Was ist Jyotish?

Astrologie des Veda

"Traditionelle indische Astrologie" wäre eine erste Definition von Jyotish, um zunächst überhaupt einmal einen Hinweis darauf zu geben, worum es geht. Sehr viel besser ist "Astrologie des Veda" und ziemlich unzutreffend wäre "Hindu-Astrologie", denn die Religion des Hinduismus ist sehr viel jünger als der Veda und auch jünger als das Jyotish-System. Als auf der Erde das Wissen um den Veda schwach geworden und nur noch wenigen zugänglich war, lebte eine vage Erinnerung daran in vielen Menschen in der Religion des Hinduismus weiter.

Veda ist das Sanskritwort für Wissen. Es beinhaltet ein umfassendes, hoch-organisiertes System von Wissen um alle Aspekte der Realität. So, wie der Körper eines Lebewesens aus den in der DNS enthaltenen Informationen, aus Wissen, aus Erinnerung, aufgebaut wird, entsteht das Universum aus dem Veda. Eine solche Definition des Veda finden Sie sicherlich in keinem Brockhaus, aber dies ist, wie der Veda sich selbst sieht!

Das beste Licht

Jyotish ist ein Teilgebiet des Veda. Es wird "Dschjotisch" ausgesprochen und bedeutet übersetzt: das beste Licht. Was ist mit "bestes Licht" gemeint? Das lebensspendende Licht der Sonne ist ein mit dem Sehsinn wahrnehmbarer Ausdruck dieses besten Lichtes: des Lichtes des Bewusstseins, aus welchem dem Veda zufolge das gesamte Universum hervorgeht und in dem es jederzeit gegründet ist. "Vereinheitlichtes Feld" ist die Bezeichnung der modernen Naturwissenschaft für dieses "beste Licht", die Religion nennt es Gott, der Veda gebraucht oft den Ausdruck Brahman. Wie auch immer man es bezeichnet: es ist die allumfassende eine REALITÄT des Lebens, in welche die gesamte kosmische Aktivität jederzeit eingebunden ist.

Der Veda ist die Wissenschaft des Bewusstseins und Jyotish als Spezialgebiet des Veda zeigt auf, wie jede Individualität aus dem alldurchdringenden Feld des Bewusstseins aufgebaut wird und ihre Aktivität im Einklang mit den kosmischen Gesetzen entfaltet. Nichts ist Zufall, jede Aktivität im Universum, auch die vermeintlich willkürliche und vordergründig von zahlreichen Zufälligkeiten geprägte individuelle Aktivität eines Menschen, sein persönliches Leben, ist in Ordnung eingebettet, ist Teil der kosmischen Aktivität, so wie eine Welle Ausdruck der Gesamtaktivität des Ozeans ist. Jyotish lässt diesen Zusammenhang erkennen.

Die Grahas - Naturgesetze mit vollen Zugriffsrechten

Jedes Handeln beginnt mit einem Gedanken- oder Wunschimpuls. Die meisten Menschen sind der Überzeugung, dass sie es sind, die handeln, weil sie diese Impulse in ihrem eigenen Bewusstsein, in ihrem Inneren wahrnehmen. Aber was bringt diese Denk- oder Wunschimpulse im Inneren der Individuen hervor? Aus der Sicht von Jyotish sind dies die Planeten, die Grahas. Das Sanskritwort Graha bedeutet soviel wie "Greifer". Die am Himmel sichtbaren physischen Planeten sind nur die grobstofflichen Repräsentanten der grundlegendsten kosmischen Bewusstseinskräfte, die alle Aktivität im Kosmos organisieren und die ihrer Natur und ihrer Aufgabe entsprechend Zugriff auf jeden individuellen Aktivitätskomplex (Ego) im Universum haben.

