlischen Trommeln erklangen, die Himmelsnymphen begannen zu tanzen und die Herrscher der Gandharvas Vishvāvasu, Nārada, Tumburu und andere begannen beim Anblick des Sohnes von großer Freude erfüllt zu singen.

All die Devas und Vidyādharas begannen voller Freude beim Anblick der aus den Feuerhölzern geborenen göttlichen Gestalt des Sohnes von Vyāsa Deva Hymnen zu chanten. Oh ihr Zweimalgeborenen, dann fielen der göttliche Asketenstab (danda) Kamandalu und ein Antilopenfell vom Himmel herab.

Kaum geboren, wuchs der ungewöhnlich strahlende Shūka Deva sogleich zu einem jungen Mann heran und Vyāsadeva, der Meister der Wissensvermittlung und des unendlichen Wissens, führte für seinen Sohn die Upanayana-Zeremonie durch. Schon im Moment seiner Geburt leuchteten im Geiste Shūka Devas sämtliche Veden mitsamt all ihren Geheimnissen und ihrer inneren Bedeutung auf – genau so, wie sie auch im Geiste seines Vaters Vyāsa Deva lebendig waren.

Oh ihr Munis, Bhagavān Vyāsa Deva gab dem Kind den Namen Shūka, weil er im Moment seiner Geburt die Apsarā Ghritāchi in Gestalt des Shūka-Vogels erblickt hatte.

Shūka akkzeptierte dann Brihaspati als seinen Meister und begann sogleich hingebungsvoll, mit ganzem Geist und Herzen, dem Brahmacharya-Eid entsprechend zu leben. Der Muni Shūka lebte im Hause seines Guru und studierte dort die vier Veden mitsamt ihren Geheimnissen und ihrer inneren Bedeutung und alle anderen Dharma Shāstras, gab seinem Lehrer gemäß den Vorschriften den angemessenen Lohn für die erhaltenen Belehrungen (dakshinā) und kehrte dann zu seinem Vater Krishna Dvaipāyana nach Hause zurück.

Als Vyāsadeva seinen Sohn Shūka erblickte, stand er auf, begrüßte ihn liebevoll und in allen Ehren, umarmte ihn und roch an seinem Kopf. Der heilige Vyāsa fragte ihn nach seinem Befinden und nach seinem Studium und bat ihm, in seinem segenbringenden Ashram zu verweilen.

Dann begann Vyāsa sich Gedanken um die Verheiratung seines Sohnes zu machen und fing an nachzuforschen, wo die schöne Tochter eines Muni zu finden sei. Er sprach zu seinem Sohn:

Oh Hochintelligenter, du hast jetzt das Studium sämtlicher Veden und Dharma Shāstras abgeschlossen. Daher, oh Sündloser, ist es nun für dich an der Zeit, zu heiraten. Oh mein Sohn, heirate eine schöne Frau, führe ein Leben als Familienvater, verehre die Götter und die Vorfahren und befreie mich so von der Schuld ihnen gegenüber.

Wer keine Nachkommenschaft hat, kann ja niemals in den Himmel gelangen. Daher, oh mein vom Glück gesegneter Sohn, tritt nun in das Leben eines Familienvaters ein und mache mich glücklich. Oh Hochintelligenter, ich setze hohe Erwartungen in dich, die versuche nun zu erfüllen.

Oh hochweiser Shūka, nach sehr schwerer Askese habe ich dich erlangt, der du wahrlich ein Gott bist, der nicht aus einem menschlichen Mutterleib hervorging. Ich, dein Vater, bitte dich: rette mich!‘

Als Vyāsa diese Worte im vertraulichen Gespräch an Shūka gerichtet hatte, erkannte dieser sogleich, dass sein Vater eine furchtbare Bindung an die Welt entwickelt hatte und entgegnete ihm:

Oh Dharmakundiger, du hast kraft deiner großen Intelligenz den Veda in vier Teile unterteilt, warum gibst du mir dann jetzt solche Ratschläge? Ich bin dein Schüler, daher gib mir bitte wahrhaftigen Rat. Dann werde ich gewiss deinen Anweisungen folgen.‘

Vyāsa Deva sprach daraufhin:

Oh mein Sohn, ich habe dich erlangt, nachdem ich einhundert Jahre lang äußerst schwere Askese durchgeführt und Bhagavān Shankara mit dem einzigen Ziel verehrt hatte, dich zu bekommen. Oh Weiser, ich werde einen König darum bitten, dass er dir genügend Reichtümer gibt, um die Ausgaben für deine Familie abzudecken, damit du dich nun, nachdem du jetzt das höchst erstrebenswerte Alter eines jungen Erwachsenen erreicht hast, am Leben als Familienvater erfreuen kannst.‘

Auf diese Worte seines Vaters entgegnete Shūka Deva:

Oh Vater, bitte zeige mir, welche Freuden es hier auf Erden gibt, die nicht mit Leiden vermischt sind. Die Freude, die mit Schmerz vermischt ist, wird von den Weisen nicht als Freude bezeichnet.

Oh vom Glück Gesegneter, wenn ich heirate, werde ich gewiss zum Befehlsempfänger meiner Ehefrau werden. Schau, wie soll jemand glücklich sein, der abhängig ist, insbesondere, wenn er von seiner Ehefrau abhängig ist. Es mag sich ja jemand von Ketten befreien können, mit denen er an einen Pflock aus Eisen oder Holz gefesselt ist, aber niemals erlangt ein Mensch die Freiheit, der an seine Frau und seine Kinder gefesselt ist.

Der Körper eines Mannes ist mit Urin und Kot gefüllt und dasselbe gilt für den Körper einer Frau. Dies wiegt für mich noch schwerer, weil ich nicht aus dem Körper einer Frau geboren wurde; wie soll ich an solch einem Körper Freude finden, wenn ich nicht nur in diesem, sondern auch im Leben davor keinen Wunsch verspürte, aus dem Körper einer Frau geboren zu werden.

Wie soll in mir angesichts der unvergleichlichen Seligkeit des Selbst (ātmānanda) der Wunsch entstehen, mich an Urin und Kot erfreuen zu wollen? Die hochentwickelten Persönlichkeiten, die sich an ihrem Selbst erfreuen, streben niemals nach den Sinnesfreuden, die aus dem Genuss der Objekte der Sinne entstehen.

Als ich zuerst den Veda im Detail studierte, war ich erschüttert, dass die Veden sich mit der Lehre der korrekten Ausführung von Handlungen (karma mārga) befassen, wo damit doch vielfach die Verletzung von Lebewesen (himsā) verbunden ist. Danach nahm ich Brihaspati als meinen Meister (guru) an, damit er mir den Weg zu wahrer Erkenntnis aufzeigen sollte; aber schon bald musste ich feststellen, dass er auch er von der furchtbaren Krankheit der Unwissenheit (avidyā) befallen war und hilflos im schrecklichen Ozean der Welt umhertreibt, der voller Māyā ist. Damit stellte sich mir ganz klar die Frage, wie er mich dann retten soll. Wenn der Arzt selbst krank ist, wie soll er dann die Krankheit anderer heilen können?

Wenn ich Befreiung (moksha) zu erlangen wünsche, wie soll ich sie durch einen Guru bekommen, der selbst fest an die Welt gebunden ist? Wie soll so jemand mir erfolgreich beistehen, mich von der Krankheit der Bindung an diese Welt zu erlösen? Das wäre eine bloße Farce.

Ich nahm Abschied von meinem Guru, verneigte mich vor ihm und bin jetzt, voller Furcht vor der schrecklichen Schlange des Kreislaufs von Geburten und Toden (samsāra) zu dir gekommen, damit du mich rettest. Tag und Nacht bewegen sich die individuellen Seelen (jīva) auf diesem schrecklichen Rad des Samsāra, auf dem Rad der Tierkreiszeichen, umher wie die Sonne und finden niemals Ruhe.

Oh Vater, wenn unser Gespräch sich der wahren Erkenntnis des Selbst (ātman) zuwendet, werden wir sogleich feststellen, dass es in diesem Samsāra keine Spur von Freude gibt. So wie Würmer ihre Freude daran haben, im Kot herum zu wühlen, so finden die Unwissenden Freude in diesem Samsāra.

Diejenigen, welche die Veden und andere Schriften studiert haben und dennoch an die Welt gebunden sind, sind ganz sicher verblendet und blind wie die Pferde, Schweine und Hunde; niemand ist dümmer und unwissender als diese.

Wenn man diese extrem seltene Geburt als Mensch erlangt hat und zudem den Vedanta und andere Shāstras studiert und dennoch an diese Welt gebunden bleibt – wen soll es dann noch geben, der Befreiung erlangt? Was kann es in der Welt Seltsameres geben als dies, dass Menschen, die an Frauen, Kinder und Häuser gebunden sind, als Gelehrte oder Weise (pandit) bezeichnet werden?

Derjenige Mensch, der nicht an dieses Samsāra gebunden ist, das aus den drei Gunas der Māyā besteht, der ist ein Gelehrter oder Weiser, er ist intelligent und hat den eigentlichen Sinn der vedischen Schriften verstanden.

Was nützt es, ganz vergeblich die vedischen Schriften zu studieren, die nur lehren, wie man Menschen fester an dieses Samsāra fesseln kann, dass voller Täuschung (māyā) ist? Man sollte diejenigen Schriften studieren, die erklären, wie ein Mensch befreit werden kann.

Das Haus wird ‚Griha‘ genannt, weil es einen Menschen in festem Griff hält (Familienvater heißt in sanskrit ‚grihasta‘). Welche Freude erwartet den, der so in einem Haus lebt, das einem Gefängnis gleicht? Oh Vater, davor fürchte ich mich! Diese sogenannten Pandits sind wahrlich dumm und vom Schöpfer getäuscht, die selbst nachdem sie eine Geburt als Mensch erlangt haben, nur wiederum im Gefängnis eingesperrt leben.’

Als er diese Worte von Shūka vernommen hatte, sprach Vyāsa wie folgt:

Oh mein Sohn, das Haus ist niemals ein Gefängnis, noch ist es die Ursache für irgend eine Art von Bindung. Der Familienvater, dessen Geist ungebunden ist, kann Befreiung (moksha) erlangen, auch wenn er ein solcher ist. Wenn er wahrhaftig und tugendhaft ist, auf rechtschaffene Weise seinen Lebensunterhalt verdient und Wohlstand erlangt, den vedischen Vorschriften entsprechend Riten und Zeremonien durchführt und pflichtgemäß die Rituale für die Vorfahren (shrāddha) vollführt, kann ein Familienvater gewiss Moksha erlangen.

Schau, die Menschen, die als Bramachāris, Asketen oder Vānaprashtīs leben oder ähnlichen Gelübden folgen, müssen allesamt zur Mittagszeit den Familienvater verehren. Der pflichtbewusste Haushälter wiederum heißt sie alle mit freundlichen Worten willkommen und gibt ihnen voller Liebe und Respekt etwas zu essen und tut ihnen dadurch Gutes.

Aus diesem Grunde ist die Lebensphase (āshrama), in der man als Familienvater tätig ist, die großartigste von allen und ich habe nirgendwo gesehen oder gehört, dass irgend eine andere Lebensphase über ihr stände. Aus diesem Grunde haben Vasishtha und andere vedische Meister (āchārya) das Leben des Familienvaters erwählt, obwohl sie große Weisheit besaßen.

Oh vom Glück Gesegneter, wenn der Familienvater pflichtbewusst die vedischen Riten und Zeremonien ausführt, gibt es nichts, das für ihn nicht erreichbar wäre. Was immer er sich wünscht, ob Geburt in einer guten Familie im nächsten Leben, der Genuss der Himmelswelten oder auch Befreiung (moksha), er wird darin erfolgreich sein, es zu erlangen.

Auch gibt es ja keine Vorschrift, die verlangen würde, dass man das ganze Leben lang ein- und derselben Lebensweise (āshrama) folgen muss. Die Pandits, die das Dharma kennen sagen, dass ein Schüler nacheinander unterschiedlichen Lebensweisen folgt. Mein Kind, akkzeptiere daher Agni (das Herdfeuer des Familienvaters) und übe unablässig deine Pflichten aus.

Mein Sohn, beginne ein Leben als Familienvater zu führen, stelle die Götter (deva), die Ahnen (pitri) und die Menschen zufrieden, zeuge Söhne und genieße die Freuden des Lebens als Familienvater. Wenn du alt geworden bist, dann gib dein Haus auf und beginne die Rückzugs-Phase des Lebens (vānaprashthāshrama) , begib dich in einen Wald, widme dich der Erfüllung ausgezeichneter Gelübde und widme dich schließlich in der letzten Phase des Lebens dem Dharma der vollständigen Entsagung (sannyāsa).

Oh Gesegneter, wer keine Frau heiratet, ist ganz sicher von den fünf Sinnen der Handlung (karmendrīya), den fünf Sinnen der Wahrnehmung (gyānendrīya) und dem Geist (manas) verblendet, die so schwer zu kontrollieren sind. Daher sagen die Verfasser der vedischen Schriften (shāstra), dass man sich vor dem gefährlichen Einfluss der boshaften Sinne in Sicherheit bringen soll, indem man im Jugendalter heiratet und sich später dann im Alter der Askese (tapasyā) widmet.

Oh Glücklicher, vor Zeiten führte der feurige königliche Seher (rājarishi) Vishvāmitra dreitausend Jahre lang fastend, eine sehr strenge Askese durch. Er leuchtete wie ein loderndes Feuer und dachte er wäre sehr stark, erlag aber dennoch dem Zauber der Himmelsnymphe Menakā und infolgedessen wurde dann Menakā und Vishvāmitra eine wundervolle Tochter geboren.

Und obwohl mein Vater Parāshara ein großer Asket war, wurde er beim Anblick von Kāli, der Tochter eines Fischers, von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen und vereinigte sich mit ihr im Fährmannsboot.

Und mehr noch: als Brahmā, der Schöpfer der Welt, seine eigene Tochter Sandhyā erblickte, wurde er von leidenschaftlicher Begierde überwältigt und rannte hinter ihr her – erst dadurch, dass Bhagavān Rudra Deva ihn mit seinem Humkār-Sound bewusstlos machte, konnte er von seinem Versuch, sie einzuholen, abgehalten werden.

Daher, oh vom Glück Gesegneter, nimm diese meine gute Frucht zeugenden Worte an, heirate eine Frau aus guter Familie und folge dem von den Veden gewiesenen Weg!‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das vierzehnte Kapitel: ‘Die Geburt von Shūka Deva und die Pflichten eines Familienvaters.’



