Interpretation des Jyotish-Charts von Hermann Hesse

Teil 3: Lebensphasen

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Rashi-Chart Hermann Hesse * 02.07.1877 18:55 h MEZ Calw (8E45 48N43), nordindische Chartform - Mauszeiger zeigt südindisches Chart

Bislang haben wir das Rashi-Chart untersucht. Aus diesem ist zu ersehen, welche Planetenkräfte welche Erfahrungen in den verschiedenen Bereichen des Lebens (Häuser) hervorbringen. Wenn man auf das gesamte Leben eines Menschen zurückblickt, wird man feststellen, dass sich im wesentlichen das verwirklicht hat, was im Rashi-Chart angezeigt wird.

Aber es sind nicht alle Planeten im Horoskop zu allen Zeiten im Leben in gleicher Stärke aktiv. Bestimmte Planeten werden zu bestimmten Zeiten aktiviert und manifestieren in dieser Zeit all die Erfahrungen, die von ihrer Stellung im Rashi-Chart angezeigt werden. Das Vimshottari-Dasha-System gibt Auskunft darüber, zu welchen Zeiten welche Planeten im Leben aktiv sind - siehe Menüpunkt Phasen auf meiner Seite.

Am Ende des Jyotish-Datenblattes zum Horoskop von Hermann Hesse sind die Hauptphasen, Unterphasen und Unter-Unter-Phasen der Planeten für bestimmte Lebensabschnitte aufgelistet. Um es nicht zu kompliziert zu machen, wollen wir aber nur die Hauptphasen + Unterphasen untersuchen. Diese sind hier, zusammen mit einer kurzen Einleitung, aufgeführt. Nur in besonderen Fällen werden wir auch den Pratyantardasha-Graha mit hinzuziehen.

Ich werde die Jyotish-Phasen mit Beschreibungen von Lebensereignissen zusammenzubringen, die ich dem Buch von Ralf Freedmann "Hermann Hesse: Autor der Krisis. Eine Biografie" entnehme - eine sehr einfühlsame, ungewöhnlich detaillierte und in Bezug auf die Lebensdaten akkurate Biografie. "(RF 24)" bedeutet als Quellenangabe dann z.B., dass die Textstelle von Seite 24 des Ralph Freedman-Buches stammt.

Auch bei dieser Untersuchung der zeitlichen Auslösung der Planeten geht es darum, Jyotish-Interpretation zu lernen. Es geht also nicht primär darum, nachzuweisen, wie gut Jyotish funktioniert, eine Beratung zu geben usw. Das Chart von Hermann Hesse ist bekannt und ebenso (zumindest weitgehend) sein Leben. Das ist natürlich eine andere Situation, als wenn man z.B. das Chart eines Kindes vor sich hat und in der Vorschau auf sein Leben die Dashas usw. betrachtet, um Rückschlüsse auf seine künftige Entwicklung zu ziehen.

Beginn einer Mahadasha - Gesamtbetrachtung

Mit Beginn einer Mahadasha tritt ein Planet über einen Zeitraum seine Herschaft an. Seine Zeit ist gekommen. Er betritt die Bühne, die Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet. In dieser Zeit wird er all das entfalten, was von seiner Stellung im Horoskop angezeigt ist.

Das Haus, in dem der Mahadasha-Planet sich befindet, wird in dieser Phase sehr bedeutsam werden, ebenso die Häuser, von denen er der Herr oder der Karaka ist oder die er voll aspektiert.

In diesem Lebensabschnitt wird er diejenigen Planeten fördern, denen er freundlich gesonnen ist; die Häuser, die sie beherrschen, werden gedeihen. Er wird andererseits die Planeten, denen er feindlich gesonnen ist, bekämpfen und die von ihnen beherrschten Lebensthemen (Häuser) werden in dieser Zeit zu leiden haben. Ihr Gedeihen bzw. Leiden wird ihrer Unter-Phase (Antardasha) in der Hauptphase des Mahadasha-Planeten zu beobachten sein.

Shani-Mahadasha 02.07.1877 - 10.08.1892

Alter 0-15 Jahre

Die bei Geburt von Hermann Hesse aktivierte Mahadasha ist die von Shani/Saturn. Die Shani-Mahadasha dauert 19 Jahre, von denen bei Geburt noch 15 Jahre übrig sind, weil der Mond ziemlich am Anfang des Shani-Mondhauses Uttara-Bhadra steht.

Alles, was wir zuvor über die Stellung von Shani im Horoskop gesagt haben, wird sich in diesem Zeitraum verwirklichen.