Die neun Planeten - Navagraha - repräsentieren also die grundlegendsten Naturgesetze, die alle Evolutionsprozesse im Universum organisieren und koordinieren. Jeder Mensch hat in seinem Gehirn ein "Planetarium" eingebaut, das nicht nur die Informationen darüber beinhaltet, wo die neun Planeten sich gerade befinden, sondern das zudem auch als Impulsgeber dient, um sein individuelles Handeln und seine Wahrnehmung mit den Aktivitäten aller anderen Lebewesen und Prozesse im Sonnensystem abzustimmen. Jede geistige und körperliche Aktivität eines Menschen wird von diesen Impulsen geleitet. Die individuelle Aktivität ist eine Funktion der kosmischen Aktivität. Sich dessen nicht bewusst zu sein, ist Egowahn, Unwissenheit. In Unwissenheit begeht man Fehler, man verstößt gegen die Gesetze der kosmischen Ordnung. Wenn man Fehler macht, ist Leiden die Folge. Wissen beseitigt die Ursache für Leiden.

Wenn man sich mit Jyotish beschäftigt, lernt man, dass das eigene Leben kosmisch ist, ganz und gar eingebettet in das Gesamtmuster, in die Dynamik der kosmischen Evolution, deren Ziel es ist, überall im unendlich expandierenden Universum den Punktwert der individuellen Existenz zur Unbegrenztheit der kosmischen Realität auszudehnen. Diese Evolution ist wesentlich eine Evolution des Bewusstseins. Indem man sich dessen bewusst wird, gewinnt die eigene Bewusstseinsentwicklung an Ordnung und Dynamik. Dies ist der eigentliche Sinn der Beschäftigung mit Jyotish - sie weckt in dem Bewusstsein, das sich in Kleinheit verloren hat, die Erinnerung an das, was groß ist.

Warum und wie funktioniert Jyotish?

Schon aus diesen ersten, sehr konzentrierten Beschreibungen der vedischen Astrologie wird deutlich, dass nur aus der Perspektive des Veda zu verstehen ist, warum und wie Jyotish funktioniert. Der Veda vertritt die Auffassung, dass das gesamte Universum mit all seinen physischen und geistigen Prozessen nicht nur aus einem unbegrenzten Feld von Bewusst-Sein hervorgeht, sondern alle diese Prozesse jederzeit innerhalb dieses allumfassenden Bewusst-Seins stattfinden. Daraus folgt, dass die grundlegendsten Naturgesetze, denen alle Prozesse im Universum gehorchen, Bewusstseinskräfte sind.

Aus vedischer Sicht ist Materie nichts anderes als verdichtetes Bewusstsein. So, wie in Zuckersaft sich Kristalle bilden, die aus nichts anderem als aus Zuckersaft bestehen, entstehen in dem allumfassenden Bewusst-Sein Objektstrukturen, die aus nichts anderem als aus Bewusstsein bestehen.

Astrologie funktioniert nicht deshalb, weil die materiellen Körper der Planeten - etwa in Form von "Strahlen" - einen physischen Einfluss auf von ihnen getrennte menschliche Organismen ausüben und diese dadurch zu einem bestimmten Verhalten zwingen. Jyotish funktioniert, weil diejenige kosmische Intelligenz, die alle Aktivitäten im Universum hervorbringt, die verschieden Aspekte ihrer Dynamik auf vollendete Weise integriert. Hier ein Beispiel aus dem Alltag für eine solche integrierte Aktivität:

Die Bushaltestelle

Ein Mensch steht an einer Bushaltestelle und wartet auf den nächsten Bus. Er schaut auf den Fahrplan und sieht dort, dass der Bus um 12 Uhr 41 an der Haltestelle eintreffen soll. Er schaut auf seine Uhr und sieht, dass es 12 Uhr 36 ist. Er zieht die Schlussfolgerung, dass in 5 Minuten der Bus da sein wird. Und siehe da, nachdem er voller Zuversicht 5 Minuten gewartet hat, erscheint der Bus und unser Mensch steigt hochbefriedigt ein: Die Vorhersage hat funktioniert und die Welt ist in Ordnung.

Dabei ist es nicht so, dass der Fahrplan oder die Uhr den Bus durch eine physikalische Kraft herbeizwingen, sondern es ist die Macht der Intelligenz des Busunternehmers, der Uhr, Fahrplan und Bus hervorbringt und koordiniert.