Kapitel 14: Shūkas Leidenschaftslosigkeit und die Unterweisung von Hari durch die Bhagavatī

Als er Vyāsa Devas Worte vernommen hatte, sprach Shūka Deva:

Oh Vater, ich hege überhaupt nicht den Wunsch, das Leben eines Familienvaters zu führen, denn ich kann ganz klar sehen, dass es einen Menschen fesselt, so wie ein Strick Tiere fesselt, und dass es die Quelle unaufhörlichen Leidens ist.

Oh Vater, wie soll ein Familienvater glücklich sein, wo er doch ständig voller Sorge darüber ist, wie und wodurch er zu Wohlstand gelangen kann? Diejenigen, die nach Reichtümern gieren, unterdrücken ja selbst ihre eigenen armen Verwandten, um Geld aus ihnen heraus zu pressen.

Selbst jemand, der der Herr der drei Welten, der ihr Indra ist, ist nicht so glücklich wie ein Bettler, der frei von Begierde ist – wer sonst in dieser Welt kann dann glücklich sein?

Wann immer Indra, der Herrscher der Devas, bemerkt, dass ein Asket schwere Bußübungen durchführt, wird er sogleich von Kummer und großer Sorge ergriffen und legt dem Asketen alle Arten von Hindernissen in den Weg.

Schau, selbst Brahmā ist mit seinem großen Samsāra nicht glücklich. Und obgleich Bhagavān Vishnu die schöne Kamalā, die Göttin des Reichtums und des Erfolges, zur Frau hat, leidet er immer wieder, denn er muss unablässig gegen die Asuras zum Kampf antreten; und obwohl er der Gemahl von Lakshmī und grenzenlos reich ist, führt er zu Zeiten sorgfältig und gewissenhaft schwer zu ertragende Askese durch. Wen sonst kann es geben, der sich dauerhaften Glückes erfreut?

Ich weiß auch, dass Bhagavān Shankara ebenfalls immer wieder mit leidvollen Schwierigkeiten konfrontiert wird und gegen die Daityās kämpfen muss. Wie soll dann, oh Vater, ein armer Familienvater glücklich sein können, wenn selbst ein reicher Familienvater keinen glücklichen Schlaf findet, weil er stets von der Sorge um seinen Wohlstand geplagt ist? Oh vom Glück Hochgesegneter, du weißt doch sehr wohl, dass dies die Wahrheit über das Leben in der Welt ist; warum willst du dann dass ich, dein Sohn, in diesem Samsāra untergehen soll, das voller Kummer und schrecklicher Schmerzen ist?

Oh Vater, was soll ich dir noch mehr über das Elend dieser Welt erzählen? Die Geburt ist mit Schmerz verbunden, das Alter geht mit Schmerz einher, beim Sterben erlebt man Schmerz und Schmerz wird im Mutterleib erfahren, der voller Urin und Kot ist. Schrecklicher als alle diese aber ist der Schmerz, der aus den Wünschen und Begierden entsteht. Ja, die Schmerzen, die man erfährt, wenn man um die Erfüllung seiner Wünsche und Begierden bettelt, ist größer als die Qualen des Sterbens.

Ach, für die Brahmanen gibt es ja keine andere Methode zur Erlangung des Lebensunterhaltes, als Gaben von anderen zu empfangen. Daher erleiden die Brahmanen jeden Tag todesgleiche Qualen, wenn sie darauf warten müssen, dass andere ihnen etwas zukommen lassen – was kann bedauerlicher sein als dies?

Die Brahmanen, die den Veda und die Dharma-Shāstras studieren und sich Weisheit aneignen, müssen schließlich zu den Reichen gehen und sich alle Mühe geben, sie zu lobpreisen.

Oh Vater, wenn man kein Familienvater wird, wo gibt es dann Sorge darum, dass man den eigenen Bauch füttert? Wenn der Geist in Zufriedenheit gegründet ist, reicht es aus, den Bauch irgendwie mit Blättern, Wurzeln und Früchten zu füllen. Wenn da aber eine Ehefrau ist, Söhne, Enkel und zahlreiche von einem abhängige Verwandte, dann ist viel Ärger und Kummer damit verbunden, sie alle durchzufüttern. Oh Vater, wie kann man da erwarten, in der Welt vollkommenes Glück zu finden?

Daher, oh Vater, lehre mich die Shāstras über Yoga und die unvergängliche Wirklichkeit, die alleine vollkommenes Glück schenken; kein noch so guter Rat in Bezug auf die erfolgreiche Ausführung von Handlungen (karma kānda) kann mich erfreuen.

Daher lehre mich jetzt, wie alles Karma ausgelöscht werden kann, wie die Wurzel der drei Arten von Karma – Sanchitta, Prārabhda und Vartamāna – die zu endlosen Qualen von Geburt, Tod usw. führen, ausgerottet und wie Avidyā, die große Unwissenheit, zerstört werden kann.

Die Narren erkennen nicht, dass die Frauen wie Blutegel den Männern das Blut aussaugen, die sich von ihren verführerischen Mienen und Gesten täuschen lassen. Die Dame des Hauses, die Schöne, die von den Menschen als ‚Geliebte‘ (kāntā) angesprochen wird, stiehlt den männlichen Samen, die Lebenskraft und Energie ihres Mannes, wenn sie ihn die Freuden des Geschlechtsverkehrs bereitet; und ebenso stiehlt sie seinen Geist, seinen Reichtum und alles andere vermittels ihres heimtückischen Liebesgeflüsters. Welchen größeren Dieb kann es geben als eine Frau?

Meiner Auffassung nach sind diejenigen, die so unwissend sind, vom Schöpfer selbst verblendet, so dass sie sich eine Frau nehmen, um die Grundlage ihrer Freude und ihres Glückes zu zerstören. Sie können niemals erkennen, dass die Frauen niemals eine Quelle der Freude sein können, sondern eine Quelle elendigen Leidens sind.‘

Als Vyāsa diese Worte von Shūka hörte, versank sein Geist in einem Meer von Ängsten und Sorgen und er dachte, was nun zu tun sei. Tränen des Schmerzes flossen aus seinen Augen, sein ganzer Körper begann zu zittern und sein Geist war von Kummer überwältigt.

Als Shūkadeva den leidvollen und von Sorgen gequälten Zustand seines Vaters sah, sprach er mit von Verwunderung erfülltem Blick:

Oh, welche Macht wohnt der Māyā inne! Oh, der, dessen Worte überall mit großer Achtung und Liebe aufgenommen und als gleichrangig mit den Worten der Veden selbst angesehen werden, der Autor des Vedānta Darshana, dem nichts in Unwissenheit verhüllt erscheint, oh, der Größte aller Weisen, dem Kenner aller Wissensgebiete (tattwa), er ist jetzt der Täuschungskraft der Māyā erlegen?

Oh, was nur ist diese Māyā, die fähig ist, Vyāsa Deva, den Sohn der Satyavati, zu täuschen, den Experten des Wissens über Brahman (brahmā vidyā); auch ich weiß nicht, wie ich sie auf angemessene und korrekte Weise verehren soll!

Ach, er, der die achtzehn Mahā Purānas und das großartige MahāBhārata verfasst hat, der die Veden in vier Teile aufteilte, eben dieser Veda Vyāsa ist heute von der Macht der Māyā verblendet worden! Was soll man da noch in Bezug auf andere Personen sagen? Oh, die Māyā hat Brahmā, Vishnu und Maheshvara sowie andere und letztlich dieses ganze Universum getäuscht. Wen in den drei Welten sollte es dann geben, der nicht von ihrem Einfluss verzaubert wird?

Daher nehme ich Zuflucht zu der inneren Regentin, der Devī Mahā Māyā. Oh, welch wunderbare Macht übt sie doch aus! Vermittels ihrer eigenen Māyā-Macht hat sie selbst Gott unter ihre Herrschaft gebracht, der doch allwissend und der Herrscher über alle ist.

Die gelehrten Kenner der Purānas sagen, dass Vyāsa Deva als Teil-Inkarnation von Vishnu geboren wurde. Schaut nur das Wunder an, dass er heute im Meer der Täuschung versunken ist wie ein Händler, dessen Schiff unterging. Ach, wie groß ist die wundervolle Macht der Māyā! Der allwissende Vyāsa ist heute unter die Herrschaft der Māyā geraten und weint wie ein gewöhnlicher Mensch! So komme ich zu der sicheren Schlussfolgerung, dass selbst die weisen Gelehrten die Stärke der Māyā nicht gewachsen sind.

Welch großer Irrtum entsteht durch die Macht der Māyā! Schau nur, wahrlich: wer ist er und wer bin ich? Weshalb sind wie hierhergekommen? Darüber gibt es keine Gewissheit irgendwelcher Art. Und schau nur, wie sie die nette Vorstellung von ‚Vater‘ in seinen Körper und die Idee ‚sein Sohn‘ in meinen Körper gepflanzt hat, der aus den fünf Elementen zusammengesetzt ist.

Für mich ist daher ganz offensichtlich, dass wenn der Brāhmin Maharishi Krishna Dvaipāyana hier jetzt unter dem Einfluss der Māyā Tränen vergießt, sie die Stärkste von allen ist; selbst diejenigen, die mit der großen Māyā wohl vertraut sind, fallen ihr zum Opfer.

Dann verneigte sich Shūka Deva im Geiste vor der Devī Mahā Māyā, der Erschafferin von Brahmā und der anderen Devas und der Herrscherin über sie alle. Danach begann er an seinen Vater Vyāsa Deva, der von großem Kummer überwältigt und in einem Meer von Sorgen versunken war, die folgenden heilsamen und von tiefer Einsicht getragenen Worte zu richten:

Oh Vater, du bist ja extrem glücklich zu schätzen, denn du bist der Sohn der hochentwickelten Persönlichkeit Maharishi Parāshara und bist selbst für alle Menschen der Lehrer des höchsten Wissens, des Tattwā Gyāna. Warum, oh Herr, gibst du dich dann wie ein gewöhnlicher verwirrter Mensch dem Kummer hin? Oh Mahābhāga, warum stürzt du dich selbst in solch einen Zustand großer Unwissenheit, wo du doch geistig hochentwickelt bist?

Schau, es stimmt ja, dass ich als dein Sohn geboren wurde. Andererseits weiß ich nicht, was in meinem vorherigen Leben die Beziehung zwischen dir und mir war. Oh Hochintelligenter, bitte öffne deine Augen der Weisheit und sei beruhigten Geistes! Wirf dich nicht ganz vergeblich in den Ozean des Kummers!

Dieses ganze Universum ist wie ein Netz der Täuschung – dies wissend, gib all deinen Kummer auf!

Warum fühlst du dich so schwach und leidend infolge deiner Bindung an deinen Sohn? Der Hunger wird befriedigt, wenn man etwas isst, der Durst wird befriedigt, indem man Wasser trinkt. Der Hunger wird nicht dadurch befriedigt, dass man seinen Sohn erblickt. Der Geruchssinn wird durch das Riechen von Wohlgerüchen befriedigt. Den Hörsinn befriedigt man dadurch, dass man schöne Musik hört. Die Begierde, sich an einer Frau zu erfreuen wird allein durch den Geschlechtsverkehr befriedigt. Aber welche Befriedigung kann ein Sohn geben?

Was also gebe ich dir dadurch, dass ich hier als dein Sohn verweile? In Wirklichkeit ist der Sohn nicht die Ursache für irgend eine Art von Befriedigung für einen selbst. Aus diesem Grund gab vor Zeiten der arme Brahmane Ajigarta für einen angemessenen Geldbetrag dem König Harischandra, der einen Menschen brauchte, um ihn in einer Opferzeremonie als Menschenopfer darzubringen, seinen Sohn.

Tatsächlich bringen einem diejenigen Dinge Freude, die man dringend benötigt – und all solche Dinge kann man mittels Reichtum erwerben. Wenn du also nach Freuden strebst, dann verdiene Geld. Welchen Nutzen kann ich dir als Sohn bringen?

Oh Muni, deine Wahrnehmung ist höchst verfeinert und deine Intelligenz ist überragend, daher bitte ich dich inständig: sieh mich auf rechte Weise als deinen Sohn an und öffne meine Augen der Weisheit, so dass ich für alle Zeiten von der Geburt in einem Mutterschoß befreit werde!

Oh Sündloser, eine Geburt als Mensch in diesem Land des Karma zu erlangen, ist sehr schwierig. Eine Geburt als Brahmane zu erlangen, ist extrem schwierig. Wenn ich schon diese so schwer zu erlangende Geburt erlangen konnte, warum sollte ich meine Zeit hier vergeuden?

Oh Vater, obwohl ich viele Jahre lang vielen spirituellen Lehrern, die Einsicht und Weisheit besitzen, gedient habe, so hat mich doch der Gedanke ‚Ich bin gleichsam in diesem Netz des Samsāra gefangen‘, nicht verlassen – diese Vorstellung, in einer Hülle von dunkler Unwissenheit gefangen zu sein, die von Begierden aufgebaut wird, dieses Netz des Samsāra ist nicht von mir gegangen.‘

Als sein Sohn Shūka Deva diese Worte voll ungewöhnlicher Kraft und Intelligenz zu ihm gesprochen hatte, sah Vyāsa Deva, dass sein Sohn fest entschlossen war, den vierten Weg (āshrama), den Weg der Entsagung (sannyāsa) zu beschreiten und sagte zu ihm:

Oh mein Sohn, da dies der Zustand deines Geistes ist, so lies das Devī Bhāgavata Purāna, das von mir verfasst wurde, das höchst-segensreiche, umfangreiche, das als zweiter Veda gilt.

In diesem findest du Kapitel über die Erschaffung des Universums (sarga) und über die sekundäre Schöpfung (upasarga) und insgesamt die fünf Charakteristika, welche alle Purānas ausmachen. Es ist in zwölf Bücher (skhanda) unterteilt.

Wenn man dieses Bhāgavatam vernimmt, entsteht im Geist die Erkenntnis, dass Brahman allein real ist und das gesamte Universum unreal und das höchste Wissen erwacht – sowohl in direkter Erfahrung als auch durch intellektuelle Schlussfolgerung. Aus diesem Grunde gilt die Abhandlung des Devī Bhāgavatam als Schmuckstück unter den Purānas. Daher solltest du, oh Hochintelligenter, am besten dieses Purāna studieren.

Oh Kind, Vor Zeiten, am Ende eines Kalpa, lag Bhagavān Hari in Gestalt eines kleinen Kindes auf dem dahintreibenden Blatt eines Banyan-Baumes und dachte:

Wer ist wohl das intelligente Wesen, das mich als kleines Kind erschaffen hat? Was ist seine Absicht? Aus welchem Stoff bin ich gemacht? Wie wurde ich erschaffen? Wie kann ich all dies herausfinden?’

