Kurze Jyotish-Analyse: Der Beginn des 1. Weltkriegs

Der erste Weltkrieg ist zweifellos eines der bedeutendsten Ereignisse der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert. Er steht in direktem Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg. Beide zusammen führten zu einer völlig neuen weltpolitischen Ordnung. Der Grundgedanke für meine Analyse ist, dass, wenn Mundanastrologie eine effektive Disziplin der astrologischen Wissenschaft, Jyotish, sein will, dieses Ereignis astrologisch klar erkennbar sein muss. Ich werde daher versuchen, verschiedene mundanastrologische Jyotish-Methoden anzuwenden, um herauszufinden, ob diese mir diesbezüglich ein zufriedenstellendes Ergebnis liefern.

Klarstellung: das Thema "1. Weltkrieg" habe ich keineswegs deshalb gewählt, weil ich einen 3. Weltkrieg befürchte oder kommen sehe, sondern nur, weil es sich hierbei um ein dramatisches, deutlich sichtbares und gut dokumentiertes Ereignis handelt, das deshalb für eine mundanastrologische Anlayse besonders geeignet ist.

Hier erst einmal der Link zum deutschen Wikipedia-Artikel zum 1. Weltkrieg. Wer alternative Darstellungen liebt und sich vor der Etikettierung "Verschwörungstheorie" nicht fürchtet, kann sich einmal dieses und dieses (2 Teile) recht wenig beachtete Youtube-Video zu Gemüte führen. Auch Jyotish selbst ist ja für die "Muggles" bereits so etwas wie eine Verschwörungstheorie ;). Zur Frage, wer die Schuld am 1. Weltkrieg trägt, gibt es auf Youtube eine Reihe interessanter Videos mit unterschiedlichen Antworten auf diese Frage.

Krieg

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien" - dies ist die bemerkenswerte Aussage des antiken griechischen Philosophen Heraklit (ca. 550 - 460 v. Chr.) zum Thema Krieg. Natürlich kann man bei einem Philosophen vermuten, dass diese Worte sich auf die Entstehung des Universums beziehen, wo die ursprüngliche Einheit sich in duale Prinzipien wie Bewusstsein und Materie, Subjekt und Objekt oder Stille und Dynamik aufspaltet, die sich dann wie zwei feindliche Heere als polare Gegensätze gegenüberstehen. Aber Heraklit verwendete nicht den Begriff "Zweiheit" oder "Dualität", sondern das Wort "Krieg", "Polemos", das z. B. in dem modernen Wort "Polemik" auftaucht.

Zu diesem Zitat passt, dass im Jyotish das erste Tierkreiszeichen Widder (Mesha), das für den kraftvollen Beginn des Zyklus der Bewusstseinsdynamik steht, das kriegerischste aller Tierkreiszeichen ist. Mesha ist das dynamische, aktivste der drei Feuerzeichen und wird von Mangal, dem Planeten Mars, beherrscht. Mars ist der Name des römischen Kriegsgottes. Den Feuerzeichen ist als Berufszugehörigkeit (varna) der Kshatriya zugeordnet, der Krieger.

In der modernen Welt ist die Haltung zu Krieg und Gewalt uneinheitlich, oft zwiespältig oder gar heuchlerisch und verlogen. In Deutschland wird Krieg gemeinhin als ein furchtbares Übel angesehen, das nur Leid, Zerstörung und Tod mit sich bringt; das ist eine verständliche Sichtweise in einem Land, das zwei Weltkriege verloren hat und die Folgen dieser Niederlagen tragen muss. In den USA z. B. ist die Haltung zu Gewalt und Krieg sehr viel positiver, was wiederum eine verständliche Sichtweise ist in einem Land, das Kriegen seine Unabhängigkeit, seine Einheit als "Vereinigte Staaten" und damit seine Existenz verdankt und danach durch Siege in zwei Weltkriegen zur imperialen Weltmacht aufgestiegen ist. Wie Heraklit sagte: der Krieg macht "die einen zu Freien und die anderen zu Sklaven", was naturgemäß zu unterschiedlichen Bewertungen des Phänomens Krieg führt.

Die ablehnende Haltung gegenüber jeglichem Krieg ist inzwischen auch in Deutschland wieder abgebröckelt und es wird unterschieden zwischen "guten Kriegen", an denen man sich beteiligen darf, z. B. am Krieg gegen Serbien 1999 oder Einsätzen in Afghanistan, und "bösen Kriegen" wie Russlands Angriff auf die Ukraine, die zu verurteilen sind.

"Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit" - ein weiteres gängiges Sprichwort. Wahrheit verlangt eine unparteiische Sichtweise der Dinge und diese ist im Vorfeld und im Verlauf eines Krieges nicht gefragt und wird als Verrat an der eigenen Sache denunziert. Auch nach dem Krieg ist eine unparteiische Sichtweise nicht gefragt; im Nachhinein waren die Sieger die "Guten" und die Verlierer waren die "Bösen" und auch schuld am Krieg.

