Was ist der Veda?

Vedische Literatur - das ist die schriftliche Aufzeichnung des vedischen Wissens sowie Erläuterungen und Kommentare zum Veda.

Was ist der Veda? Im Brockhaus findet sich folgende Definition:

"Veda
Veda [altindisch »Wissen«] der, Weda, Name der ältesten heiligen Schriften der Inder, deren früheste aus der Zeit vor dem 1. Jahrtausend v. Chr. stammen. Man unterscheidet den Rigveda (Hymnen an die Götter), den Samaveda (Opfergesänge), den Yajurveda (Opfersprüche) und den Atharvaveda (Zauberlieder). Daran schließen sich die Brahmanas und die Upanishaden an. Der Veda zählt zu den heiligen Schriften des Hinduismus. - Vedische Religion, älteste, von den indogermanischen Einwanderern (1800-1600 v. Chr.) mitgebrachte, im Veda überlieferte Religion Indiens (Verehrung einer Vielzahl von Göttern, im Zentrum ein vielfältig ausgestaltetes Opferritual)."

Diese Definition des Veda in einem seriösen und anerkannten Nachschlagewerk des Wissens der Neuzeit ist als Einstieg in unser Thema sehr gut geeignet, weil sie einerseits im deutschen Sprachraum die vagen Vorstellungen der Allgemeinheit vorprägt und andererseits völlig ungeeignet ist, einen Zugang zu der Realität dessen zu eröffnen, was der Veda wirklich ist.

Dieser Brockhaus-Definition des Veda liegt nämlich eine ganz bestimmte historische Perspektive zugrunde: die Sichtweise einiger deutscher Gelehrter des frühen 20. Jahrhunderts wie Paul Deussen oder Max Müller, die sich als Forscher oder Missionare mit dem "indischen Gedankengut" beschäftigten und wenig Zweifel daran hatten, dass ihre überlegene christlich-naturwissenschaftliche Art und Weise, die Welt zu sehen, sie befähigen würde, den Veda zu verstehen. Zudem wurde der Veda ihnen in Indien von Menschen präsentiert, die als Autoritäten der hinduistischen Religionsgemeinschaft davon überzeugt waren, ein Verständnis des Veda vermitteln zu können.

Beide Seiten hielten sich für kompetent, den Veda zu verstehen und die obige Definition des Brockhaus ist ein Ergebnis ihrer Begegnung - eine Definition des Veda, die sehr viel über das Weltbild und die Vorurteile derer aussagt, die an der Entstehung dieser Definition mitwirkten, andererseits aber ein so stark verzerrtes Bild des Veda vermittelt, dass so gut wie garnicht mehr sichtbar wird, was der Veda ist und darüber hinaus allen, die eine solche Definition als Einstieg in ein Kennenlernen des Veda akzeptieren, dauerhaft ein wirkliches Verständnis des Veda verbaut.

Hier tritt ein zentrales Problem in Erscheinung: Wie kann derjenige, der etwas erkennen will, verhindern, dass seine eigenen Vorurteile und die damit verbundene Eingeschränktheit seiner Wahrnehmungsfähigkeit den Erkenntnisprozess verfälschen?

Die moderne westliche Naturwissenschaft versucht dieses Problem zu lösen, indem sie vom Erkennenden Objektivität fordert: er soll seine persönliche, subjektive Art, die Dinge zu sehen, beiseitelassen und gänzlich unvoreingenommen das zu erkennende Objekt auf sich wirken lassen - eine gut gemeinte, aber sehr schwer zu erfüllende Forderung, die zwar jeder Naturwissenschaftler prinzipiell anerkennt, aber in der Praxis seiner Forschungstätigkeit niemals ganz verwirklicht. In der Darstellung seiner Forschungsergebnisse wird er zwar so weit wie möglich den Eindruck erwecken, als habe er den Gegenstand seiner Forschung unvoreingenommen beobachtet und dann objektiv zwingende Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen gezogen, aber in Wirklichkeit ist schon in seine Versuchsanordnung ein ganzes System von Vorstellungen und Erwartungen eingegangen, die alles andere als objektiv sind - dass diese zudem in der Praxis auch von den Vorstellungen und Erwartungen der Leute, die seine wissenschaftliche Tätigkeit finanzieren, nicht ganz unbeeinflusst bleiben, sei hier als "soziologisches Problem wissenschaftlicher Erkenntnis" nur nebenbei erwähnt.

Bevor man den Versuch unternimmt, seine eigenen subjektiven Vorstellungen und persönlichen Vorurteile beiseite zu lassen, müsste man zunächst erkennen, was diese Vorstellungen und Vorurteile sind - dies kommt in der Zeit der Geburt der modernen westlichen Naturwissenschaft im antiken Griechenland in der Forderung "Erkenne dich selbst" zum Ausdruck, die das Orakel von Delphi an den Wahrheitssucher stellt. Allerdings gibt es im Ausbildungsgang eines modernen Naturwissenschaftlers keine systematische Erziehung zu der geforderten Selbsterkenntnis.

Zudem ist bereits die Grundannahme der modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise: dass es nämlich überhaupt eine vom Erkennenden unabhängige objektive Realität gäbe, ein ausgeprägtes ideologisches Vorurteil - ein äußerst subtiles Vorurteil mit weitreichenden Konsequenzen für den Erkenntnisprozess und für die konkreten Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung.

Aber kehren wir zunächst einmal zur Defintion des Veda zurück: zumindest ein Element der oben zitierten Brockhaus-Definition des Veda gibt einen brauchbaren Hinweis darauf, was der Veda ist: "Veda" ist das Sanskritwort für Wissen - die Sanskritwurzel "vid" dieses Wortes hat sprachhistorisch auch unser deutsches Wort "Wissen" geprägt. Der Veda beschreibt sich also selbst als Wissen.

Dies können wir zunächst einmal als eine erste, sehr allgemeine Definition des Veda festhalten: Veda ist Wissen, d.h. nicht Unwissenheit, Vorurteil, Wahnvorstellung, auch nicht bloße Theorie, Ideologie, Meinung, Glaube, Religion oder spekulative Philosophie.

Das Wissen, das der Veda verkörpert, ist nicht indogermanisch, arisch, indisch oder hinduistisch, nicht in Raum und Zeit begrenzt - nicht ein Teilwissen, welches einige Aspekte der Realität außer acht lässt, auch nicht Wissen, das an irgend eine Art von "Zeitgeist" gebunden ist. Der Veda ist zeitlos gültiges, allumfassendes, zuverlässiges und praktisch verwirklichbares Wissen von großem Nutzen - das hört sich sehr anspruchsvoll an, entspricht aber im Grunde nur den Anforderungen, die man zurecht von wissenschaftlichem Wissen erwartet und natürlicherweise mit dem Wort "Wissen" verbindet.