Als sie sah, dass der erleuchtete Bhagavān Hari solchen Gedanken nachhing, sprach die Devī Bhagavatī, deren Natur allumfassendes Bewusstsein ist, in Gestalt einer himmlischen stimme sogleich die folgenden Worte in einem Halbvers:

Alles, was geschaut wird, bin ich Selbst, es gibt nichts anderes als diese ewige Wirklichkeit.‘

Bhagavān Vishnu begann daraufhin intensiv über die himmlische Stimme nachzudenken:

Wer sprach diese weisheitsvollen Worte zu mir? Wie kann ich den Sprecher erkennen – ob er weiblich, männlich oder beidgeschlechtlich ist?‘

Als er darüber lange Zeit nachgesonnen hatte und zu keiner eindeutigen Schlussfolgerung zu gelangen vermochte, begann er, immer wieder mit hingebungsvollem Herzen die Worte der Bhagavatī im Geiste zu wiederholen (japam).

Als Hari, auf dem Banyan-Blatt liegend, sehr ernsthaft danach strebte, zu erkennen, was die Bedeutung der gehörten Worte war, erschien vor ihm, umgeben von ihren Vibhūtis, den von ihr manifestierten Begleiterinnen, die all-segensreiche, in unvergleichlichem Glanz leuchtende, unendliche Stille ausstrahlende, schöngesichtige Devī Bhagavatī in Gestalt von Mahā-Lakshmī, die ganz und gar aus Sāttva-Guna besteht. Ihre lächelnden gleichaltrigen Begleiterinnen trugen göttliche Kleider, waren mit herrlichen Schmuckstücken versehen und jede von ihnen trug in ihren vier göttlichen Händen Muschelhorn, Diskus, Keulenwaffe und Lotusblüte.

Der lotusäugige Vishnu war höchst verwundert, als er die wunderschöne Göttin erblickte, die ganz ohne festen Untergrund inmitten der Gewässer des Welt-Ozeans erschienen war.

Rings um die Devī standen Rati, Bhūti, Buddhi, Mati, Kīrti, Smriti, Dhriti, Shraddhā, Medhā, Svadhā, Svāhā, Kshudhā, Nidrā, Dayā, Gati, Tushti, Pushti, Kshamā, Lajjā, Jrimbha Tandra und andere personifizierte Energien, jede in ihrer deutlich von den anderen unterscheidbaren Gestalt und einer fühlbar-einzigartigen Ausstrahlung.

In ihren Händen trugen sie göttliche Waffen. Ihr Hals war mit Halsketten und Girlanden von Mandarā-Blüten geschmückt und sämtliche Gliedmaßen ihrer Körper wurden von göttlichen Schmuckstücken geziert.

Als Bhagavān Janārdana, das Selbst aller Wesen, inmitten des Welt-Ozeans die Devī Lakshmī mit ihren Shaktīs erblickte, war er höchst erstaunt und dachte in seinem Geiste:

Was ist das? Ist das Māyā hier vor meinen Augen? Woher kommen diese Frauen? Und wie bin ich hier her gekommen, auf einem Banyan-Blatt liegend? Wie konnte in den gewaltigen Wassermassen des Ozeans ein Banyan-Baum entstehen? Und wer ist es, der mich hierher gebracht hat in Gestalt eines kleinen Kindes? Ist dies meine Mutter? Oder ist dies irgendeine Māyā, die mir Unmögliches vorspiegelt?

Warum hat sie sich selbst jetzt vor mir manifestiert? Oder gibt es irgendwelche geheimen Gründe, warum sie hier so erschienen ist? Was soll ich jetzt tun? Soll ich besser woanders hin gehen? Oder soll ich besser in Gestalt eines kleinen Kindes still und wachsam hier bleiben?

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das fünfzehnte Kapitel: ‘Shūkas Leidenschaftslosigkeit und die Unterweisung von Hari durch die Bhagavatī.’



Kapitel 16: Shūkas Wunsch, nach Mithilā zu gehen, um dort Janaka zu treffen

Vyāsa sprach:

Als die Devī Mahā Lakshmī den verwunderten Deva Janārdana auf einem Banyan-Blatt liegen sah, sprach sie lächelnd zu ihm:

Oh Vishnu, warum bist du so sehr erstaunt? Schon seit undenklichen Zeiten haben zahlreiche Auflösungen (pralaya) und zahlreiche Erschaffungen (shrishti) des Universums stattgefunden. Und zu Beginn jeder Schöpfung bist als erstes du entstanden und jedesmal war ich vereint mit dir, aber jetzt hast du mich infolge des Zaubers der Mahā Shakti vergessen.

Die höchste Mahā Shakti ist transzendental, jenseits aller Eigenschaften (guna), aber du und ich sind innerhalb des Bereichs der Gunas. Wisse, dass ich die Shakti bin, die ganz aus Sāttva-Guna besteht und ich überall als Mahā Lakshmī bekannt bin. Später wird dann aus dem Lotus, der deinem Nabel entspringt, der ganz aus Rājo-Guna bestehende Prajāpati Brahmā, der Schöpfer aller Welten, entstehen und wird dann die drei Welten erschaffen. Er wird sich dann schwerer Askese (tapasyā) widmen und dadurch die wunderbare Macht erlangen, zu erschaffen und so vermittels seines Rājo-Guna die drei Welten hervorbringen.

Dieser hochintelligente Prajāpati wird zuerst die fünf großen Elemente (mahābhūta) mitsamt ihren Gunas erschaffen, dann den Geist mit den Sinnen und den ihnen jeweils vorstehenden Gottheiten und wird dann, nachdem alle für die Schöpfung benötigten Bestandteile zur Verfügung stehen, all die Welten erschaffen. Daher wird er von allen als der Schöpfer des Brahmānda bezeichnet.

Oh reich Gesegneter, du wirst der Erhalter dieses Universums sein. Wenn der Prajāpati Brahmā zu Beginn der Schöpfung zornig auf seine vier geist-geborenen Söhne wird, dann wird Rudra Deva mitten zwischen Brahmās Augenbrauen hervortreten. Direkt nach seiner Geburt wird dieser Rudra Deva eine sehr schwere Askese durchführen und dadurch die all-zerstörende Energie (samhāra shakti) erhalten, die gänzlich aus Tāmo-Guna besteht und am Ende des Kalpa dieses aus den fünf Elementen bestehende Universum vernichten wird.

Oh Hochintelligenter, ich bin zu dir gekommen, um all diese genannten Aktivitäten der Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung zu fördern. Nimm mich darum als deine aus Sāttva Guna bestehende Vaishnavī Shakti an. O Madhusūdana, ich werde an deiner Brust ruhen und allezeit bei dir sein.‘

Als er diese Worte vernommen hatte, sprach Bhagavān Vishnu:

Oh schöne Göttin, der Halbvers, den ich hier vor kurzem ganz deutlich gehört habe – von wem wurde dieser gesprochen? Bitte enthülle mir zuallererst dieses große wunderbare Geheimnis, denn darüber ist mein Geist voller Zweifel. Was soll ich noch mehr dazu sagen als dies: so, wie ein armer Mensch andauernd an Reichtum denkt, so denke ich immer aufs neue an diese Worte.‘

Auf diese Bitte von Vishnu antwortete die Devī Mahā Lakshmī lächelnd und voll herzlicher Zuneigung:

Oh Starker und Energievoller! Ich werde dir deine Frage in allen Einzelheiten beantworten, höre gut zu.

Oh Vierarmiger, du konntest mich erkennen, weil ich in dieser Gestalt und mit Gunas (spezifischen manifesten Eigenschaften) versehen vor dir erschienen bin, aber du konntest nicht jene uranfängliche kosmische Bewusstseins-Energie (ādhya shakti) erkennen, die sämtliche Gunas transzendiert, obwohl sie die Grundlage aller Gunas ist. Oh überaus Gesegneter, jene Devī Bhagavatī, die jenseits aller Gunas ist, hat diesen wundervoll-segensreichen, höchst segensreichen Halbvers gesprochen, der die Essenz aller Veden in sich fasst.

Oh Vernichter der Feinde, ich denke, dass die Höchste Shakti dir die allerhöchste Gnade damit erwiesen hat, dass sie dir zu deinem Wohle dieses größte Geheimnis mitteilte. Oh Erfüller guter Gelübde, wisse, dass diese von der Mahāvidyā gesprochenen Worte die innere Essenz aller vedischen Schriften beinhalten. Bewahre sie daher getreulich in deinem Herzen und vergiss sie niemals!

Es gibt allen Ernstes nichts außer diesem, das es wert wäre, gewusst zu werden. Die Devī hat diese Worte zu dir gesprochen, weil sie dich am allermeisten von allen liebt!‘

Als er diese Worte der Devī Mahā Lakshmī gehört hatte, nahm der vierarmige Bhagavān jenen Halbvers als Mantra, um es im Geiste getreulich zu wiederholen und bewahrte es allezeit mit höchster Wertschätzung in seinem Herzen.

Später wurde dann Brahma aus der Lotusblüte geboren, die dem Nabel von Vishnu entsprossen war; als er sich vor den beiden Daityās Madhu und Kaitabha fürchtete, nahm er Zuflucht zu Bhagavān Vishnu; Vishnu tötete die beiden Dämonen (asura) und begann dann mit der geistigen Wiederholung (japam) des Halbverses.

Dann fragte der lotusgebohrene Brahmā, im Herzen voller Freude, Vishnu:

Oh Herr der Devas, was für ein Japam führst du da gerade aus? Oh Lutusäugiger, gibt es denn jemanden, der noch mächtiger ist als du? Oh Herr des Universums, auf wen ist dein Denken gerichtet, dass du so voller Freude bist?‘

Bhagavān Hari antwortete auf Brahmās Frage:

Oh reich Gesegneter, richte selbst dein Denken auf die uranfängliche Energie, die segensreiche Bhāgavatī Ᾱdhya Shakti, die als Ursache aller Ursachen überall das ganze Universum regiert und du wirst fähig sein, alles zu verstehen. Die Gottheit, auf die mein Japam gerichtet ist die unendliche, ewige Mahā Shakti Brahmamāyī; in ihre Energie, die in sichtbarer Gestalt hier in diesem Ozean erschienen ist, ist das ganze Universum gleichsam wie in ein Gefäß eingebettet. Ich habe meinen Geist auf Das gerichtet, aus dem dieses ganze bewegliche und unbewegliche Universum erschaffen wird.

Wenn die Devī Bhāgavatī, die Schenkerin der Wunschgaben, erfreut und gnädig gestimmt wird, dann werden die Menschenwesen von der Bindung an das Samsāra befreit – und dieselbe Eigenform ewiger Weisheit, die Befreiung (mukti) bewirkt, wird zur Ursache der Bindung an die Welt für diejenigen, die ihrer Täuschungskraft anheimfallen.

Sie ist die Herrin (īshvarī) der Herren (īshvara) des Universums. Oh Brahmā, du, ich und alles andere im Universum werden aus dieser Bewusstseins-Energie (chit shakti) geboren, aus ihr und allein aus Ihr, daran kann es nicht den geringsten Zweifel geben.

Der Halbvers, mit dem sie in mich den Samen des Devī Bhāgavatam eingepflanzt hat, wird sich zu Beginn des Dvāpara-Yuga entfalten. Während Bhagavān Brahmā in dem Lotus ruhte, der dem Nabel Vishnus entsprossen war, empfing er den Samen des Bhāgavatam. Er gab diesen dann seinem eigenen Sohn Nārada, dem besten der Munis. Nārada gab ihn mir und ich habe ihn weiter entfaltet und in zwölf Bücher gefasst.

Daher, oh Mahābhāga, studiere jetzt dieses Bhāgavata Purāna, dass mit den Veden gleichrangig ist und die fünf Charakteristiken (eines Purāna) besitzt. In ihm werden die wunderbaren, glorreichen Taten und das Leben der Devī Bhāgavatī, die verborgene Bedeutung der Veden, die höchste Weisheit und die höchste Erkenntnis allesamt beschrieben. Daher ist das Beste aller Purānas und genauso heilig und segensreich wie das Dharma Shāstra. Es ist die Grundlage der Erkenntnis von Brahman (brahmā vidyā) und daher werden Menschen, die es studieren, mühelos den Ozean der Welt überqueren.

Diejenigen, die sehr unwissend und in Täuschung befangen sind, werden sich daran vergnügen, den Bericht vom Tod von Vritrāsura und viele andere Erzählungen zu hören, die in dieses Buch an verschiedenen Stellen eingearbeitet sind.

Oh Mahābhāga, höre daher dieses heiligende Bhāgavata Purāna und bewahre es getreu in deinem Herzen. Oh Bester der Menschen, du bist der Intelligenteste von allen, daher bist du würdig, dieses Purāna zu lesen.

Dieses Purāna umfasst achtzehntausend Verse und am besten lernst du sie auswendig, denn wenn jemand dieses rundum preisenswerte, überaus segensreiche Purāna liest oder vorträgt, das fähig ist, die Zahl der Nachkommen in Gestalt von Söhnen und Enkeln zu vergrößeren, langes Leben, Freude und inneren Frieden zu schenken, dann schaut er die Sonne der Erkenntnis, die in seinem Herzen wohnt und die Dunkelheit der Unwissenheit vertreibt.‘

Nachdem Krishna Dvaipāyana, mein Meister, diese Worte zu seinem Sohn Shūka Deva gesprochen hatte, lehrte er auch uns dieses Purāna in seinem ganzen Umfang. Ich habe es auswendig gelernt. Auch Shūka studierte das Purāna und blieb in Vyāsas Ashram, aber da er auf natürliche Weise leidenschaftslos war wie Sanat Kumāra und andere geistgeborene Söhne Brahmās, fand er keinen Frieden beim Studium derjenigen Abschnitte des Purāna, die sich mit der Kunst des Handelns (karma kānda) befassen und die für Familienväter bestimmt sind.

Er zog sich mit kummervollem und unruhigem Herzen an einen einsamen Ort zurück. Es schien, als wenn sein Herz öde und leer wäre. Er kümmerte sich nicht viel darum, Nahrung zu sich zu nehmen, fastete aber auch nicht.

Als Vyāsa Deva seinen Sohn in diesem grüblerischen Zustand sah, sprach er zu ihm:

Oh Sohn, worüber denkst du andauernd nach und was plagt dich so sehr? Wie ein in Armut geratener Mann, der sich in Schulden verstrickt hat, wirst du ständig von deinen unruhigen Gedanken umhergetrieben. Oh mein Kind, was bekümmerst du dich, wo doch ich, dein Vater, am Leben bin? Gib deinen inneren Kummer auf und sei glücklich! Schüttele alle anderen Gedanken von dir ab, richte dein Denken auf die Weisheit der vedischen Schriften und tue dein bestes, um unterscheidende Erkenntnis (vigyāna), die Essenz der höchsten Weisheit, zu erlangen.