Shani befindet sich im 4. Haus in seinem eigenen Zeichen Wassermann (Kumbha). Shani aspektiert den Aszendenten Skorpion in voller Stärke, steht mit dem Aszendentenherrscher Mangal zusammen; der Karaka des 1. Hauses, Surya, steht im Haus des Saturn (Haus 8). Deswegen - und weil wir festgestellt hatten, dass das 4. Haus das für Hermann Hesse bedeutendste persönliche Haus im Horoskop ist - ist von Anfang an über Shani bereits das zentrale Lebensthema berührt.

Was bewirkt Shani generell in der Phase seiner Oberherrschaft im Leben?

Strenge, Disziplin, Ruhe und Sicherheit dominieren (Natur von Shani, unverfälscht ausgedrückt durch seine Stellung in Wassermann)

Diese Eigenschaften manifestieren sich im eigenen Inneren, über den Einfluss der Mutter und über die Athmosphäre im Elternhaus (Shani in 4)

Wilde, destruktive und potentiell aggressive persönliche Emotionen werden beruhigt/unterdrückt (Shani als Übeltäter für Lagna mit Aspekt auf Lagna und Shani, der Lagnadhipati Mangal in 4 beherrscht und ihm feindlich gesonnen ist)

Selbstbewusstsein in der Krise, Gesundheit unter Druck (Shanis Karaka-Einfluss in Haus 8 auf die Sonne).

Immunsystem geschwächt (Voller Aspekt von Shani auf das 6. Haus, von dem Mangal Herr und Karaka ist; Mangal unterdrückt von Shani)

Der Geborene tritt als Person öffentlich nicht in Erscheinung (Voller Aspekt von Shani auf Haus 10, Shanis Karaka-Einfluss auf Herr und Karaka von 10 in Haus 8)

Antriebslosigkeit (Shani als Herr des 3. Hauses unterdrückt Mangal, den Karaka des 3. Hauses)

Die sanfte und träumerische Gefühlswelt, die Intuition usw. werden auf ruhige und behütende Weise durchaus gefördert (Shani Freund des Mondes, der Karaka von Haus 4 ist)

Die Unterdrückung und Disziplinierung von persönlichen Handlungsimpulsen im Namen des "Du-sollst-nicht"-Prinzips Saturn ist das Hauptthema dieser Phase. In der Kindheit herrscht ein Planet, der Feind des Aszendenten und des Aszendentenherrschers ist und ebenso (extremer) Feind von Surya, dem Karaka des Aszendenten. Allerdings ist Shani ein Freund von Chandra, des Karaka des 4. Hauses, und wird von Chandra neutral behandelt - die Ebene der Gefühle und des bewussten Denkens wird durch Shani mehr beruhigt, behütet und beschützt, als unterdrückt. Es sind der Körper, das Selbstbewusstsein und die ureigene persönliche Art, sich in Aktivität auszudrücken, die in dieser Phase zu leiden haben und einer Fremdherrschaft unterworfen sind.

Andererseits: persönliche Impulse und Bestrebungen, die fähig sind, sich in dieser Zeit der Hemmung und des Widerstandes auszudrücken oder gar durchzusetzen, weisen damit nach, dass sie sehr stark sind!

"'Da ging ich frierend unter den Trümmern meiner Jugendwelt, über zerbrochene Gedanken und gliederzuckende, verzerrte Träume, und was ich anschaute, fiel in Staub und hörte auf zu leben ... Alles wich von mir weg, ich war bald von einer ungeheuren Leere und Windstille umgeben. Ich hatte nichts Nahes mehr, keine Lieblinge, keine Nachbarschaft ...'

Diese scharf umrissene Schilderung von Isolation und Schuldgefühl, niedergeschrieben, als Hermann Hesse zwanzig Jahre alt war, gibt seine trostlose innere Landschaft als Kind und Jugendlicher wieder ... Auf ihren Seiten entfaltet sich ein Gefühl der Wertlosigkeit, der Erniedrigung, der düsteren Bewusstheit über die Vergänglichkeit des Lebens." (RF 24)

Alle diese Formulierungen wie 'frierend", 'hörte auf zu leben', 'alles wich von mir weg', 'trostlose innere Landschaft' usw. und vor allem 'von einer ungeheueren Leere und Windstille umgeben' sind verblüffend direkte Beschreibungen von "Saturn in Wassermann im 4. Haus" (fixes Luftzeichen - Windstille)! - allerdings werden die Eigenschaften von Shani und seinem Zeichen Wassermann hier aus der negativen Perspektive des leidenden Shani-Feindes und Aszendentenherrn Mangal beschrieben.