Sehr erleuchtend, was dieses Thema anbetrifft, sind die Bücher und Youtube-Videos des Schweizer Historikers und Friedensforschers Dr. Daniele Ganser, dessen unparteiische Sicht natürlich dazu geführt hat, dass man auch ihn als "Verschwörungstheoretiker" deklariert, aber das ist ja mittlerweile eher ein Ehrentitel als eine Diffamierung. Auch die Bücher und Videos des großartigen Journalisten Peter Scholl-Latour zu weltpolitischen Ereignissen kann ich sehr empfehlen.

Attentat von Sarajewo und erste Kriegserklärung

Hier erst einmal zwei Rashi-Charts, die den Beginn des Krieges markieren. Das erste Chart bezieht sich auf das Attentat in Sarejewo am 28.06.1914 "kurz nach 11 Uhr" (Lagna Simha), das zweite auf die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien am 28.07.1914 um 16:30 Uhr von Wien aus (Lagna Vrishika); dieses 2. Chart steht für den eigentlichen Beginn des Krieges.


Chart 1: Sarajewo-Attentat


Chart 2: Kriegserklärung

Meine Fragestellung ist: Was ist an diesen Planeten-Konstellationen so ungewöhnlich und bemerkenswert, dass man verstehen kann, dass ein Weltkrieg daraus folgt? Dass diese Fragestellung Sinn macht, ergibt sich aus der folgenden Aussage von Maharishi Parashara:

"Die Entwicklung und der Fortschritt und der Niedergang der Menschen und die Schöpfung und Zerstörung des Universums stehen sämtlich unter der Verwaltung und Autorität der Grahas." - BPHS 84.27

Suchen wir also nach Auffälligkeiten. Bei einem Kriegsausbruch schaut man natürlich immer nach der Stellung des Kriegsplaneten Mangal und auch nach der von Ketu, der als höhere Oktave des Mars angesehen wird. Gegenspieler von Mangal als Kriegsplanet sind prinzipiell Shukra (Frieden, Diplomatie) und vor allem Budha (Gespräche).

Auf den ersten Blick sehen die beiden Charts nicht besonders dramatisch aus. So stehen Mangal und Ketu nicht etwa im Fall, sondern in ihren Tierkreiszeichen sogar ausgesprochen gut im Zeichen des besten Freundes Surya. Sie sind somit keineswegs "außer Kontrolle". Sie stehen auch nicht in den Problemhäusern 8 oder 12. Der Mangel an unmittelbar ins Auge springenden "Katastrophen-Konstellationen" kann im ersten Moment enttäuschend sein.

Der berühmte indische Jyotishi B. V. Raman sagt im Vorwort zu seinem Werk "How to Judge A Horoscope" ("Wie man ein Horoskop bewertet"): "Manchmal ist es so, dass viele der Grundsätze der Astrologie, die sogar in Standardwerken angeführt werden, nicht gut zu funktionieren scheinen. Unter solchen Umständen sollte nicht der Schluss gezogen werden, dass die Prinzipien der Astrologie in sich widersprüchlich sind. Vielmehr sollte eine tiefere Analyse der Beziehungen und Wechselbeziehungen der Planeten vorgenommen werden".

In der Zeit der Eskalation stehen Mangal und Ketu zusammen im Zeichen Löwe. Löwe ist als Feuerzeichen ein Kshatriya-, ein Krieger-Rashi; von Mangal und Ketu besetzt sind hier schwer durchschaubare Machtkämpfe angezeigt - Löwe = Macht, Mangal = Kampf, Ketu = schwer durchschaubar. Die Mangal-Ketu-Konjunktion in Löwe steht für eine radikale und explosive Transformation der Machtverhältnisse. Surya beherrscht das Zeichen Löwe und steht in der Mundanastrologie u. a. für nationalstaatlichen Egoismus.

Im ersten Chart ist Chandra im 1. Haus zwischen den Übeltätern Mangal und Ketu eingezwängt, im zweiten Chart ist es Shukra. Das Eingezwängtsein zwischen den "Kriegstreibern" Mangal und Ketu lädiert im Chart des Kriegausbruchs im 10. Haus Shukras Stellung und verhindert ihren friedenserhaltenden Einfluss. Von Surya beherrscht und von Mangal und Ketu eingezwängt wird Shukra zum Instrument aggressiver nationaler Egoismen.