Oh Suvrata, wenn meine Worte dir keinen Frieden geben können, dann befolge meinen Rat und gehe nach Mithilā, der Stadt des Königs Janaka. Oh Mahābhāga, jener König Janaka ist ein Jivan Mukti, einer, der schon während des Lebens im Körper befreit ist. Er ist rechtschaffen und ein Ozean an Weisheit und wird gewiss das Netz deiner Täuschung zerschneiden. Oh Sohn, begib dich zu diesem König und befrage ihn über die Lebensphasen und die naturgemäße Einteilung der Aktivitäten (varnāshrama dharma) und beseitige deine Zweifel. Der königliche Weise Janaka, der größte Yogi, der Brahman-Kenner und Jivan Mukti ist eine reine Seele, spricht stets die Wahrheit, ist beruhigten Herzens und allezeit dem Yoga zugetan.

Auf diese Worte von Vāsa Deva, antwortete der geistig hochentwickelte und unvergleichlich energievolle Shūka Deva:

Oh Tugendhafter, deine Worte können ja niemals unwahr sein, aber wenn ich höre, dass der König Janaka frohen Herzens sein Königreich regiert und zugleich ein zu Lebzeiten Befreiter sein soll, dann scheinen mir diese beiden Aussagen von dir sich so zu wiedersprechen wie Licht und Dunkelheit am selben Ort und zur selben Zeit; diese beiden Aussagen scheinen mir ausschließlich aus eitlem Wahn zu bestehen.

Oh Vater, dies ist mein größter Zweifel: wie kann der königliche Weise sein Reich regieren, wenn er gleichsam körperlos ist. Deine Beschreibung von Janaka scheint mir etwas so Unmögliches auszudrücken wie die Formulierung ‚Sohn einer unfruchtbaren Mutter‘.

Oh Vater, in mir wurde jetzt der Wunsch geweckt, den körperlosen König Janaka aufzusuchen, denn mein Geist ist voller Zweifel darüber, wie er es fertigbringen soll, inmitten des Samsāra ungebunden zu bleiben, so wie ein Lotusblatt vom Wasser unberührt bleibt.

Oh Größter der Redekundigen, ist der Begriff ‘Befreiung’ im Falle von Janaka entsprechend der buddhistischen Lehre zu verstehen oder etwa im Sinne der Meinung, welche die materialistischen Chārvākas davon haben?

Oh Hochintelligenter, wie soll denn der königliche Weise Janaka, obwohl er ein Familienvater ist, aufhören, seine Sinne zu gebrauchen? Das kann ich nicht verstehen. Wie sollen die Dinge, die er genießt, ihm gleichsam ungenossen erscheinen und wie sollen seine Handlungen Nicht-Handlungen sein?

Wie sollen die Vorstellungen von Mutter, Frau, Sohn, Schwester, von Freudenmädchen und anderen Personen in anderen Beziehungen in ihm entstehen und alsdann allesamt wieder verschwunden sein? Und, falls das nicht so ist, wie soll seine ‚Befreiung zu Lebzeiten‘ (jivan mukti) dann möglich sein?

Wenn sein Geschmackssinn ihm scharfe, saure, zusammenziehende, bittere und süße Dinge erfahren lässt, dann ist doch klar, dass er all diese ausgezeichneten Dinge genießt.

Oh Vater, ich bin höchst verwundert und voller Zweifel darüber, wie er über die Sinne Hitze und Kälte, Freude und Schmerz erfahren und zugleich ein Jivanmukta sein soll.

Dieser König ist ein hervorragender Experte darin, sein Reich zu regieren; wenn nun die Vorstellungen von Freund und Feind, Zuneigung und Abneigung in ihm nicht vorhanden sind, wie soll er dann sein Staatswesen regieren? Wie kann er einen Dieb und einen Asketen mit gleichem Blick betrachten?

Wenn er aber Unterschiede macht, was wird dann aus seinem Zustand von Freiheit? Noch nie habe ich einen solchen Menschen gesehen, der zu Lebzeiten befreit ist und gleichzeitig als höchst fachkundiger König seine Untertanen regiert.

Aus diesen Gründen ist ein großer Zweifel in mir entstanden. Ich kann nicht verstehen, wie der König Janaka befreit sein kann, wenn er zugleich in seinem Haus verweilt.

Aber wie auch immer es sein mag, ich wünsche mir jetzt sehr, ihn in seinem Jivanmukta-Zustand zu sehen. Deshalb will ich nach Mithilā gehen, um meine Zweifel zu beseitigen.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das sechzehnte Kapitel: ‘Shūkas Wunsch, nach Mithilā zu gehen, um dort Janaka zu treffen.’



Kapitel 17: Shūka stellt inmitten der Frauen des Palastes von Mithilā seine Selbstbeherrschung unter Beweis

Sūta sprach:

Nachdem der hochherzige Shūka Deva seinem Vater von seinem Entschluss berichtet hatte, nach Mithilā zu gehen, fiel er ihm zu Füßen und sprach mit zusammen gelegten Händen:

Oh vom Glück Gesegneter, deinem Wort muss ich Folge leisten. Daher wünsche ich nun, deiner Anweisung entsprechend, das Königreich von Janaka aufzusuchen. Sei so freundlich und erlaube mir dies.

Oh Vater, erneut entsteht in mir der Zweifel: wie kann der König Janaka über sein Reich herrschen, ohne jemanden zu Strafen zu verurteilen? Wenn es in seinem Königreich keine Bestrafung gibt, wird ja niemand mehr dem Pfad der Tugend folgen. Um das Dharma zu bewahren haben Manu und andere Weise Bestrafungen festgelegt. Wie soll das Dharma ohne Bestrafungen Bestand haben? Oh Mahābhaga, was du mir erzählt hast kommt mir so wahr vor wie der Satz ‘Meine Mutter ist unfruchtbar’. Daher, oh Vernichter der Feinde, gib mir die Erlaubnis dazu und ich werde mich nach Mithilā aufmachen.‘

Als Veda Vyāsa bemerkte, dass sein hochweiser und von Begierden freier Sohn Shūka den ernsthaften Wunsch hatte, nach Mithilā zu gehen, umarmte er ihn herzlich und sprach:

Oh hochintelligenter Sohn Shūka, Friede sei mit dir! Lebe lange, oh Kind. Gehe nach Mithilā, aber, oh mein Sohn, versprich mir, dass du danach wieder hier in dieses Ashram zurückkehren wirst und nicht irgendwo anders hin gehst. Oh mein Sohn, wenn ich dein Lotus-Antlitz sehe, verbringe ich voller Freude meine Tage. Wenn ich dich nicht sehe, werde ich extremen Schmerz erleiden. Mehr noch, du bist mein Leben und meine Seele. Daher sage ich dir: nachdem du Janaka getroffen und deine Zweifel beseitigt hast, komme wieder hierher zurück, lebe hier in Frieden und widme dich dem Studium der Veden.‘

Nach diesen Worten von Vyāsa verneigte sich Shūka vor seinen höchst verehrungswürdigen Vater, umrundete ihn respektvoll und brach dann auf. Er lief so schnell wie ein Pfeil, der gerade den Bogen verlassen hat und auf sein Ziel zustrebt.

Auf seiner Reise durchquerte er zahlreiche Länder und sah viele Menschen, die auf vielfältige Weise ihren Lebensunterhalt verdienten. Er sah Gärten und Wälder unterschiedlicher Art und eine Vielzahl verschiedenartiger Bäume. Mancherorts erblickte er grüne Getreidefelder, an anderen Orten sah er Asketen, die ihr Tapas praktizierten und Opferhandlungen (Yagyā) durchführten. Er sah Yogis, die Yoga ausübten und erleuchtete Vānaprashthīs, die im Walde lebten. Anderorts sah er Verehrer von Shiva, Shakti, Ganesha, Sūrya, Vishnu und zahlreicher anderer Gottheiten. Von Staunen erfüllt näherte er sich so immer mehr dem Ziel seiner Reise. Er überquerte den Berg Meru in zwei Jahren und das Himālayā-Gebirge in einem Jahr und erreichte schließlich die Stadt Mithilā.

Die Stadt erstrahlte in allgemeinem Wohlstand; Korn, Früchte und alle Arten von wertvollen Gütern waren überall zu finden, die Menschen dort waren alle glücklich und lebten in Einklang mit den Anweisungen der vedischen Schriften.

Als er gerade die Stadt betreten wollte, hielt ihn vor dem Stadttor ein Wächter an und fragte: ‚Wer bist du, Herr? Weshalb bist du hierher gekommen?‘

Als der Wächter ihn so befragte, antwortete er nicht, sondern ging ein Stück weg; sehr verwundert konnte er in seinem Geist ein Lachen nicht unterdrücken und blieb regungslos wie eine Statue stehen. Als der Wächter ihn in diesem Zustand sah, fragte ihn der Wächter:

Oh Brahmane, warum sagst du denn nichts? Sei so freundlich und teile mir mit, was dich hierher führt. Ich weiß ja, dass niemand irgendwo hin geht, ohne dass er dort etwas zu erledigen hat. Der König hat verboten, dass Fremde, deren Herkunft und Charakter unbekannt sind, einfach so die Stadt betreten. Daher, oh Brahmane, muss jeder erst die Erlaubnis des Königs bekommen, ehe er in die Stadt eingelassen wird. Es scheint, dass du ein sehr energievoller und vedakundiger Brahmane bist. Daher, oh Verleiher von Ehren, tue mir deine Absichten kund und betritt dann die Stadt, wie es dir gefällt!‘

Auf diese Worte des Wächters antwortete Shūka Deva:

Ich bin gekommen, um die Stadt von Videha Janaka zu sehen, aber jetzt wird mir klar, dass es für jemanden wie mich sehr schwierig ist in die Stadt zu gelangen. Oh Torwächter, du hast mir ja eine entsprechende Antwort gegeben.

Ich war ein großer Narr, dass ich ich im Wahn, den König treffen zu können, so viele Länder durchreist und zwei Gebirgszüge überquert habe, um hierher zu gelangen. Oh Mahābhāga, wie soll ich jemand anderem deswegen Vorwürfe machen? Es ist ja mein Vater, der mich getäuscht hat, oder von mir begangene Taten (karma) in meinem vorigen Leben haben bewirkt, dass ich so vergeblich umhergewandert bin. Ach, in dieser Welt ist es die Gier nach Geld, die einen Menschen ruhelos umhertreibt, aber selbst das besitze ich ja nicht – meine eigenen falschen Vorstellungen haben mich in die Ferne geführt.

Ich erkenne jetzt, dass auch ein Mensch, der frei von Wünschen ist, nur dann dauerhafte Freude erfährt, wenn er sich nicht in einem Netz von Täuschung verstrickt, andernfalls kann er kein dauerhaftes Glück erlangen. Oh Mahābhāga, ich hege zwar keinen Wunsch nach irgend etwas, aber ich bin dennoch in einem Meer des Wahns (moha) versunken. Ach, wo ist der Meru, und wo ist Mithilā? Ach, ich habe so große Entfernungen zu Fuß zurückgelegt und ach, das ist nun das Ergebnis meiner langen Reise!

Daher bin ich nun ganz und gar davon überzeugt, dass der Schöpfer selbst mich getäuscht hat. Man muss sein Prārabdha-Karma ertragen, ob es nun Freude oder Kummer mit sich bringt.

Man soll sich bemühen, steht aber stets unter der Herrschaft des Gesetzes des Karma. Auch wenn man keinen Wunsch als offensichtliche Ursache auszumachen vermag, wird dennoch das Prārabdha-Karma einen Menschen stets in verschiedenartige Aktivitäten verstricken.

Dies hier ist ja kein heiliger Wallfahrtsort (tīrtha) noch sind die Veden in verkörperter Gestalt hier anwesend, dass ich deswegen so viele Mühen und Schmerzen auf mich genommen hätte, um hierher zu gelangen; es gibt hier nur eine einzige Sache, und das ist der König Janaka, aber selbst die Gelegenheit, den zu treffen, erhalte ich hier nicht, denn ich kann ja nicht einmal seine Stadt betreten.‘

Nach diesen Worten verstummte Shūka und blieb dort stehen wie jemand, der ein Schweigegelübde abgelegt hat. Der Wächter kam zu dem Schluss, dass er einen sehr weisen Brahmanen vor sich hatte und sprach zu ihm in freundlichen Worten:

Oh, Brahmane, gehe ganz nach deinem Belieben dahin, wo du etwas zu erledigen hast. Oh Brahmane, ich habe dich leider aufgehalten, bitte vergib mir, falls ich dich dadurch gekränkt haben sollte. Für erlöste Menschen wie dich ist ja die Fähigkeit der Vergebung ihre größte Stärke.‘

Shūka Deva entgegnete:

Was sollst du denn Falsches getan haben? du bist abhängig von einem anderen. Der Untergebene muss ja den Anweisungen seines Vorgesetzten folgen und ihm dienen. Auch der König hat nichts Falsches getan, indem mir der Einlass verwehrt wurde, denn ein weiser Herrscher muss auf jeden Fall überprüfen, ob es sich bei Neuankömmlingen etwa um Feinde oder Diebe handelt. Wenn ich auf einmal als Fremder hier erscheine, dann ist das ganz und gar mein Fehler. Jeder weiß ja, dass man sich selbst erniedrigt, wenn man sich zum Hause eines anderen begibt.‘

Der Wächter sagte daraufhin:

Oh großer Brahmane, was ist Freude? Und was ist Schmerz? Was sollte man tun, wenn man will, dass es einem gut geht? Wer ist ein Feind? Und wer ist ein Wohltäter? Bitte unterweise mich in bezug auf diese Fragen!‘

Shūka Deva antwortete hierauf:

Man kann die Menschen, was ihre innere Natur anbetrifft, in zwei Kategorien einteilen, nämlich in ‚gebunden‘ oder ‚ungebunden‘. Und der geistige Zustand dieser beiden Kategorien ist wiederum von zweierlei Art: Der ‚gebundene‘ Mensch ist dumm oder gerissen und der ‚ungebundene‘ kann in drei Unterkategorien eingeteilt werden: wissend, unwissend und mittel. Der gerissene Mensch wird wiederum in zwei Unterkategorien eingeteilt, je nachdem, ob seine Gerissenheit im Einklang mit den Anweisungen der vedischen Schriften steht oder seinem eigenen Intellekt entspringt. Der Intellekt ist wiederum zweifach unterteilt, je nachdem, ob er entschlossen auf Eines gerichtet ist (yukta) oder vielfach verzweigt (ayukta).‘

Der Wächter sprach:

Oh Gelehrter, ich kann nicht verstehen, was du da gesagt hast. Bitte erkläre mir, was du damit gemeint hast!‘

Shūka Deva sagte:

Diejenigen, die an diese Welt gebunden sind werden ‚gebundene‘ Menschen genannt. Diese gebundenen Menschen erfahren immer wieder unterschiedliche Arten von Freuden und Schmerzen. Wenn sie Frauen, Söhne, Wohlstand, Ehren, gesellschaftlichen Aufstieg usw. erlangen, empfinden sie Freude und wenn sie nichts von diesen Dingen erlangen, empfinden sie in jedem Augenblick intensiven Schmerz.