Die Übereinstimmung von Jyotish-Dasha und biografischer Beschreibung könnte kaum perfekter sein.

Eine schön ausgearbeitete "Übersicht über die Kindheits- und Jugendjahre von Hermann Hesse" habe ich übrigens hier im Internet gefunden.

Das 4. Haus beschreibt auch die Mutter und ihre Persönlichkeit. Hesses Mutter Marie schreibt in ihrer Autobiografie:

"Ein heiteres, rotwangiges Kind, das durch sein Lachen und Lallen im Nu die Herzen gewinnt, war ich nicht, sondern ein nervenschwaches, leicht gereiztes, düsteres bleiches Ding mit glühenden dunklen Augen ... Ein glückliches Kind war ich nicht. Schon in zartester Jugend war ich oft von namenloser Furcht gepeinigt, wachte nachts laut schreiend von gräßlichem Traume auf und lauschte dann mit stillem Beben dem Geheul der Schakale." (RF 24 f.)

"Die Tagebücher des jungen Mädchens zeigen, wie heftig sie mit sich zu kämpfen hatte, hin- und hergerissen zwischen der strengen Erziehung zum Ideal des Dienens und ihrer eigenen höchst emotionalen Natur." (RF 30)

Diese Aussagen sind besonders deswegen interessant, weil durch die Stellung von Hermann Hesses Geburtsherrscher Mars im 4. Haus und das 4. Haus als bedeutendstem persönlichem Faktor im Horoskop ein hohes Maß an Identifikation mit der Mutter angezeigt ist.

Freedman schildert ein einschneidendes Erlebnis aus der Jugend der Mutter - sie musste unter dem Druck ihres Vaters auf die Beziehung zu einem geliebten Mann verzichten, der um ihre Hand angehalten hatte - und fragt:

"Beginnen alle Qualen, die Hermann Hesse später durchleiden mußte, bereits hier? Denn natürlich sind in den Konflikten der Mutter die zukünftigen ihres Sohnes umrißhaft angelegt. Marie allerdings begegnete der Strenge ihres Vaters noch mit Unterwürfigkeit und verbarg ihre insgeheim rebellischen Instinkte, um sie endlich ganz zu unterdrücken." (RF 32)

Sie beschloss nach einem Bekehrungserlebnis schließlich, ihr Leben ganz Gott und dem Dienst an ihren Eltern zu widmen und persönliche Belange zurückzustellen. Nachdem dem Tod ihres ersten Ehemannes heiratete sie später Johannes Hesse, Hermann Hesses Vater. Über Johannes Hesse heißt es:

"Doch wurde Johannes, sobald er in die Pubertät kam, zu schwierig, um zuhause zu bleiben und dort erzogen werden zu können. Der Junge, wie später der Erwachsene, litt unter derart vielen Ängsten, und, damit zusammenhängend, unter Trotzigkeit, Schwermütigkeit und manchmal sogar Zornesausbrüchen, daß man kaum mit ihm zusammen leben konnte. Daher schickte ihn der Vater auf ein konfessionelles Gymnasium in der baltischen Hauptstadt Reval ..." (RF 36)

Im Alter von knapp 18 Jahren schrieb Johannes Hesse in seiner Bewerbung für die Basler Missionsgesellschaft:

"Mein Sehnen ging nach einer korperativen Gemeinschaft, in welcher mein Ich verschwinden würde - denn es war mir längst zu stark geworden. Ich sehnte mich nach einer Erziehung, die mich wieder mit mir selbst und dem Leben ins rechte Verhältnis setzen könnte." (RF 37)

Man kann übrigens ein Tierkreiszeichen noch akzentuierter verstehen, wenn man mit einbezieht, dass es die Eigenschaften des gegenüberliegenden Tierzeichens nicht besitzt bzw. sie ausdrücklich negiert. Die Bewusstseinsqualität des Zeichens Wassermann, die für Hermann Hesses Eltern so bestimmend ist, wird also selbst definiert durch die fünf Hauptqualitäten "Rückzug, Stille, Zurückhaltung, Zeuge sein, Transzendenz" und zugleich auch dadurch, dass es damit die Qualitäten des gegenüberliegenden Zeichens Löwe verneint, welche "Selbstbewusstsein, Macht, Souveränität, Herrschaftsanspruch, Geltungsdrang" sind.

