Purana - die vedische Geschichtswissenschaft

Anlässlich der Veröffentlichung des Mahapurana Shrimad Devi Bhagavatam von Maharishi Veda Vyasa in deutscher Übersetzung in fünf Bänden präsentiere ich hier eine kleine Einführung in die Puranas, die Werke der vedischen Geschichtsschreibung.

Man kann sicherlich mit Freude die Puranas einfach lesen und Nutzen aus dieser Lektüre ziehen. Diese Einführung in die Welt der Puranas ist für diejenigen gedacht, die gerne ein tieferes Verständnis dieser Texte gewinnen möchten.

In der vedischen Literatur gibt es zwei Arten von Geschichtswerken: die Puranas und die Itihasas.

Die Itihasas umfassen zwei Werke: die beiden großen Epen Ramayana und Mahabharata. Die Itihasas unterscheiden sich von den Puranas dadurch, dass deren Autoren Zeitzeugen der Ereignisse sind, die geschildert werden. Außerdem stehen Ereignisse auf der Erde im Mittelpunkt. Valmiki, der Autor des Ramayana, lebte am Ende des Treta-Yuga und Veda Vyasa, der Autor des Mahabharata, am Ende des Dvapara-Yuga. Das ist, was die vedische Tradition zur zeitlichen Einordnung sagt. Was die westlichen Wissenschaftler dazu sagen, lasse ich hier beiseite, weil ich es für unerheblich halte.

Auch wenn es gute Gründe für die Unterscheidung zwischen Puranas und Itihasas gibt, so haben doch beide das Thema Geschichtswissenschaft gemeinsam. Deshalb werde ich auch Texte aus dem Mahabharata und dem Ramayana mit berücksichtigen, wenn es um dieses Thema geht. Wenn ich im Folgenden "Purana" sage, schließe ich die Itihasas mit ein, auch wenn das etwas ungenau ist.

Purana (das erste a ist lang und betont: Puraana) bedeutet übersetzt "uralt". In den Puranas werden zwar auch des Öfteren Ereignisse auf der Erde geschildert, aber im Mittelpunkt stehen die kosmischen Kräfte, insbesondere die Devas und Asuras, deren Interaktion das Geschehen auf der Erde prägen. Maharishi Veda Vyasa ist der bedeutendste Autor der Puranas.

Die Besonderheiten der vedischen Geschichtsschreibung – gerade auch im Unterschied zum westlichen Geschichtsverständnis – beschreibt Maharishi Mahesh Yogi in seinem Kommentar zu Vers 1 des vierten Kapitels der Bhagavad Gita folgendermaßen:

"Das Studium der Geschichte hat einen bestimmten Zweck und Platz im Leben des Einzelnen. Es hat das Ziel, den Geist der Gegenwart durch Informationen über die Vergangenheit zu formen, um so eine bessere Gegenwart und eine bessere Zukunft sicherzustellen. Auf diese Weise nutzt jede Generation die Erkenntnisse aus der Vergangenheit und gelangt zu größerer Lebensweisheit.

Es ist allerdings nicht das Wissen um die chronologische Ordnung der Ereignisse, das die Studenten der Geschichte bildet, vielmehr ist der Nutzen der Ereignisse entscheidend, und gerade auf diesen Aspekt der Geschichtsschreibung haben sich die indischen Geschichtsforscher konzentriert. Sie haben für alle Generationen nur die Vorfälle aus dem großen Lauf der Zeit aufgenommen, die behilflich sein können, das menschliche Leben zu fördern. Ihre Absicht war es, sowohl den einzelnen Menschen als auch der ganzen Gesellschaft neue Anregungen zu geben.

Veda Vyasa, der Weise mit allumfassender Sicht, der als der größte Historiker der arischen Kultur Indiens angesehen wird, betrachtete eine riesige Zeitspanne. Als gewissenhafter und völlig integrierter Mensch konnte er nicht die Geschichtsschreibung dieses unmessbaren Zeitraums als eine Aufeinanderfolge von Tagen und Jahren aufzeichnen. Er konnte nur besondere Ereignisse auswählen und sie derart aufschreiben, dass sie die Menschen aller Zeiten auf dem Pfad der Evolution leiten und in der Vervollkommnung des Lebens unterrichten können. Aus diesem Grunde ist in der indischen Geschichtsschreibung keine chronologische Ordnung zu finden. Vyasa hielt es für absurd, jedes Ereignis chronologisch zu fixieren, nur um jeden Baustein an der richtigen Stelle auf der Straße der Zeit einzusetzen.

Außerdem ist es praktisch unmöglich, die Geschichtsschreibung von Millionen von Jahren in einer chronologischen Reihenfolge zu schreiben. Bei kleinen Ländern mit einer Zivilisation von einigen tausend Jahren ist es für die Geschichtsschreiber, die nur dieses kleine Gebiet in dieser kurzen Zeitspanne zu überschauen haben, durchaus durchführbar, eine chronologische Reihenfolge einzuhalten. Aber Vyasa hatte einen klaren Überblick über die Zeit, vom Tage der Schöpfung an. Ein solcher Geist würde und könnte der Chronologie keinen Wert beimessen."