Ein gebundener Mensch wird stets zu Handlungsweisen greifen, die ihm die Freuden dieser Welt sichern; daher werden diejenigen, die solche Handlungsweisen hindern, als Störer ihrer Freude bezeichnet und als Feinde angesehen und wer immer ihnen beisteht, die Freuden dieser Welt zu erlangen, wird als Freund betrachtet.

Diejenigen unter den gebundenen Menschen, die zugleich gerissen oder schlau sind, werden (in Bezug darauf, wer ein Feind und wer ein Freund ist) nicht in Verwirrung geraten, während der gebundene und zugleich dumme Mensch jederzeit und überall verwirrt ist.

Der Mensch, der frei von Leidenschaften ist und danach strebt, das Selbst (ātman) zu erkennen, wohnt an einem einsamen Ort, meditiert über das Selbst, erfreut sich am Studium der Vedānta Shāstras und empfindet Schmerz in Zusammenhang mit allen Themen, die mit weltlichen Dingen zu tun haben. Der Weise, der nach seinem wahrhaften Wohlergehen strebt und weltliche Freuden ablehnt, stellt fest, dass er viele Feinde hat: Lust, Zorn, Paläste und dergleichen sind seine zahlreichen Feinde. Innere Zufriedenheit ist sein einziger Freund in den drei Welten und die findet er allein in seinem wahren Selbst.‘

Als der Wächter diese Worte von Shūka Deva vernommen hatte, sah er ihn als sehr weisen Mann an und führte ihn alsbald in eine sehr schöne Behausung. Shuka Deva erkannte schnell, dass in der Stadt drei Arten von Menschen lebten: gute, mittlere und schlechte. Die Läden waren voll von verschiedenartigsten Gegenständen, die zum Kauf angeboten wurden; unablässig wurden Dinge gekauft und verkauft.

In der von zahlreichen Menschen bewohnten Stadt gab es viel Geld und alle Arten von Reichtümern und Luxusgütern. Fast überall fanden Ereignisse statt, bei denen Anhaftung, Hass, Lust, Zorn, Gier, Eitelkeit und Täuschung im Spiel war. Hier und dort sah man Menschen, die miteinander über etwas stritten.

Nachdem er dort die drei Arten von Menschen beobachten konnte, begab sich der äußerst energievolle, wie eine zweite Sonne erstrahlende Shūka zum königlichen Palast, wurde dort aber von einem Torwächter angehalten.

Daraufhin stand Shūka dort wie ein lebloser Holzklotz und beginn über die Befreiung (moksha) zu meditieren. Der große Asket Shūka begann Licht und Dunkelheit als dasselbe zu betrachten, versank in tiefe Meditation (dhyāna) und verweilte so bewegungslos an dieser Stelle.

Kurz darauf kam ein königlicher Minister aus dem Palast, begrüßte ihn mit zusammengelegten Händen und brachte ihn in eine Behausung innerhalb des Palastes. Hier zeigte ihm der Minister schön angelegte, göttlich anzusehende Gärten, die mit Alleen lieblicher fruchtragender Bäume geziert waren, empfing ihn respektvoll und brachte ihn dann zu einem besonders schönen Teil des Palastes.

Der Minister wies dann eine Reihe von in königlichen Diensten stehende Frauen, die in Musik, in der Kunst, verschiedene Musikinstrumente zu spielen und auch in der Liebeskunst (kāma shāstra) hervorragend geschult waren, an, sich um das Wohlergehen von Shūka Deva zu kümmern und verließ den Palast, während Shūka, der Sohn von Vyāsa, dort verweilte.

Die Freudenmädchen bereiteten verschiedenartige Ort und Zeit angemessene Speisen und Getränke zu, kümmerten sich um sein Wohlergehen und ehrten ihn hingebungsvoll.

Die Damen, die in diesen Räumen des Palastes weilten, verliebten sich angesichts der Schönheit von Shūka Deva in ihn und zeigten ihm die Gärten, die sich im Innenhof befanden. Shūka war jung und schön und zudem außerordentlich lieblich anzusehen. Seine Gliedmaßen waren wohlproportioniert, seine Sprechweise sanft und freundlich. Er glich wahrlich einem zweiten Liebesgott, so dass sämtliche Damen dort, von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen, in Ohnmacht fielen.

Als sie sich etwas erholt hatten, sahen sie Shūka Deva als den großen Herrscher über die Leidenschaften an und dienten ihm mit größter Aufmerksamkeit.

Der aus den Aranis geborene Shūka jedoch, von reinem Geiste, blickte auf sie alle wie auf seine Mutter. Shūka, der allezeit höchste Freude in seinem Selbst fand und Wünsche und Zorn unter Kontrolle hatte, war weder erfreut noch verärgert über irgend etwas, das ihm begegnete. Obwohl er bemerkte, dass jene Damen von verliebten Gefühlen verwirrt waren, blieb er selbst unaufgeregt und still.

Die Damen bereiteten ein schönes Bett für Shūka Deva vor, in dem er schlafen sollte. Es war mit hübschen, sauberen Tüchern bedeckt und mit vielen schönen Kissen geschmückt. Er wusch sorgsam seine Füße, steckte sich einen ring aus Kusha-Gras an den Finger und versank, nachdem er sein abendliches Sandhyā vollendet hat, für drei Stunden in der Dhyāna. Nachdem er sich drei Stunden lang in der Meditation ganz auf Brahman ausgerichtet hatte, schlief er sechs Stunden lang, stand dann auf und versenkte sich wiederum für die letzten drei Stunden der Nacht in die absolute Wirklichkeit (brahmā dhyāna).

Eine Stunde vor Sonnenaufgang (brahmā mūhurta) nahm er sein Bad und vollendete dann seine morgendlichen Pflichtem, indem er in bequemer Sitzhaltung in reinem Bewusstsein (samādhi) versank.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das siebzehnte Kapitel: ‘Shūka stellt inmitten der Frauen des Palastes von Mithilā seine Selbstbeherrschung unter Beweis.’



Kapitel 18: Janaka unterweist Shūka über das höchste Wissen

Sūta sprach:

Ihr Maharishis, als König Janaka von der Ankunft von Shūka Deva, des Sohnes seines Guru, erfuhr, rief er seinen Hofpriester zu sich und kam in einer klaren geistigen Haltung in Begleitung seiner Minister zu ihm. Dann ehrte er Shūka auf angemessene Weise, bot ihm Pādya, Arghya und einen ausgezeichneten Sitz an, schenkte ihm eine Milchkuh und erkundigte sich nach seinem Befinden.

Shūka Deva akzeptierte, wie es sich gehört, alle die vom König offerierten Gaben, erzählte ihm, wie es ihm geht, erkundigte sich umgekehrt nach dem Wohlergehen des Königs und nahm auf dem angebotenen Sitz Platz.

Der König Janaka fragte dann den friedevollen Sohn von Vyāsa:

Oh Mahābhāga Muni Sattama, du bist frei von Anhaftung und hegst keine Wünsche in dir. Darf ich fragen, warum ein aller Ehren werter Mensch wie du zu mir gekommen ist?‘

Shūka Deva sprach:

Oh großer König, mein Vater sagte folgendes zu mir: ‚Oh Kind, heirate eine Frau, denn das Leben als Familienvater ist das beste aller Ᾱshramas‘. Ich aber dachte, dass dies für mich zu einer Quelle der Bindung an diese Welt sein würde und gehorchte seiner Aufforderung nicht, obwohl er mein höchster Meister ist. Daraufhin sagte er zu mir: ‚Wenn man die Lebensweise eines Familienvaters annimmt, dann folgt daraus nicht, dass man alsbald in Knechtschaft gerät‘— aber ich stimmte seinen Worten nicht zu.

Als der Muni sah, dass ich immer noch voller Zweifel war, gab er mir diesen Rat: ‚Oh mein Sohn, betrübe dich nicht. Gehe nach Mithilā, um deine Zweifel zu beseitigen. Dort regiert mein Schüler, der König Janaka, sein Königreich frei von Sorgen. Er ist ein Jīvanmukta und bekanntermaßen frei von Vorstellungen wie ‚Dies ist mein Körper‘. Wenn der königliche Weise Janaka, obgleich er sein Reich regiert, nicht von den Banden der Māyā gefesselt ist, warum, oh Sohn, fürchtest du dich dann vor dem Samsāra, wo du doch ein Leben im Walde führst.

Daher, oh Mahābhāga, vertraue mir und heirate. Und falls du noch immer voller Zweifel bist, dann geh und suche den König Janaka auf, befrage ihn und beseitige deine Zweifel. Er wird gewiss deine Zweifel auflösen. Aber, oh mein Sohn, nachdem du von ihm unterwiesen wurdest, kehre rasch zu mir zurück!‘

Oh König, nachdem mein Vater dies gesagt hatte, habe ich mich mit seiner Erlaubnis hier in deine Hauptstadt begeben. Oh König, ich begehre nichts außer Befreiung (moksha). Daher, oh Sündloser, sei so freundlich und belehre mich, was ich tun soll, um Moksha zu erlangen.

Oh Herrscher über Könige, was auch immer zu Moksha führt, ob der Besuch von heiligen Wallfahrtsorten, Einhalten von Gelübden (vrata), Durchführung von Opfern (Yagyā), Studium der der Veden oder Erlangung von Weisheit, dass teile mir bitte mit.‘

Als er diese Worte vernommen hatte, sprach Janaka:

Oh Sohn meines Guru, ich werde dir mitteilen, was Brahmanen, die dem Weg von Moksha folgen, tun sollten. Bitte höre aufmerksam zu. Nachdem er die heilige Schnur angenommen hat, sollte ein Brāhmin im Hause seines Meisters leben und die Veden und den Vedānta studieren und seinem Guru dann den Vorschriften entsprechend seinen Lohn für die Unterweisungen (dakshinā) bezahlen.

Danach sollte er nach Hause zurückkehren, heiraten und in die Phase des Lebens als Familienvater eintreten. Er sollte ein genügsames Leben führen, frei von Begierden, sündlos und wahrhaftig sein und dabei reinen Herzens, den Prinzipien der Rechtschaffenheit und seinem Gewissen folgend, seinen Lebensunterhalt verdienen.

Er soll das Agnihotra und andere Yagyās durchführen. Nachdem er Söhne und Enkelkinder hat, sollte er dann seine Frau der Obhut seines Sohnes anvertrauen und in die Lebensphase eines Vānaprashtha eintreten. In dieser Zeit sollte der Dharma-kundige Brahmane sich der Askese (tapasyā) widmen und die Herrschaft über die sechs Leidenschaften erlangen. Wenn er dann den Geschmack an der Welt verloren hat und Leidenschaftslosigkeit (vairāgyam) in ihm erwacht, tritt er in die vierte Lebensphase (āshrama) ein.

Ein Mensch soll zuerst das Leben eines Familienvaters führen und später, wenn er zu Leidenschaftslosigkeit der Welt gegenüber gelangt ist, hat er dann das Recht, den Weg der Entsagung (sannyāsa) zu beschreiten. Wenn man anders als so beschrieben vorgeht, kann man keinesfalls die Berechtigung für den Sannyāsa-Ᾱshrama erlangen.

Dies sind die wohlmeinenden Aussagen des Veda zu diesem Thema und muss als wahr angesehen werden; es kann nicht falsch sein. Dies ist meine feste Überzeugung.

Oh Shūka, in den Veden werden achtundvierzig zu vollziehende Übergänge in den Phasen des Lebens (samskāras) erwähnt. Von diesen sind den gelehrten Mahātmas zufolge vierzig Samskāras dem Familienvater vorbehalten und die letzten acht Samskāras den Sannyāsins – diese Vorgehensweise hat sich schon seit urdenklichen Zeiten bewährt. Eim Brahmane muss die vorherigen Lebensphasen (āshrama) eine nach der anderen abschließen und dann jeweils in die nächste Lebensphase eintreten.‘

Shūka sprach:

Wenn die reine Leidenschaftslosigkeit (vairāgya), die aus Wissen (gyāna) und Weisheit (vigyāna) hervorgeht, bereits entstanden ist, ist es dann immer noch notwendig, die Phasen des Lebens als Familienvater, Vānaprashta usw. zu durchlaufen, oder ist man dann berechtigt, sofort in die Phase der Entsagung (sannyāsa āshrama) einzutreten, alles aufzugeben und allein im Walde zu leben?‘

Janaka antwortete:

Oh Muni, der du den Shāstras und den Gurus Ehre erweist: obwohl die mächtigen Leidenschaften in der Phase des noch nicht zur Reife gelangten Yoga unter Kontrolle zu sein scheinen, sollte man dem nicht trauen, denn man erlebt oft, dass viele unvollkommene Yogis dann doch durch den einen oder anderen der Sinne wieder in Verwirrung geraten.

Wenn der Geist von jemandem, der bereits in die Sannyāsa-Phase eingetreten ist, in Verwirrung gerät, wie soll er dann – das kannst du ja selbst sehen – seine Wünsche etwas Gutes zu essen, eine angenehme Bettruhe zu pflegen, seinen Sohn zu sehen und andere Wünsche und Begierden erfüllen, wo er doch weiß, dass dies zu seinem Niedergang führt? Sein Zustand wäre dann wahrlich sehr ernst.

Die Menschen können das Netz der Wünsche und Begierden, die nie zu enden scheinen, nur sehr schwer überwinden. Wenn man ihnen ein Ende machen will, ist es daher ratsam, das ganz langsam, Schritt für Schritt, zu tun.

Jemand, der auf einem erhöhten Platz schläft, ist gefährdet, sehr tief zu fallen, aber wer auf einem niedrigen Platz schläft, ist solcher Gefahr nicht ausgesetzt.

Wenn ein Mensch, der bereits das höchste Dharma Sannyāsa angenommen hat, gefallen ist, kommt er nicht mehr auf den rechten Weg zurück.