So wurde er Missionar. Er war vier Jahre lang in Indien als evangelischer Missionar tätig, musste dann aber nach Europa zurückkehren, weil er Probleme mit dem Klima in Indien hatte. Nach der Rückkehr heiratete er 1874 Hermann Hesses spätere Mutter Maria.

"Hermannn Hesse, das zweite Kind aus dieser zweiten Ehe, wurde in diese beiden ungewöhnlich vorbelasteten Lebensgeschichten seiner Eltern hineingeboren. Viele Jahre war die Mutter im Kampf mit sich gewesen, und am Ende hatte immer der Selbstverzicht gestanden ... Zwar lachte, sang und musizierte sie viel, blieb aber im Grunde allein dem harten Weg ihrer 'Bekehrung' treu ...

Sie selbst, eine Gefangene in der Routine streng religiösen Kleinstadtlebens, brachte neben der ohnehin endlosen Arbeit ein Kind nach dem anderen zur Welt ... Neun Schwangerschaften ... und mühsame Plackerei für ihren Vater ebenso wie für den Ehemann unterzogen ihre schmerzlich erreichte Selbstpreisgabe einer überaus harten Prüfung. Aber Marie fand sich ergeben in ihre innere Bedrängnis und schließlich auch körperliche Krankheit, an der sie 1902 [im Alter von 60 Jahren], vorzeitig gealtert, nach langen Qualen starb.

Beide Eltern also sehen wir stark belastet ... Was sie aber zu leiden hatten, bekamen ihre Kinder genau zu spüren. Besonders Hermann fühlte in seiner Kindheit eine ständige Überforderung, die sich mit seiner ansonsten zärtlichen Erinnerung an die familiäre Geborgenheit und Wärme vermischte und ihr eine deutlich kritische Färbung verlieh ... die lichte, helle Welt der Zuneigung, freilich gedämpft durch die starre Moral, an der das Kind schon bald die ihm gesteckten Grenzen erfuhr.

Beide Welten existierten Seite an Seite, und ihre Auswirkungen auf Hesses Leben bis zum Alter von etwa 16 Jahren, konnten nicht unbedeutend gewesen sein. Es scheint, als habe er beständig hin und her geschwankt zwischen der einen Heimat, in der es Zufriedenheit, Anerkennung und Wärme gab, und der anderen, von Unruhe und Angst zerrissenen, die ihn, wann immer er in Not war, nur auf sich selbst zurückverwies." (RF 39 f.)

Diese Beschreibung deckt sich sehr genau mit unserer Darstellung der Situation im 4. Haus von Hermann Hesses Horoskop und damit, was wir dort über das Zusammenwirken von Chandra, Shani und Mangal ausgeführt hatten. Härte, starre Moral usw. = Shani, Wärme und Geborgenheit = Chandra, beides erlebt aus der Perspektive von Mangal (Hermann Hesse selbst). Die Struktur der Aufteilung in "zwei Welten" ist übrigens typisch für das desintegrierende Wirken von Rahu, der sich ebenfalls im 4. Haus befindet.

Betrachten wir nun die Shani-Mahadasha in ihren Unterphasen. Ich werde aber nur dann zu einer Unterphase etwas sagen, wenn biografisch bedeutsame Ereignisse und Entwicklungen in ihren Zeitraum fallen.

02.07.1877 - 23.04.1879 SHANI-Buddha

Bei Geburt ist die SHANI-Shani-Phase bereits vorbei. Saturn herrscht und Merkur ist beauftragt, seine Anweisungen umzusetzen. Diese Zeit bis zum Alter von nicht einmal 2 Jahren ist naturgemäß biografisch nicht sehr ergiebig. Der Körper eines so kleinen Kindes ist noch nicht genug entwickelt, um seine individuellen Bestrebungen angemessen auszudrücken. Es ist stark auf die Umgebung angewiesen und noch eher passiv als aktiv und nimmt die Athmosphäre seiner unmittelbaren Umgebung in sich auf (Prägung).

Shani ist Buddha feindlich gesonnen, Buddha nimmt umgekehrt eine neutrale Haltung gegenüber Shani ein. Shani wird Buddha somit schlecht behandeln, wenig Rücksicht auf dessen Interessen nehmen und Buddha wird dagegen nicht groß rebellieren. Die von Buddha beherrschten Häuser 8 und 11 haben in dieser Zeit prinzipiell zu leiden. Das 11. Haus ist davon weniger betroffen, da Shanis Einfluss dort nicht groß ist. Das 8. Haus ist in dieser Phase sehr wichtig, da sich hier Shani als Karaka und Buddha als Herr und Bewohner unmittelbar begegnen. Buddha steht allerdings stark im eigenen Zeichen und wird sich im 8. Haus von Shani nicht sehr stark frustrieren und unterdrücken lassen. Überleben (8. Haus) und Förderung (11.Haus) funktionieren.