Ein alternatives Verständnis der weltgeschichtlichen Prozesse

Das Studium der Puranas erlaubt ein neues, alternatives, sehr viel tieferes und umfassenderes Verstehen des historischen Geschehens. Das gilt zwar insbesondere für langfristige historische Prozesse, aber auch für sehr aktuelle Entwicklungen. Auch warum es sich dabei um ein alternatives Wissen handelt, das im Mainstream der westlichen Interpretation von Weltgeschichte nirgends zu finden ist, wird im Verlauf des Studiums der Puranas deutlich werden.

Um die Puranas wirklich zu verstehen, muss man die Fähigkeit entwickelt haben, das Verständnis von Welt und Geschichte, in dem man im deutschsprachigen und westeuropäischen Raum aufgewachsen ist, zu transzendieren und sich aus der Gedankenblase (Matrix) zu befreien, in die man durch das System der modernen Erziehung und Bildung eingesperrt wurde. Aus dem Inneren dieser Gedankenblase betrachtet werden die Puranas unter "Mythologie" oder "Religion" subsumiert und als Dokumente einer archaisch-primitiven, vorwissenschaftlichen Art der Weltsicht angesehen, welche die Menschheit glücklicherweise durch den "Fortschritt der Wissenschaft" hinter sich gelassen hat. Wir werden später sehen, dass das pure Asura-Propaganda ist.

Das direkte Mittel, um den genannten geistigen Befreiungsprozess aus der Gedankenblase zu vollziehen, ist Yoga-Meditation, wie z. B. die von Maharishi Mahesh Yogi weltweit gelehrte Transzendentale Meditation (TM). Gleich am Anfang der Yoga Sutras von Maharishi Patanjali wird Yoga als das bewusste (wache) Zur-Ruhe-Kommen der angeregten (unruhigen) Zustände des Geistes beschrieben. Dies führt zu Samadhi, auch "Transzendentales Bewusstsein" (turiya chetana) genannt, einem Bewusstseinszustand, in dem das Bewusstsein in sich selbst wach und vollkommen still ist. Diese "Erfahrung" des Selbst, in der das Bewusstsein wach allein in sich selbst ruht und sich als ewig und vollkommen unbegrenzt wahrnimmt, ist die erste Erfahrung wirklicher Freiheit. Wenn man diese Erfahrung des Selbst (atman) durch regelmäßige Ausübung der Meditation kultiviert und im Alltag stabilisiert, gewinnt man mehr und mehr geistige Freiheit.

In der Chandogya-Upanishad heißt es daher: "Wenn einer [außer sich selbst] kein andres sieht, kein andres hört, kein andres erkennt, das ist die Unbegrenztheit ... Wer also sieht und denkt und erkennt, am Selbst sich erfreuend, mit ihm spielend, mit ihm sich paarend und erfreuend, der ist souverän (svaraj), und ihm ist in allen Welten Freiheit; die es aber anders als so ansehen, die sind fremdbestimmt, kennen nur vergängliche Freuden und ihnen ist in allen Welten Unfreiheit" – Chandogya-Upanishad, Khanda 24-25.

Wer diese geistige Freiheit gewinnt, wird laut der Chandogya-Upanishad "Skanda" genannt, der "Transzendierer" (Ende von Khanda 26). Ein Skanda zu sein ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium des Veda, einschließlich des Studiums von Jyotish und der Puranas.

In diesem Sinne, liebe Skandas, herzlich willkommen bei meiner kleinen Einführung in die Welt der Puranas!

Puranas - die Illustrationen des Veda

Maharishi Mahesh Yogi hat die Puranas einmal als "Illustrationen des Veda" bezeichnet, sozusagen als Präsentation des Veda in Bilderbuch-Form. Er führte aus, dass, wenn man sich dem Veda gleichsam von außen nähert, man als Erstes den Puranas begegnet.

Für jemanden, dessen Bewusstsein noch recht stark an die Welt der Sinne gebunden ist, bieten die sinnesfreudigen, illustrativen Puranas gewiss eine ausgesprochen einsteigerfreundliche Präsentation des vedischen Wissens.

Die Naturgesetze, die kosmischen Kräfte, die im Universum wirken, werden in den Puranas als Personen dargestellt. Das haben die Puranas übrigens mit Jyotish, der vedischen Astrologie gemeinsam, denn auch Maharishi Parashara stellt in seiner Brihat Parashara Hora Shastra die Grahas, die Planeten, von Anfang an als Personen vor. Parashara beschreibt Guru, den Planeten Jupiter, so: "Guru hat einen großen Körper, hellbraun-blonde Haare und helle Augen, ist phlegmatisch (Kapha-Dosha), intelligent und in allen vedischen Wissenschaften bewandert" - BPHS 3.27. Dies entspricht sicherlich nicht den Beschreibungen der westlichen Astronomen des Planeten Jupiter; aus deren Blickwinkel ist das ein "primitiver Anthropomorphismus".

Aus vedischer Sicht ist die illustrative Präsentation der Interaktion der kosmischen Naturkräfte, die sämtliche Prozesse im Universum gestalten, als Interaktion von Personen, ein geniales pädagogisches Mittel, um hochkomplexe Zusammenhänge und Vorgänge anschaulich zu erklären. Auf die Frage "Nur Illustration oder doch Realität?" werden wir später noch zu sprechen kommen.

Wir setzen unsere Einführung in die Welt der Puranas nun mit dem Artikel über die "Devas und Asuras" fort. Es ist sinnvoll, die Artikel über die Puranas in der Reihenfolge der Links zu lesen, die auf der linken Seite aufgeführt sind.