So wie eine Ameise sich von den Wurzeln eines Baumes in vielen kleinen Schritten bis zu seinem Gipfel hocharbeitet, so bewegen sich die Menschen in vielen kleinen Schritten von einer Lebensphase zur nächsten bis sie in die höchste Phase eintreten; dann und nur dann sind sie fähig, das Ziel der höchsten Erkenntnis zu erreichen.

Die Vögel, die sich keiner Gefahr bewusst sind, erheben sich sehr schnell hoch in die Lüfte, aber wenn sie dann ermüden, können sie nicht mehr dorthin gelangen, wo sie hin wollten, während die Ameise in aller Ruhe ihr Ziel erreicht.

Es ist sehr schwer, den Geist unter Kontrolle zu bringen. Daher gelingt es Menschen unreifen Geistes nicht, ihn sogleich gänzlich unter ihre Herrschaft zu bringen. Daher ist es ratsam für sie, ihn Schritt für Schritt beherrschen zu lernen, indem sie der vedischen Anweisung folgen, eine Lebensphase nach der anderen zu durchlaufen.

Schau, wenn jemand, der ein ruhiges Gemüt und einen gut-entwickelten Intellekt besitzt, das Leben eines Familienvaters führt und dabei Erfolg und Misserfolg im selben Licht betrachtet, in Zeiten der Freude nicht euphorisch und in Zeiten des Schmerzes nicht deprimiert ist und seine Pflicht um der Pflicht willen erfüllt, ohne seinen Geist mit Ängsten und Sorgen zu quälen, dann wird solch ein Familienvater durch die Verwirklichung des Selbst reine Seligkeit erfahren und Befreiung (moksha) erlangen. Daran kann es gar keinen Zweifel geben.

Oh Sündloser, schau, ich bin schon während dieses Lebens befreit (jīvan mukti), obwohl ich mit der Erhaltung eines Königreiches beschäftigt bin. Wann immer irgend ein Anlass für Schmerz oder Freude in Erscheinung tritt, werde ich nicht im mindesten davon beeinflusst. So, wie ich am Ende die Befreiung von allen Körpern (videha mukti) erlangen werde, obwohl ich, wie ich es mich ankommt, hier und dorthin umherwandere, mich an unterschiedlichen Dingen erfreue und Handlungen ausführe, wie es mir gefällt, so kannst auch du deine Pflichten erfüllen und am Ende Befreiung erlangen.

Oh Sohn meines Guru, wenn diese materielle Welt, welche den Vedānta Shāstras zufolge die Ursache allen Wahnes ist, ganz einfach nur ein Objekt des Sehsinnes ist, wie soll dann diese materielle Substanz, die Objekt für den Sehsinn ist, die Quelle der Bindung für den Atman, das Selbst, sein?

Oh Brahmane, obwohl die fünf materiellen Elemente gesehen werden, werden ihre Eigenschaften oder Gunas nur durch Schlussfolgerung erkannt. Ebenso muss auch das Selbst durch Schlussfolgerung erkannt werden; es kann niemals ein Objekt der Wahrnehmung des Sehsinnes sein. Zudem kann dieses Selbst, das durch rechte Schlussfolgerung erkannt wird, das unveränderlich und frei von jeder Verunreinigung oder Befleckung ist, niemals durch veränderliche, sichtbare materielle Dinge gebunden werden

Oh Brahmane, ein unreines Herz ist die Quelle aller Freuden und Schmerzen. Wenn daher das Herz rein und still wird, dann werden alle Dinge vollständig rein, oh Brahmane!

Wenn man wieder und wieder sämtliche heiligen Wallfahrtsstätten (tirtha) besucht, das Herz aber dadurch nicht rein und heilig wird, dann hat man alle diese Mühen ganz vergeblich auf sich genommen. Oh Vernichter der Feinde, es ist allein der Geist, der die Ursache von Bindung oder Freiheit ist und nicht der Körper, noch der Bewohner des Körpers (jivātmā), noch auch die Sinne.

Das Selbst oder der Ᾱtman ist immerdar reines Bewusstsein und somit immer frei, er kann in Wahrheit niemals gebunden werden.

Bindung und Freiheit wohnen im Geist allein. Wenn also der Geist Frieden findet, dann nimmt auch die Bindung an die trügerische Welt endloser Geburten und Tode (Samsāra) ein Ende. ‚Er ist ein Feind‘, ‚Er ist ein Freund‘, ‚Er ist weder ein Feind noch ein Freund‘ – all diese unterschiedlichen Gedanken haben ihren Sitz im Geist und entstehen aus der Zweiheit. Wie können die Vorstellungen von Unterschieden fortbestehen, wenn alles zu einem einzigen, alles-durchdringenden Selbst geworden ist?

Diese Individualität (jīva) ist allumfassende Ganzheit (brahman). Ich bin Brahman und sonst nichts. Es gibt hier nichts hin und her zu überlegen. Infolge der Dualität erscheint die Einheit als unklar und Unterschiede zwischen Jīva und Brahman entstehen. Oh Mahābhāga, dieser Unterschied beruht aber nur auf Unwissenheit (avidyā) und das, wodurch dieser Unterschied verschwindet, wird Erkenntnis (vidyā) genannt. Die Intelligenten sollten sich stets dieses Unterschiedes zwischen Vidyā und Avidyā bewusst sein.

Wie soll man sich an der kühlenden Wirkung des Schattens erfreuen können, wenn nicht zuvor die sengenden Strahlen der Sonne erfahren wurden? Wie soll entsprechend Vidyā erfahren werden, wenn nicht Avidyā zuvor erlebt wurde?

Die Gunas Sāttva, Rājas und Tāmas sind natürlicherweise in den Dingen gegenwärtig, die aus den Gunas bestehen und die fünf großen Elemente sind natürlicherweise in Substanzen gegenwärtig, die aus den Elementen zusammengesetzt sind; gleiches gilt für die Sinne, die natürlicherweise in den Formen existieren, die aus ihnen bestehen. Wie soll es dann irgend eine verunreinigende Beeinträchtigung des Selbst (ātman) geben, welches doch gänzlich ungebunden ist?

Um die Menschheit anzuleiten sind dennoch die hochentwickelten Persönlichkeiten stets äußerst sorgsam darauf bedacht, den Respekt vor den Veden überall aufrecht zu erhalten. Wenn sie dies nicht täten, dann, oh Sündloser, würden die unwissenden Menschen ohne Rücksicht auf Gesetze tun, was ihnen gefällt, so wie die (atheistischen, materialistischen, hemmungslosen Genuss predigenden) Chārvākas, und das Dharma würde ausgelöscht werden. Wenn das Dharma ausgelöscht wird, wird die gesamte Ordnung der gesellschaftlichen Klassen und der Lebensphasen (varnāshrama) sich schrittweise auflösen. Daher sollten alle Menschen, die das Gute wollen, stets dem Pfad des Veda folgen.‘

Shūka sprach:

Oh König, ich habe jetzt all das gehört, was du gesagt hast, aber mein Zweifel hat sich nicht aufgelöst und bleibt weiterhin bestehen. Oh König, im Dharma der Veden ist das Verletzen und Töten von Lebewesen (himsā) enthalten und man sagt, dass in Himsā sehr viel Adharma enthalten ist. Wie soll dann das Dharma der Veden zu Befreiung (moksha) führen?

Oh König, man kann mit eigenen Augen sehen, dass das Trinken des berauschenden Soma-Trankes, das Töten von Tieren, das Essen von Fisch und Fleisch und ähnliches in den Veden befürwortet wird. Dies geht so weit, dass zum Beispiel in der Opferzeremonie namens Sautrāmana die Anweisung, Wein zu trinken und viele ähnliche Handlungsanweisungen ganz ausdrücklich aufgeführt sind. Selbst Glücksspiel wird in den Veden befürwortet. Wie soll also Befreiung daraus entstehen, dass man dem vedischen Dharma folgt?

Es heißt, dass es in alten Zeiten einen König namens Shashabindu gab, der sehr tugendhaft und wahrhaftig war, Opfer durchführen ließ und sehr großzügig war. Er schützte die Tugendhaftenund bestrafte die boshaften Übeltäter. Er ließ zahlreiche Yagyās ausführen, in denen viele Kühe und Schafe den Vorschriften des Veda entsprechend geopfert wurden und zahlte den an den Opferhandlungen beteiligten Priestern allergroßzügigsten Opferlohn (dakshinā).

In diesen Opfern waren die Häute der im Yagyā geopferten Kühe so hoch aufgetürmt, dass sie wie ein zweites Bindhyāchal-Gebirge aussahen. Als es dann regnete und das schmutzige Wasser aus diesem gewaltigen Haufen von Häuten herausfloss, ging daraus ein Fluss hervor, der seither unter dem Namen ‚Charmanvatī-Fluss‘ bekannt ist. Und, oh Wunder: dieser grausame König erlangte unauslöschlichen Ruhm und gelangte in die Himmelswelt.

Wie dem auch sein mag, es will mir nicht in den Kopf, dass ich entsprechend dem Veda Dharma leben sollte, dass mit so vielen Akten der Grausamkeit und des Tötens verbunden ist. Außerdem: wenn die Menschen (im Leben als Familienvater) sich am Geschlechtsverkehr erfreuen und dann leiden, wenn sie diesen Geschlechtsverkehr nicht befriedigen können – wie soll man erwarten, dass solche Menschen Befreiung erlangen!‘

Janaka sagte:

Das Töten von Tieren innerhalb einer Opferzeremonie ist kein Töten, sondern gilt als Nicht-Verletzen (ahimsā), denn diese Art von Himsā geschieht nicht aus einer eigensüchtigen Anhaftung heraus. Und andererseits: wenn außerhalb einer Opferhandlung aus egoistischen Begierden heraus Tiere getötet werden, dann ist das wirklich Himsā, darüber kann es keine abweichende Meinung geben.

Rauch geht aus einem Feuer hervor, in das Brennstoff geschüttet wurde und man sieht keinen Rauch, wenn kein Brennstoff hinzugefügt wird. Daher, oh Munisattama, ist Himsā, wie es entsprechend den vedischen Anweisungen ausgeführt wird, frei von jedem Makel und von eigensüchtiger Anhaftung und ist daher nicht zu tadeln.

Die Schlussfolgerung ist somit, dass Himsā, das von Menschen ausgeführt wird, die an die Objekte gebunden sind, tatsächlich Himsā ist, aber das Himsā von denjenigen, die frei von Begierden sind, nicht in diese Kategorie von Himsā fallen. Die gelehrten Veden-Kenner erklären daher, dass Himsā, wenn es von leidenschaftslosen Menschen ausgeführt wird, deren Herzen frei von Egoismus sind, überhaupt kein Himsā ist.

Oh Zweimalgeborener (dvija), wenn ein Familienvater, der an die Sinne und ihre Objekte gebunden ist, aus diesem Impuls heraus Tiere tötet, dann kann dies als wirkliche Handlung des Tötens betrachtet werden.

Aber, oh Mahābhāga, wenn Menschen, deren Herzen nicht an irgend etwas gebunden sind, die selbstbeherrscht sind und nach Befreiung streben, aus reinem Pflichtbewusstsein einen Akt von Himsā ausführen, ohne Begierde nach den Früchten der Handlung und im Herzen frei von Egoismus, dann kann ihnen dies niemals als ein wirklicher Akt des Tötens angerechnet werden.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das achtzehnte Kapitel: ‘Janaka unterweist Shūka über das höchste Wissen.’



Kapitel 19: Die Beschreibung der Hochzeit von Shūka

Shrī Shūka sprach:

Oh König, in meinem Geist ist ein großer Zweifel darüber entstanden, wie ein Mensch frei von Wünschen und der Begierde nach dem Lohn für seine Handlungen sein kann, wenn er inmitten dieses Samsāra lebt, das voller Täuschung (Māyā) ist. Wenn selbst durch den Erwerb der Weisheit der Shāstras und die Fähigkeit, zu unterscheiden, was real und was unreal ist, der Zustand der Täuschung des Geistes nicht beseitigt wird, ehe man nicht zur Praxis des Yoga Zuflucht nimmt, wie soll dann ein Familienvater Freisein von Wünschen und Moksha erlangen können?

Die Dunkelheit in einem Zimmer wird ja nicht durch das Aussprechen des Wortes ‚Lampe‘ beseitigt und so kann auch die durch das Lesen der vedischen Schriften erlangte Weisheit niemals die Dunkelheit der Täuschung beseitigen, die im Inneren eines Menschen herrscht.

Oh Löwe unter den Königen, wenn man Moksha erlangen will, darf man keinerlei Handlungen ausführen, die Rache oder Verletzung oder Töten eines Wesens beinhalten – wie soll dies einem Familienvater möglich sein?

Der Wunsch, Reichtümer anzusammeln, königliche Freuden zu genießen und in der Schlacht zu siegen, sind noch nicht versiegt, wie kannst du dann ein zu Lebzeiten Befreiter (jīvan mukta) sein?

Oh König, du siehst immer noch einen Dieb als Dieb und einen Heiligen als Heiligen an. Du betrachtest einen Menschen als deinen Verwandten oder Nicht-Verwandten. Da diese Vorstellungen in dir nicht aufgehört haben, zu wirken, wie kannst du dann ein ‚vom Körper Befreiter‘ (videha) genannt werden?

Oh König, du nimmst salzige, bittere, zusammenziehende, saure und süße Geschmacksarten und ähnliches wahr. Du nimmst gute und schlechte Gefühle als solche wahr. Du freust dich, wenn du Erfolg hast und bist traurig, wenn dir etwas misslingt. Du erfährst die drei Zustände des Wachens, Träumens und Tiefschlafes wie jeder gewöhnliche Mensch, warum sagt man dann von dir, du hättest den vierten Zustand (turīya) erlangt? Darf ich dich fragen, ob du der Überzeugung bist, dass all diese Fußsoldaten, Reiter und Streitwagen und all diese Elefanten dein sind? Denkst du ‚Ich bin der Herr all dieser Reichtümer und dieser Dinge‘? Oder hegst du nicht solche Vorstellungen?

Oh König, ich denke, dass du süße und gute Nahrung isst und zu Zeiten Freude und zu anderen Zeiten Schmerz empfindest. Oh König, wie kannst du dann eine Blumengirlande und eine Schlange als ein- und dasselbe ansehen?

Oh König, ein befreiter Mensch (muktapurusha) sieht einen Erdklumpen, einen Steinbrocken und Gold als von gleichem Wert an. Er sieht es so, dass alles derselbe Atman ist und tut allen Wesen Gutes.