Shani und Buddha sind beides Grahas, die für das stehen, was der Geborene eher nicht ist (Feinde des Aszendenten). Die muntere, verspielte Seite des Intellekts (Buddha) von Shani im 8. Haus unter Druck gesetzt, eventuell Still-sein-Müssen, Ernst-sein-Müssen, Nervensystem (Buddha) unter Druck (8. Haus), aber durchaus fähig, damit umzugehen.

"Dieser Weg wird kein leichter sein", so könnte man die dem kleinen Kind in dieser ersten Phase vermittelte Botschaft seiner Umgebung zusammenfassen.

23.04.1879 - 01.06.1880 SHANI-Ketu

01.06.1880 - 02.08.1883 SHANI-Shukra

Umzug der Familie von Calw nach Basel im Jahre 1881 in ein größeres Haus, in der Umgebung von anderen Missionarsfamilien.

02.08.1883 - 13.07.1884 SHANI-Surya

Shani und Surya wirken unmittelbar zusammen bzw. in diesem Horoskop radikal gegeneinander im 1. Haus (Shani Aspekt, Surya Karaka), im 8. Haus (Shani Karaka, Surya Bewohner) und im 10. Haus (Shani Aspekt, Surya Herr). In diesen drei Lebensbereichen hat Surya zu leiden und erfährt Shani schmerzlichen Widerstand gegen seine Autorität als Mahadasha-Herrscher; Gesundheit und Selbstbewusstsein (1), öffentliche Geltung und Ruf (10) sowie das Überleben (des Körpers und des gesunden Selbstvertrauens, 8) sind die Konfliktfelder. Eine extrem schwierige Phase.

Ab Januar 1884 Missionsschule.

Mitte November 1883 schreibt der Vater, "er besinne sich ernstlich, ob sie Hermann nicht in eine Anstalt oder ein fremdes Haus geben sollten, 'so demütigend es für uns wäre ... Wir sind zu nervös, zu schwach für ihn und das ganze Hauswesen nicht genug diszipliniert und regelmäßig.'" (RF 43 f.)

Der Biograf hält fest: "Von heftigem Temperament, hatte Hermann oft Wutausbrüche und schien unbelehrbar. So jung er auch war, er mußte ständig in der Furcht leben, irgend eine Sünde begangen zu haben." (RF 42 f.)

Hermann Hesse führt in seinen Jugenderinnerungen an, die Ursache für seine "Verbannung" hätte gelegen in "... allen möglichen Überschreitungen, für die der Vater ihn strafte und er die Mutter um Verzeihung zu bitten hatte: gestohlene Feigen, ein zerstörter Schmetterling, Lügen und Wutausbrüche ... im Januar 1884 wurde der widerspenstige Erstkläßler ins Knabenhaus der Missionsschule geschickt." (RF 43 f.) Diese war nicht weit weg von zuhause und auch Hermann Hesses Brüder waren dort zeitweilig untergebracht; dennoch fühlte sich Hermann ""von zuhause abgeschoben".

Surya und Shani sind extrem verfeindet, d.h. sie bekämpfen sich kompromisslos: Selbstbestimmung (Surya) gegen fremdbestimmten Zwang (Shani). Die relativ harmlos klingenden "Verfehlungen", von denen oben die Rede war, sind also die Symptome eines durchaus dramatischen Widerstreites von Kräften von beachtlicher Intensität - was die Reaktion der Eltern verständlicher macht, zumal beide in ihrem eigenen Leben im Verlauf von schweren inneren Kämpfen dem Eigensinn (Surya) abgeschworen und sich einer religiös-motivierten Disziplinierung (Shani) unterworfen hatten.