In dieser Analogie ist das Kommen des Busses ein Ereignis oder Zusammenhang im Leben eines Menschen, die Uhr entspricht den Bewegungen der Planeten und der Fahrplan ist Jyotish.

Woher kommt das Wissen von Jyotish?

Jyotish entstand nicht daraus, dass besonders intuitive oder naturverbundene Menschen den Lauf der Planeten und das Leben der Menschen beobachteten und dann Gesetzmäßigkeiten der Übereinstimmung zwischen beiden Bereichen entdeckten. Sowohl die Vielzahl der astrologisch bedeutsamen Faktoren als auch die Komplexität der Ereignisse des menschlichen Lebens würden es ohnehin unmöglich machen, einen solchen Zusammenhang durch Beobachtung und Analyse klar zu erkennen.

Den vedischen Berichten zufolge hat Brahma, der Schöpfer des Universums selbst, seinen Söhnen das Wissen von Jyotish vermittelt, die es wiederum an ihre Söhne weitergaben - usw. von Generation zu Generation. Das Bewusstsein, welches mit der Erschaffung des Universums beauftragt wurde, ist also zugleich auch die Quelle des Wissens von Jyotish. Brahma ist übrigens der Veda selbst, als Subjekt beschrieben: Wissen, das sich selbst erkennt und dadurch schöpferisch wird.

Es wird geschildert, dass Brahma das Wissen von Jyotish an den Rishi Vasishta weitergab, dieser an Shakti und dieser an seinen Sohn Maharishi Parashara. Parashara ist in der vedischen Tradition die anerkannte Autorität für das Spezialgebiet Jyotish. In seinem Buch "Brihat Parashara Hora Shastra" fasst er die Prinzipien von Jyotish zusammen. Dieses Werk ist allerdings keineswegs ein Jyotish-Lehrbuch, sondern - wie alle traditionellen vedischen Schriften - nur eine Erinnerungshilfe für denjenigen, der Jyotish bereits kennt. Das vedische Wissen wird nicht durch Bücher vermittelt, sondern mündlich, durch die lebendige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Das Geburtshoroskop

Eines der grundlegendsten Prinzipien von Jyotish ist der Gedanke, dass die Zeitqualität im Moment des Beginns von etwas die gesamte Entwicklung dessen prägt, was in diesem Moment entsteht - dies gilt z.B. für die Gründung einer Firma, die Grundsteinlegung eines Hauses und vor allem für die Geburt eines Lebewesens. So wie z.B. der Same eines Apfelbaums Schritt für Schritt, in festgelegter sequentieller Abfolge, den Spross, den Stamm, die Zweige, die Blätter, die Blüten und die Früchte des Apfelbaums hervorbringt und sein ganzes Leben bestimmt, so bringen diejenigen Naturgesetze, die im Moment der Geburt eines Menschen das Geschehen bestimmen, als ihre Manifestation diesen bestimmten Menschen hervor, der ihre Qualitäten widerspiegelt und ausdrückt. Ein Apfelsame bringt immer nur einen Apfelbaum hervor, keinen Mangobaum oder Pfirsichbaum. Ebenso prägt die Zeitqualität des Geburtsmoments das, was in diesem Moment entsteht.

Die zentrale Intelligenz, die alles im Universum hervorbringt, sorgt dafür, dass die Zeitqualität in einem bestimmten Augenblick und die Eigenschaften des in diesem Moment Geborenen stets übereinstimmen. Die Stellung der Planeten zu einem Zeitpunkt stimmt wiederum mit der Zeitqualität dieses Moments überein - alles ist geordnet und wohlorganisiert. Glücklicherweise lassen sich die Stellungen der Planeten für jeden Zeitpunkt sehr genau berechnen. Das Jyotish-System beinhaltet die Regeln, nach denen aus den Planetenstellungen die Zeitqualität eines Moments abgeleitet werden kann und daraus lassen sich weitreichende Schlussfolgerungen über das Leben eines Menschen ziehen, der in diesem Augenblick an einem bestimmten Ort geboren wird.