Wie auch immer, derzeit finde ich keinerlei Freude an Häusern, Frauen oder dergleichen, es ist einfach so. Mein Herzenswunsch ist es, stets allein umherzustreifen, ohne irgendwelche Wünsche in meinem Herzen zu hegen.

Ich will frei von Anhaftung sein, friedevoll, still und daher will ich keinen Begleiter haben, will nicht irgend etwas von irgend jemandem annehmen, will allen Freuden und Schmerzen entsagen, die aus Kälte und Hitze und anderen Gegensatzpaaren entstehen, will von Wurzeln, Früchten und Blättern leben, die ohne Mühen erlangt werden können und so gleichsam wie das Wild leben.

Wenn ich doch nicht die geringste Neigung zum Leben als Familienvater verspüre und wenn ich jenseits aller Eigenschaften bin, was brauche ich da ein Haus, Besitztümer oder eine adäquate Ehefrau?

Und wenn du im Herzen voller liebender Zuneigung an verschiedene Dinge denkst und dennoch behauptest, dass du ein Jīvan Mukta bist, dann ist das nichts als leere Eitelkeit deinerseits! Oh König, wenn du an deine Feinde denkst und dabei Besorgnis empfindest, wenn du an deine Besitztümer oder zuweilen an deine Armee denkst, wie kann man dann von dir sagen, du seiest frei von Sorgen?

Was soll man noch mehr zu diesem Thema sagen als dies, dass tatsächlich viele Munis, die mäßig essen, ihre Sinne beherrschen und das Leben eines Einsiedlers führen, dennoch zum Opfer der Māyā werden? Wozu soll man dann noch von dir reden? Oh König, wisse dass der Erbtitel ‚Voṁ Körper Befreiter‘ (videha) deiner Dynastie von Königen wirklich nicht ernst genommen werden kann – das ist so, wie wenn man einem ungebildeten Menschen den Titel ‚Hüter des Wissens‘ (vidyādhara), einem Blindgeborenen den Namen ‚Strahlende Sonne‘ (divākara) oder einem armen Menschen den Namen ‚Hüter der Reichtümer‘ (lakshmīdhara) geben würde – alle diese Bezeichnungen erscheinen mir gleichermaßen sinnlos. Ich habe gehört, dass deine königlichen Vorfahren nur dem Namen nach und nicht der Realität entsprechend ‚Videha‘ genannt wurden.

Oh König, unter deinen Vorfahren gab es einen König namens ‚Nimi‘. Eines Tages lud dieser königliche Weise seinen Guru Vasishtha ein, ein Opfer durchzuführen. Vasishtha aber sagte: ‚Ich bin bereits von Indra, dem König der Götter, eingeladen worden, ein Opfer für ihn durchzuführen. Oh König, lass mich daher zunächst diese Arbeit zu Ende führen, danach werde ich deine Aufgabe erledigen. Am besten sammelst du schon einmal die Materialen für das Opfer, bis meine Arbeit für Indra beendet ist.‘ Mit diesen Worten ging Vasishtha fort, um Indras Yagyā durchzuführen.

Der königliche Weise Nimi aber suchte sich einen anderen Priester, ernannte ihn zu seinem Guru und begann mit seinem Opfer. Als dies Maharishi Vasishtha zu Ohren kam, wurde er zornig und verfluchte ihn mit den Worten: ‚Oh du Verräter an deinem Guru! Für das Verbrechen deinen Guru verraten zu haben, soll dein Körper noch heute vernichtet werden!‘ Daraufhin verfluchte der König seinerseits seinen Guru: ‚Auch dein Körper soll noch heute tot niederfallen!‘

Danach fielen die Körper von beiden tot zu Boden. Oh König, da erhebt sich für mich die Frage, wie der königliche Weise, dessen Körper zuerst tot zu Boden fiel, dann danach noch seinen Guru verfluchen konnte.‘

Janaka sprach:

Oh Herr der Brahmanen, was du sagtest, ist meiner Meinung nach ganz und gar richtig, nichts daran ist unwahr. Aber höre dennoch: Wisse, dass das, was mein höchst verehrungswürdiger Guru Deva zu mir sagte, in der Tat wahr ist.

Du hegst jetzt die Absicht, das Zusammensein mit deinem Vater aufzugeben und allein in den Wald zu gehen – schön und gut. Aber selbst dann wirst du zweifellos mit den Tieren das Waldes zusammen sein; außerdem: wenn doch die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft usw. überall gegenwärtig und in allem zu finden sind – wie kannst du da erwarten, jemals frei von Gemeinschaft mit anderen und für dich allein zu sein?

Oh Muni, wenn du immer daran denken musst, dich zu ernähren, wie sollst du dann frei von Sorgen sein? Und selbst wenn du in den Wald gehst, wirst du dort an deinen Stab, dein Antilopenfell usw. denken. Ob du wie ich an ein Königreich denkst oder nicht oder ob du an deinen Stab, dein Antilopenfell usw. denkst – in jedem Fall ist dein Herz von zweifendem, dualistischem Denken (vikalpa gyāna) verunreingt; deshalb bist du ja auch aus einem fernen Land hierher gekommen.

Mein Herz aber ist frei von solchem Zweifel und ich lebe hier ganz glücklich. Oh Bester der Brahmanen, auf keine Weise hege ich Zweifel über irgend etwas und daher esse und schlafe ich von großer Freude erfüllt.

Ich bin nicht von dieser Welt gebunden‘ – dieser Gedanke erfüllt mich allezeit mit allerhöchster Freude. Du aber betrachtest dich als gebunden und daher bist du allezeit voller Kummer. Gib daher die Vorstellung auf, dass du gebunden bist und sei glücklich.

Dieser Körper ist mein‘ – diese Annahme führt zu Bindung und ‚Dieser Körper ist nicht mein‘ – diese Erkenntnis führt zu Freiheit, daher erkenne wahrhaftig: ‚All diese Reichtümer, dieses Königreich usw. sind nicht mein.‘

Sūta sprach:

Als Shūka Deva diese Worte des königlichen Weisen vernommen hatte, wurde er von unermesslicher Freude erfüllt. Er sagte ‚Ein Weiser in der Tat! Ein Weiser in der Tat!‘ (‚Sādhu! Sādhu!‘) und machte sich unverzüglich auf den Weg zum lieblichen Ᾱshram von Veda Vyāsa.

Vyāsa war sehr glücklich, dass sein Sohn zu ihm zurück gekommen war. Er umarmte ihn, roch an seinem Kopf und fragte ihn wieder und wieder nach seinem Befinden.

Shūka Deva, mit den vedischen Schriften bestens vertraut und stets bereit, den Veda zu studieren, saß danach mit erleuchtetem Geist in dem wunderschönem Ᾱshram zu Seiten seines Vaters. Wenn er daran dachte, wie der erleuchtete Janaka in seinem Königreich lebte, erfuhr er tiefsten Frieden.

Obgleich er den Weg des Yoga beschritten hatte, heiratete Shūka Deva die schöne, glückverheißende Pivarī, die Tochter eines Muni und vergrößerte damit den Ruhm der Familie ihres Vaters. Aus dem Samen von Shūka und der Eizelle von Pivarī wurden im Laufe der Zeit die vier Söhne Krishna, Gauraprabha, Bhūri und Devashruta geboren und danach noch eine Tochter namens Kīrti.

Der im Feuer der Askese erstrahlende Shūka, der Sohn Vyāsas, vermählte seine Tochter Kīrti, als die Zeit dafür gekommen war, mit dem hochherzigen Anūha, dem Sohn des Vibhrāja. Einige Zeit später wurde aus dem Schoße der Kīrti und dem Samen von Anūha ein Sohn geboren, der als der brahmankundige, überaus reiche und wohlhabende König Brahmadatta berühmt wurde

Nach einiger Zeit erhielt Anūha, der Schwiegersohn Shūka Devas, von Nārada das Māyābīja-Mantra und das höchste Yoga-Wissen. Er übergab seinem Sohn das Königreich, begab sich in die Einsiedelei von Badarikā und erlangte Befreiung (moksha). Der Devarishi Nārada gab ihm das Samen-Mantra der Māyā; durch den Einfluss des Mantras und der Gnade der Devī erwachte die höchste Erkenntnis des Brahman in ihm und schenkte ihm Befreiung.

Shūka Deva, der sich in Gesellschaft mit anderen nie recht wohl fühlte, verließ schließlich seinen Vater und begab sich zu dem herrlichen Berg Kailāsha. Er begann über das unveränderliche Brahman zu meditieren und verbrachte so dort seine Zeit.

Nach einiger Zeit erlangte der äußerst energievolle Shūka Deva die ‚übernatürlichen Fähigkeiten‘ (siddhi) wie Animā (Körper wird klein wie ein Atom), Laghimā (Körper wird leicht und hebt vom Boden ab; yogisches Fliegen) usw.; er erhob sich vom Gipfel des Berges hoch in die Lüfte und bewegte sich frei dort umher, während er wie eine zweite Sonne erstrahlte.

Als Shūka vom Gipfel des Berges abhob, teilte dieser sich in zwei Teile und zahlreiche andere Ereignisse von großer Vorbedeutung waren zu sehen.

Shūka Deva, dessen Körper den blendenden Glanz einer zweiten Sonne ausstrahlte, verschwand plötzlich wie ein Lufthauch, ging in das Höchste Selbst (paramātman) ein, wurde eins mit allem und wurde unsichtbar. Die Devarishis begannen Hymnen an ihn zu chanten, aber Vyāsa Deva war sehr unglücklich über die Trennung von seinem Sohn und rief immer wieder ‚Oh mein Sohn, ach, mein Sohn! Wohin bist du gegangen?‘. Er stieg zum Gipfel des Berges empor, auf dem Shūka geweilt hatte und weinte bitterlich.

Als Shūka Deva, der als Höchstes Selbst, als innerer Herrscher aller Wesen, der in allen Wesen lebt, existierte, seinen Vater voller Kummer und Schmerz weinen sah, sprach er als Echo, das von den Bergen und Bäumen auszugehen schien, zu ihm:

Oh Vater, im Licht des Selbst betrachtet gibt es keinen Unterschied zwischen dir und mir – warum weinst du dann um mich?‘

Selbst heute noch ist dieses Echo deutlich zu vernehmen.

Als Bhagavān Maheshvara sah, dass Vyāsa Deva wegen der Trennung von seinem Sohn sehr bekümmert war und immer wieder weinend rief ‚Oh mein Sohn, oh mein Sohn!‘, kam er zu ihm und sprach die tröstenden Worte:

Oh Vyāsa Deva, dein Sohn ist der Beste aller Yogis. Er hat den höchsten Stand erlangt, der sehr selten erlangt wird und der unerreichbar ist für diejenigen, die nicht selbstbeherrscht sind. Daher trauere nicht mehr. Oh Sündloser, du hast doch Brahman-Bewusstsein erlangt, daher solltest du keinerlei Kummer um deinen Sohn empfinden, der jetzt seinen Stand in diesem Brahman hat. Allein dadurch, dass du solch einen Sohn hast, hast du unvergleichlichen Ruhm gewonnen.‘

Vyāsa Deva sagte:

Oh Herr der Devās, oh Herr der Welt! Was soll ich jetzt nur tun? So oder so wird mein Herz nicht frei von Kummer. Meine Augen haben noch nicht genug davon, meinen Sohn zu sehen, sie sehnen sich noch immer nach dem Anblick des Sohnes!‘

Als Bhagavān Mahādeva diese betrübten Worte Vyāsas vernahm, sprach er zu ihm:

Oh Muni Sārdula, ich gewähre dir diese Gabe, dass du jederzeit an deiner Seite die wunderschöne Schattengestalt (virtuelle Form) deines Sohnes erblicken kannst. Oh Vernichter der Feinde, gib nun deinen Kummer auf und erfreue dich am Anblick der virtuellen Gestalt deines Sohnes!‘

Nachdem Bhagavān Maheshvara dies gesagt hatte, begann Vyāsa die strahlende virtuelle Gestalt seines Sohnes zu sehen. Nachdem er seine Gabe gewährt hatte, verschwand Bhagavān Mahādeva. Als er verschwunden war, fühlte Vāsa wiederum großen Kummer über den Verlust seines Sohnes und kehrte schweren Herzens in seine Einsiedelei zurück.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das neunzehnte Kapitel: ‘Die Beschreibung der Hochzeit von Shūka.’



Kapitel 20: Vyāsa tut seine Pflicht

Die Rishis sprachen:

Oh Sūta, was tat Veda Vyāsa, nachdem der gottgleiche, höchste Yogi Shūka all die ausgezeichneten Siddhi-Fähigkeiten gemeistert hatte? Bitte sei so freundlich und berichte uns in allen Einzelheiten darüber!‘

Als Antwort auf diese Bitte sagte Sūta:

Oh ihr Rishis, Vyāsa hatte bereits eine ganze Reihe von Schülern ausgebildet: Asita, Devala, Vaishampāyana, Jaimini, Sumantu und andere, die alle das Studium der Veden betrieben. Nach dem Ende ihres Studiums waren sie alle fortgegangen, um das Dharma auf der Erde zu fördern. Als all diese Schüler sich über die Erde verteilt hatten und sein Sohn Shūka Deva in die nächste Welt gegangen war, wurde Vyāsa sehr traurig und wollte sich an einen anderen Ort begeben. Er entschied sich dann, den Ort seiner Geburt aufzusuchen.

Vyāsa verließ den himmelsgleichen Berg, die Quelle aller Freude, begab sich zum Ufer der Gangā und gedachte seiner gesegneten Mutter Satyavatī, der Tochter eines Fischers, die er vor einiger Zeit zu ihrem großen Kummer verlassen hatte. Als er die Inseln erreicht hatte, auf denen er geboren war, erkundigte er sich bei einem Fischer nach dem Aufenthaltsort seiner Mutter, der schöngesichtigen Frau, die zugleich die Tochter eines Fischers und die Gemahlin eines Königs war.

Der Fischer antwortete, dass sein König sie mit dem König Shantanu verheiratet hatte.

Als der König der Fischer Vyāsa dort erblickte, ehrte er ihn voller Freude, hieß ihn herzlich willkommen und sprach mit zusammengelegten Händen zu ihm:

Oh Muni, ich bin so froh, deines Anblicks teilhaftig zu werden, der selbst von den Göttern schwer zu erlangen ist; meine Geburt ist dadurch geheiligt worden und du hast meine ganze Familie geläutert. Oh Brahmane, bitte sei so freundlich und sage mir, weshalb du hierher gekommen bist. Meine Frau, meine Söhne und all meine Reichtümer und alles was ich habe steht zu deiner Verfügung.‘

Nachdem er alles über den Lebensweg seiner Mutter Satyavatī erfahren hatte, errichtete Vyāsa einen Ᾱshram an den schönen Ufern des Flusses Sarasvatī und widmete sich dort erleuchteten Geistes seiner Askese-Praxis.