Übrigens passen sogar die genannten Verfehlungen zu Surya im Merkur- und beweglichen Luft-Zeichen Zwillinge: der Schmetterling (munteres Luftwesen), der Diebstahl (das 8. Haus ist das 2. Haus (Besitz) vom 7. Haus (die anderen) aus betrachtet und somit der Besitz der anderen) und auch die Lügen (Surya-Buddha in 8.). Die Wutausbrüche sind die Reaktion des feurigen Surya-Prinzips auf die von Erzfeind Shani organisierte Situation im 8. Haus. Bei Surya im 8. Haus ist das Opfer des Ich gefordert; das Ich (Surya) weigert sich, aber in dieser Phase SHANI-Surya ist Shani der Chef und Surya kann sich wehren, aber nicht durchsetzen. So schrieb die Mutter in ihrem Tagebuch im Herbst 1884:

"'Vom 21. Januar bis 5. Juni war er ganz im Knabenhaus und brachte bloß die Sonntage bei uns zu. Er hielt sich dort brav, aber bleich und mager und gedrückt kam er heim. Die Nachwirkung war entschieden eine gute und heilsame. Er ist jetzt viel leichter zu behandeln ...'

Jedoch kamen bald die alten Probleme von neuem auf: Tränen, Wutausbrüche, störrische Verschlossenheit ..." (RF 44 f.)

13.07.1884 - 12.02.1886 SHANI-Chandra

Shani ist Freund von Chandra und Chandra tritt Shani neutral gegenüber. Ihre direkte Begegnung vollzieht sich ausschließlich im 4. Haus (Shani Herr und Bewohner, Chandra Karaka).

Im Herbst 1884 erfährt Hermann Hesse Ermutigung und Inspiration: sein älterer Halbbruder Theodor setzte sich - über einen Kompromiss mit den Eltern - mit dem Wunsch durch, die von den Eltern zugewiesene Ausbildung zum Apotheker abzubrechen und eine Laufbahn als Musiker zu beschreiten. Es ist also durchaus möglich, seinen eigenen Weg zu gehen ...

"Sein Beharren auf der Berufung zum Künstler aber beeindruckte den damals sechsjährigen Hermann nachhaltig. Kunst, das war für ihn nun verbunden mit Rebellion, mit dem Bedürfnis, zu leben, was man im Inneren fühlt, egal, welche Folgen sich daraus ergaben. Im Jahre 1884 noch begann er zu schreiben." (RF 45 f.) Und Hermann begann in dieser Zeit auch, regelmäßig Geigenunterricht zu nehmen.

Dass Hermann in dieser Phase bereits im Alter von sieben Jahren in Eigeninitiative "schriftstellerisch" zu wirken begann - auch wenn der Großvater von dem Ergebnis nicht sehr beeindruckt war - ist schon sehr bemerkenswert.

Wir hatten bereits erwähnt, dass Chandra eine sehr positive Rolle in Hermann Hesses Horoskop spielt und für Intuition, Inspiration, Kreativität usw. steht. Zudem ist Chandra bester Freund von Surya und neutral zu Shani, so dass er als Vermittler zumindest die Folgen des vorherigen Shani-Surya-Konfliktes mildern kann.

SHANI-Chandra muss eine erheblich positivere Phase gewesen sein als SHANI-Surya.

12.02.1886 - 24.03.1887 SHANI-Mangal

Shani ist Feind von Mangal und Mangal umgekehrt ein Todfeind von Shani. Ihre Konflikt manifestiert sich im 1. Haus (Shani-Aspekt, Mangal Herr), im 3. Haus (Shani Herr, Mangal Karaka), im 4. Haus (Shani Herr und Bewohner, Mangal Bewohner), im 6. Haus (Shani Aspekt, Mangal Herr und Karaka) und im 10. Haus (Shani und Mangal Aspekt). Wieder eine schwierige Phase.

Umzug der Familie von Basel nach Calw.

"Im Februar 1886 entschied das Missionskomitee, Johannes Hesse nach Calw zurückzuversetzen, damit er im dortigen Verlagshaus allmählich die ganze Verantwortung über das Sekretariat übernehmen könne." (RF 47 f.)

Der Abschied von der lebendigeren und offeneren Umgebung in Basel und die Rückkehr in das engere, strengere und eintönigere kleinstädtische Leben in Calw fiel Hermann Hesses Mutter Marie schwer, aber, wie so oft, entscheidet sie "Wir lassen uns führen und sind still" (RF 48) und entschließt sich, das Unglücklichsein als Chance für die innere Entwicklung ihrer Seele zu interpretieren.

Auch schreibt sie in ihr Tagebuch: "Wie tief fühle ich erst jetzt, was ich an Johannes habe, was wir einander sind, wie wir einander verstehen, wie wir eins sind." (RF 48) In diesen Worten drückt sich ihre Mentalität der lebendigen, gefühlsbetonten, auch religiös motivierten Hingabe aus, die in Hermann Hesses Horoskop durch die Stellung des Mondes in Fische im 5. Haus als Herr des 9. Hauses zu erkennen ist - der Mond als Karaka des 4. Hauses ist auch die Mutter.