Konzentrieren wir uns auf Chart 2, das Rashi-Chart des eigentlichen Kriegsausbruchs. Hier ist Mangal der Aszendentenherr, außerdem der Atmakaraka (AK) und zudem auch der Tagesherr (Dienstag). Der Mond im Nakshatra Chitra, das ein Mangal-Nakshatra ist, aktiviert den Mangal (Vimshottari-Dasha-System). Auch Guru und Shani befinden sich jeweils in Mars-Nakshatras (Dhanishta und Mrigashira) - damit sind alle drei Mangal-Nakshatras besetzt. Mangal ist als Herr des 1. Hauses (Kendra und Trikona zugleich) im 10. Haus (Kendra) ein Rajayoga-Planet; zusammen mit seiner Atmakaraka-Eigenschaft macht ihn das quasi unbesiegbar, was die Durchsetzung seiner Absichten (Krieg) anbetrifft. Verstärkt wird das noch durch seine mächtige Stellung in Haus 10, dem Haus der Weltöffentlichkeit, dem einflussreichsten aller 12 Häuser. In der Summierung sind alle diese Verstärkungen des Einflusses von Mangal in der Tat außergewöhnlich und äußerst bemerkenswert! Unter diesen Umständen entfaltet die Konjunktion von Mangal mit Ketu, der Mangals eigene "höhere Oktave" verkörpert und der in der Mundanastrologie für Krieg, Tod auf dem Schlachtfeld, unerwartete Ereignisse und Unruhe steht, eine ausgesprochen explosive Wirkung; das kann man in der Tat als eine Weltkriegs-Konstellation ansehen.

Auffällig ist auch die denkbar ungünstige Stellung des rückläufigen Guru in Steinbock, seinem Zeichen des Falls, die in Bhava 3 fällt, das von Karaka Mangal organisierte Haus der Konkurrenz, der Unruhe und des starken Antriebs zum Handeln. Nahe an seinem Grad des Falls steht Guru hier für blinde Unwissenheit und die völlige Unfähigkeit, die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Durch seine schlechte Zeichenstellung wird Guru zum Zerrbild seiner selbst und treibt an zu blinder Unwissenheit, Unwahrheit, Lüge, Prinzipienlosigkeit und unethischem Verhalten. "Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit" und im Umkehrschluss ist der Verlust der Wahrheit dem Krieg förderlich. Dazu passt, dass Guru in diesem Chart der Amatya-Karaka (AmK) ist, der Minister und wichtigste Unterstützer des Königs, des Atmakaraka (AK) Mangal.

Insbesondere Chart 2 ist sehr viel brisanter, als mir auf den ersten Blick bewusst war. Vom Zeichen her steht nur ein einziger Graha wirklich schlecht (Guru im Fall), aber alle potentiellen natürlichen Wohltäter sind ausgeschaltet: Guru im Fall in sein Gegenteil verwandelt, Shukra zwischen Übeltätern eingezwängt, der im eigenen Zeichen starke Budha wird durch seine Stellung im 8. Haus und die Konjunktion mit Shani blockiert und selbst zum Übeltäter. Chandra kann hier infolge der schmalen Mondsichel nicht als Wohltäter gelten. Weder Weitsicht und Moral (Guru), noch Friedensbemühungen (Shukra), noch Gespräche (Budha) kommen zum tragen. Dadurch kann die Brisanz der Mangal-Ketu-Konjunktion sich weitgehend ungehindert entfalten.

Konjunktionen von Mangal und Ketu gibt es prinzipiell ca. alle 2 Jahre einmal, ohne dass es deshalb zu einem Weltkrieg kommt. Dass die Konjunktion in einem Feuerzeichen stattfindet, ist schon seltener. Guru ist alle 12 Jahre ca. ein Jahr lang im Fall, ohne dass es deshalb zu einem Weltkrieg kommt. Es ist die beschriebene Summierung vieler Faktoren, die das Chart der Kriegserklärung so brisant macht.

Suche nach weiteren astrologischen Erklärungen: Finsternisse

Im Jahr 2014 gab es zwei Mond- und 2 Sonnenfinsternisse, zwei vor und zwei nach der Kriegserklärung - siehe externer Link.

Die partielle Mondfinsternis vor der Kriegserklärung hatte ihren Höhepunkt (maximale Verfinsterung) am 12.03.1914 um ca. 5:13 Uhr und war in Europa, weiten Teilen von Asien, sowie in Afrika und in Nord- und Südamerika sichtbar. Chandra stand zu dieser Zeit in 28 Grad und Ketu in 22 Grad Löwe. Damit stand Ketu gradgenau in der Position, in der sich später die lädierte Shukra im Chart der Kriegserklärung befand und der verfinsterte Chandra weniger als 2 Grad von der Position entfernt, in der sich Mangal später im Chart der Kriegserklärung befand. Es ist ein interessanter Gedanke, dass der Mondknoten und der verfinsterte Graha (hier Ketu und Chandra), welche die Finsternis konstituieren, diese Positionen im Tierkreis gleichsam eine Zeit lang "negativ imprägnieren", was Grahas negativ beeinflusst, die sich später in dieser Position befinden. Auch im Moment der ringförmigen Sonnenfinsternis vom 25. Februar 1914 befand sich Ketu bereit in 22 Grad Löwe, der späteren Shukra-Stellung im Chart der Kriegserklärung. Das steht für das Scheitern bzw. die listenreiche, verborgene Unterminierung (Ketu) aller Friedensbemühungen (Shukra).