Einige Zeit später wurden dem äußerst energievollen König Shantanu von seiner Ehefrau Satyavatī zwei Söhne geboren. Vyāsa Deva freute sich sehr und sah sie als seine beiden Brüder an, obgleich er selbst das Leben eines Waldeinsiedlers (vanaprashtha) führte.

Der erste Sohn des Königs Shantanu war Chitrāngada; er besaß alle ausgezeichneten Eigenschaften, war ungewöhnlich schön und setzte seinen Feinden schwer zu. Der zweite Sohn war Vichitra-Vīrya, der ebenfalls mit allen guten Eigenschaften ausgestattet war. König Shantanu war sehr froh über seine Kinder.

Shantanu hatte zuvor von seiner Frau Gangā bereits einen Sohn; dieser war ein großer Held und sehr kraftvoll und die beiden Söhne der Satyavatī waren ebenso kraftvoll. Als der hochherzige Shantanu auf seine drei Söhne blickte, die alle hervorragende Eigenschaften besaßen, kam ihm der Gedanke, dass nun selbst die Devas unfähig seien, ihn zu besiegen.

Nachdem einige Zeit verstrichen war, verließ der tugendhafte Shantanu seinen abgenutzten Körper, so wie ein Mensch zur rechten Zeit seine abgenutzte Kleidung ablegt. Nachdem der König Shantanu in die Himmelswelten aufgestiegen war, führte sein energievoller Sohn Bhīshma die vorgeschriebenen Begräbniszeremonien durch, wobei er großzügig Geschenke an die Brahmanen verteilte. Er trat jedoch nicht selbst die Herrschaft über das Königreich an, sondern überließ Chitrāngada den Thron. Bhīshma wurde wurde in diesem Zusammenhang unter dem Namen Devavrata bekannt (Einer, der seine Gelübde gegenüber den Göttern treu erfüllt).

Chitrāngada, der Sohn der Satyavatī, war eine reine Seele und wurde allein durch die Kraft seiner Arme ein so großer Held, dass seine Feinde in einem Meer der Sorgen versanken. Als bei einer Gelegenheit der großmächtige Chitrāngada, von einer großen Streitmacht umgeben, sich auf einen Jagdausflug begab, um Rurū-Wild zu jagen, erblickte ihn unterwegs der Gandharva Chitrāngada und stieg aus seinem Wagen.

Oh ihr Asketen, drei Jahre lang tobte auf dem heiligen und ausgedehnten Feld von Kurukshetra der wilde Kampf zwischen den beiden gleich starken Helden. Schließlich wurde König Chitrāngada, der Sohn des Shantanu, von dem Gandharva Chitrāngada getötet und stieg in die Himmelswelten auf. Als Bhīshma, der Sohn der Gangā, dies erfuhr, gab er seiner Trauer Ausdruck, führte zusammen mit den Ministern sämtliche Begräbniszeremonien durch und setzte Vichitravīrya als neuen König ein.

Die schöne Satyavatī war sehr erschüttert über den Tod ihres Sohnes, aber nachdem die Minister und die erleuchteten spirituellen Lehrer sie getröstet hatten, freute sie sich doch darüber, dass nun ihr jüngster Sohn König geworden war. Auch Vyāsa Deva war erfreut zu hören, dass sein jüngster Bruder als Herrscher eingesetzt wurde.

Als Satyavatīs Sohn Vichitravīrya später das Jugendalter erreicht hatte, begann Bhīshma daran zu denken, ihn zu verheiraten. Zu dieser Zeit hatte der König von Kāshī gerade eine Versammlung einberufen, auf der alle seine drei Töchter, die mit allen glückverheißenden Eigenschaften ausgestattet waren, unter den eingeladenen Königen ihren Ehemann erwählen sollten (svayamvara). Tausende und Abertausende von Königen und Prinzen aus unterschiedlichsten Ländern waren zu dieser Versammlung eingeladen worden, wurden dort angemessen empfangen und waren nun alle, festlich gekleidet, in der Svayamvara-Halle versammelt. Genau zu dieser Zeit erschien dort der von gewaltiger feuriger Energie erfüllte Bhīshma auf seinem Streitwagen, besiegte ganz allein die Infantrie, Kavallerie und sämtliche dort versammelte Könige, entführte gewaltsam die drei Töchter des Königs von Kāshī und brachte sie nach Hastināpur.

Bhīshma verhielt sich gegenüber den drei Töchtern von Kāshīrāj so respektvoll, als wären sie seine Mütter, Schwestern oder Töchter und informierte Satyavatī unverzüglich darüber, wie alles sich ereignet hatte. Dann konsultierte er die vedakundigen Astrologen und Brahmanen, um einen günstigen Tag für die Hochzeit herauszufinden. Nachdem der Tag der Hochzeit festgelegt war und alle Vorbereitungen getroffen waren, wollte der tugendhafte Bhīshma, dass Vichitravīrya mit den drei Königstöchtern vermählt wird.

Zu dieser Zeit aber sprach die schönäugige Älteste der drei Töchter Bhīsma, den Sohn der Gangā, in bescheidener Haltung an:

Oh Sohn der Gangā, illustrer Sohn deiner Famile und Bester der Kurus! du bist der Beste aller Dharma-Kenner, daher wende ich mich an dich. In der Svamvara-Versammlung erwählte ich im Geiste Shālva zu meinem Gatten und konnte bemerken, dass auch er mich liebevollen Herzens anblickte. Daher, oh Sohn der Gangā, tue nun, was deiner geheiligten Familie würdig ist. Du bist ja nicht nur außergewöhnlich kraftvoll, sondern auch der Tugendhafteste aller Männer. Shālva wünschte mich in seinem Geiste zur Frau, nun handle, wie es dir beliebt.‘

Als die Älteste der drei Töchter dies zu ihm gesprochen hatte, befragte Bhīshma die alt-ehrwürdigen Brahmanen, die Minister und seine Mutter: ‚Was ist hier zu tun?‘ Nachdem er alle Meinungen eingeholt hatte, sprach er zu der Tochter: ‚Oh Schöne, du kannst gehen, wohin es dir gefällt.‘ Mit diesen Worten ließ Bhīshma sie frei.

Die schöne Tochter des Königs von Kāshī ging dann zu dem Haus von König Shālva und eröffnete ihm ihren Herzenswunsch: ‚Oh großer König, nachdem Bhīshma erfahren hatte, dass ich dir zugetan bin, hat er mich den Gesetzen der Rechtschaffenheit (dharma) entsprechend freigelassen und so bin ich jetzt zu dir gekommen. Heirate mich. Oh Bester der Könige, ich werde deine rechtmäßige Ehefrau sein, denn schon zuvor habe ich dich als meinen Gatten gesehen und auch du musst mich schon als deine Ehefrau angesehen haben.‘

Shālva antwortete wie folgt: ‚Oh Schöne, Bhīshma ist mir ja zuvorgekommen, hat dich am Arm ergriffen und dich zu seinem Streitwagen gebracht, deshalb werde ich dich nicht heiraten. Überlege selbst, welcher intelligente Mann eine Frau heiraten wollte, die bereits von einem anderen berührt wurde. Ich werde dich, da du zu einem anderen gehörst, nicht heiraten, auch wenn Bhīshma dich fortgeschickt hast.‘

Als die Tochter des Königs von Kāshī diese Worte hörte, weinte sie bitterlich, aber Shālva blieb entschlossen, sie abzuweisen. Da sie keinen anderen Ausweg mehr sah, ging sie weinend zu Bhīshma zurück und sagte zu ihm:

Oh großer Krieger, Shālva stimmte einer Heirat mit mir nicht zu, weil du mich als erster zu deinem Wagen brachtest und mich danach frei ließest. Daher, oh Mahābhāga, erkenne, was das Dharma gebietet und heirate mich, denn du weißt ja am besten, was Dharma ist. Wenn du mich nicht heiratest, werde ich ganz gewiss meinem Leben ein Ende setzen!‘

Auf diese Worte entgegnete Bhīma: ‚Oh Schöne, wie kann ich dich als Frau akzeptieren, wenn du doch im Geiste schon eine Verbindung mit einem anderen Mann eingegangen warst? Daher, oh Liebreizende, solltest du ruhigen, klaren Geistes zurück zu deinem Vater gehen.‘

Nach diesen Worten Bhīshmas ging die Tochter des Königs von Kāshī aus Schamgefühl jedoch nicht zum Hause ihres Vaters zurück, sondern begab sich in einem Wald an eine völlig einsame Wallfahrtsstätte und begann dort asketische Übungen durchzuführen.

Die anderen beiden schönen und glückverheißenden Töchter des Königs von Kāshī, Ambālikā und Ambikā wurden die Ehefrauen des Königs Vichitravīrya. Und so begann der mächtige König Vichitravīrya sich im Palast und in den Gärten am Zusammensein mit ihnen zu erfreuen und verbrachte so seine Zeit. Ganze neun Jahre lang erfreute sich König Vichitravīrya am lustvollen Liebesspiel mit ihnen - bis er schließlich an Schwindsucht erkrankte und in die Klauen des Todes geriet.

Als Satyavatī die Kunde vom Tode ihres Sohnes Vichitravīrya erhielt, wurde sie sehr traurig und führte, von ihren Ministern umgeben, die Begräbnisfeierlichkeiten durch. Dann sagte sie bekümmerten Herzens in einem vertraulichen Gespräch zu Bhīshma:

Oh vom Glück gesegneter Sohn, du solltest jetzt das Königreich deines Vaters regieren und sicherstellen, dass Yayātis Dynastie nicht ausgelöscht wird. Nimm daher die Frauen deines Bruders und tue dein Bestes, um die Familiendynastie fortzusetzen.‘

Bhīshma antwortete: ‚Oh Mutter, hast du denn nicht gehört, welches Versprechen ich meinem Vater gegeben habe? Auf keinen Fall kann ich jemals heiraten und das Königreich regieren.‘

Als Satyavatī dieseWorte von Bhīshma vernommen hatte, wurde sie sehr besorgt und dachte wie folgt:

Wie kann nun der Fortbestand der Famile gesichert werden? Es ist ja nicht ratsam, untätig zu bleiben, wenn das Reich ohne König ist, denn daraus kann nichts Erfeuliches entstehen.‘ Bei diesem Gedanken wurde sie von großem Kummer ergriffen.

Daraufhin sprach Gangās Sohn Bhīshma zu ihr:

Oh Hochgeehrte, belastete deinen Geist nicht mit Sorgen. Ergreife Maßnahmen, um die Geburt eines Sohnes der Frau von Vichitravīrya herbeizuführen. Erwähle einen der besten Brahmanen aus guter Familie und vereinige ihn mit der Frau von Vichitravīrya. Meines Wissens ist nichts falsches an einer solchen Vorgehensweise, wenn es darum geht, den Fortbestand der Familiendynastie zu gewährleisten. Oh liebreizend Lächelnde, wenn du auf diese Weise einen Enkelsohn bekommen hast, dann übergib ihm das Königreich. Auch ich werde dann seinen Anweisungen Folge leisten.‘

Als Satyavatī diese vernünftigen Worte Bhīshmas vernommen hatte, erinnerte sie sich im Geiste an Vyāsa Deva, ihren eigenen Sohn, den sie einst jungfräulich geboren hatte. Sobald sie sich Vyāsa in Erinnerung gerufen hatte, kam der große Asket, der wie die Sonne erstrahlte, sogleich herbei und verneigte sich vor seiner Mutter. Der überaus energievolle Vyāsa wurde sodann von Bhīshma angemessen geehrt und von seiner Mutter willkommen geheißen und verweilte dann dort, einem rauchlosen Feuer gleichend.

Dann sprach seine Mutter Satyavatī zum Herrscher der Munis: ‚Oh Sohn, bitte zeuge aus deinem Samen und der Eizelle von Vichitravīryas Frau einen Sohn!‘

Vyāsa sah die Worte seiner Mutter als gleichrangig mit den Anweisungen des Veda an, denen Folge zu leisten ist und versprach ihr, dass er ihren Worten entsprechend handeln würde.

Er blieb dort und wartete auf die Zeit von Ambikās Fruchtbarkeit. Als die Zeit ihrer Fruchtbarkeit gekommen war, badete Ambikā und vereinte sich dann mit Vyāsa. Schließlich brachte sie einen äußerst kraftvollen Sohn zur Welt, der aber blind war.

Als Satyavatī sah, dass das Kind blind war, wurde sie sehr betrübt und sagte dann zu der anderen Frau ihres Sohnes: ‚Geh und bringe auf die zuvor angewandte Art und Weise einen Sohn zur Welt.‘

Als ihre Zeit der Empfänglichkeit gekommen war, begab sich Ambālikā des nachts zu Vyāsa, vereinte sich mit ihm und wurde schwanger. Das Kind, das später geboren wurde, hatte jedoch eine extrem blasse Hautfarbe, wesewegen Satyavatī auch dieses Kind als ungeeignet ansah, König zu werden.

Deshalb bat sie am Ende des Jahres Ambālikā, die Frau ihres Sohnes, erneut, Vyāsa beizuwohnen. Sie bat auch Vyāsa darum, sich derselben Sache zu widmen und schickte Ambālikā in sein Schlafgemach. Ambālikā aber fürchtete sich vor Vyāsa und brachte es nicht über sich, zu ihm zu gehen, sondern schickte stattdessen eine ihrer Dienerinnen. Und so wurde der hochherzige und allen Menschen gegenüber wohlgesonnene Vidura, eine Teilinkarnation von Dharma, als Sohn dieser Dienerin geboren.

Auf diese Weise zeugte Vyāsa die drei äußerst kraftvollen Söhne Dhritarāshtra, Pandu und Vidura, um den Fortbestand der Familie sicher zu stellen.

Oh ihr sündlosen großen Seher (maharishi), somit habe ich euch beschrieben, wie mein Meister Vyāsa Deva, der alle Aspekte von Dharma bestens kennt, den Fortbestand seiner Familie sicherte und wie er im Schoße der Frauen seines Bruders Vichitravīrya den Gesetzen des Dharma folgend Söhne zeugte, um die Familie zu erhalten.‘

So endet im ersten Buch des Shrimad Devī Bhāgavatam, des Mahapurānam von 18.000 Versen von Maharishi Veda Vyāsa, das zwanzigste Kapitel: ‘Vyāsa tut seine Pflicht.’

Ende des ersten Buches