"Doch dann begannen wieder, und öfter als vorher, schlimme Zeiten mit Hermann, so daß sich erneut die Frage stellte, was man nur mit dem Kind tun sollte." (RF 48)

Dass in der Unterphase des Mangal, der im 4. Haus Hermann selbst und seine Rebellion gegen - aus seiner Sicht - unterdrückende geistige Zwangsvorstellungen (Shani und Rahu in 4) verkörpert, die Probleme mit ihm wieder zunehmen, liegt auf der Hand.

Der Biograf Ralf Freedmann hebt hervor, dass die Tagebuchaufzeichnungen der Mutter in vielerlei Hinsicht Übereinstimmungen mit der literarischen Eigenart aufweisen, die das spätere Werk von Hermann Hesse prägen sollte. Die Sprachgewandtheit der Mutter, ihre Gedichte, ihre Hingabe für die Musik " ... und vor allem die eigenartig starke Betonung des Moralischen. Genau wie Hermann Hesse hatte seine Mutter ein großes Bedürfnis nach Freiheit - ein Bedürfnis, das sie allerdings mit sechzehn Jahren schmerzlich unterdrückt hatte - und eine ebenso echte, fast überschwengliche Sehnsucht nach einer großen Aufgabe, nach einem höheren Willen, dem sie letztlich gehorchen wollte - sei es dem ihres Vaters, ihres Ehemannes oder ihres Gottes." (RF 48 f.)

Bis in die Details eine Beschreibung dessen, was wir über den Mond in Fische gesagt hatten, der von Jupiter in Schütze (hiervon das Handeln in höherem Auftrag) beherrscht, im 5. Haus als Herr des 9. Hauses steht.

"Aber die Praxis sah sehr viel nüchterner aus. Das Haus war voller Menschen und zu eng, der Mann angespannt, die Kinder quengelig. Der Neuanfang in Calw war ganz und gar nicht angenehm." (BF 49)

In der Shani-Mahadasha dominiert Shani ("nüchtern, eng, angespannt, nicht angenehm" - alles Shani-Prädikate) das 4. Haus. Als Herr des 4. Hauses ist er das bestimmende Subjekt im 4. Haus, der Karaka Chandra das Objekt, mit dem Shani etwas macht. Die Spannungen zwischen Mahadasha-Graha Shani und seinem rebellischen Antardasha-Unterherrscher Mangal überschatten zusätzlich die Positivität von Karaka Chandra im 4. Haus.

24.03.1887 - 28.01.1890 SHANI-Rahu

Shani und Rahu stehen einander neutral gegenüber. Ihre Begegnung erfolgt im 4. Haus (Shani Herr und Bewohner, Rahu ebenso Herr und Bewohner). Shani dominiert aber. Beide wirken in dieselbe Richtung. Rahu ist extremer Feind des vorherigen Antardasha-Herrschers Mangal, Shani sein Feind. Der Mangal-Aufruhr wird in dieser Zeit konsequent beruhigt.

"Die nächsten vier Jahre prägten Hermann Hesses menschliche und schriftstellerische Entwicklung." (RF 49)

28.01.1890 - 10.08.1892 SHANI-Guru

Shani und Guru sind befreundet. Sie wirken harmonisch zusammen im 6. Haus (Aspekte), im 8. Haus (Shani Karaka, Guru Aspekt) und im 10. Haus (Aspekte). Einerseits also eine ruhige, heilsame Zeit des Gedeihens und Reifens. Andererseits dominiert immer noch Shani und durch die Aktivierung des 6. und 8. Hauses sind auch Probleme und Belastungen angezeigt.

"Um 1889/90, kurz vor seinem dreizehnten Lebensjahr, stand dieser Entschluß, ein 'Dichter oder gar nichts' werden zu wollen, fest - eine Vorstellung, die für ihn mit dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Freiheit verbunden war ... In seinen kurzen autobiographischen Skizzen und Erzählungen, die er später aufzeichnete, verarbeitet er ungewöhnlich viele Episoden, die auf sein damaliges Doppelleben hinweisen: sein häufiges Tagträumen, das Planen und Ausüben verwegener Abenteuer, Stimmungswechsel zur Widerspenstigkeit und Verschlossenheit ...

"Andererseits war er schon jetzt von einer Ahnung, einem Sendungsbewußtsein durchdrungen, das durchaus an die Sehnsucht seines Vaters erinnert, als dieser sich bei der Basler Mission beworben hatte." (BF 56)

Jupiter in Schütze steht für Groß-Artigkeit, Sendungsbewusstsein und höhere Bestimmung, im 2. Haus für die Dichtkunst. All dies Tendenzen, die Guru als Manager des Präsidenten Shani in dieser Phase sicherlich nicht mit vollem Schwung frei entfalten konnte - Guru sagt "Werde ein Dichter", Shani in Wassermann schlägt vor "Werde gar nichts". Da Guru den Mond (das persönliche Bewusst-Sein) im 5. Haus beherrscht, wird die persönliche Bestimmung zum Dichter schon in der ersten Guru-Antardasha bewusst.

Aber obwohl Shani und Guru unterschiedliche Tendenzen haben, Guru mit Begeisterung in eine große Weite führend, Shani begrenzend, zurück-haltend und schützend wirkend, so sind beide doch in Hermann Hesses Horoskop Freunde, d.h. sie lassen sich gegenseitig gelten und unterstützen sich. In dieser letzten Phase der Shani-Mahadasha ist Shani noch der Boss, aber die Zeit seiner Herschaft neigt sich dem Ende zu.

"Am 1. Februar 1890 begleitete Maria Hesse den Zwölfjährigen nach Göppingen und meldete ihn auf der dortigen Schule an. Allen Anzeichen nach war die erste Phase dieser nicht daheim verbrachten Schulzeit unproblematisch ... Er vertrug sich mit seinen Zimmer- und Klassenkameraden und entwickelte eine besondere Begabung für Freundschaft, die er sich zeitlebens bewahrt hat ...

... lief der größte Teil dieses Göppinger Jahres ohne jene traumatischen Szenen ab, die Hermann zu Hause immer ausgelöst hatte. Er war ein guter Schüler. Er wollte etwas leisten." (BF 57 f.)

Im September 1891 brachte ihn seine Mutter auf das protestantische Theologenseminar in Maulbronn, "wo seine Laufbahn als künftiger Geistlicher, Theologe oder vielleicht sogar Missionar beginnen sollte." (BF 58)

Die erste Zeit in diesem düsteren, alten, strengen und dennoch architektonisch ansprechenden Gebäudekomplex inmitten einer schönen Landschaft verlief positiv. Hermann war beliebt, wurde sogar zum Sprecher seiner Stube gewählt und schloss Freundschaften, die zum Teil lebenslang hielten. Ab Februar 1892 "waren seine Briefe heiter gesprächig und voll fröhlicher Neuigkeiten.

Trotzdem sollte der Vierzehnjährige nur wenige Monate später aus der Schule weglaufen." (BF 60)

Die Flucht

Am 7. März 1892 flieht Hermann Hesse aus der Klosterschule. Dies ist so ein einschneidendes Ereignis seiner Jugendzeit mit so starker Signalwirkung, dass es sich lohnt, es eingehend zu untersuchen.

Es ereignet sich in der SHANI-Guru-Phase. Dass diese Flucht, die zugleich ein Protest gegen eine starre, jede Individualität verneinende Erziehungsmaschinerie ist (BF 60), eine Aktion von Mangal (Protest, Revolte) in Wassermann (Rückzug, Flucht) sein muss ist mir sofort klar gewesen. Die Schule in der frühen Phase des Lebens ist das 4. Haus, auch das passt dazu (Universität/spätere höhere Bildung fallen dann eher in das 5. Haus).

In der vorherigen SHANI-Rahu-Phase war Mangal von zwei Feinden weitgehend ruhig-gestellt. Aber Guru ist bester Freund von Mangal und "nur" Freund von Shani, d.h. er unterstützt den Mangal und ermutigt ihn, gegebenenfalls auch in seinem Kampf gegen Shani. Ein wichtiger Punkt: Mangal war also durch Guru gestärkt; aber das genügte mir noch nicht, um dieses Ereignis zu verstehen; deshalb schaute ich im Datenblatt nach der Unter-Unter-Phase (Pratyantardasha) - und siehe da:

30.01.1892 - 24.03.1892 SHANI-Guru-mangal, Mangal stark in 11°10' Skorpion zu Beginn seiner Pratyantardasha

Da war er, der Mangal! Die rebellische Flucht fand tatsächlich in der Pratyantardasha-Phase des Mars statt. Jetzt macht das Ganze Sinn. Shani - von Mars aus gesehen der lebensverneinende, alles innere Erleben nivellierende Unterdrücker - war die ganze Zeit schon aktiv. Mangal ist jetzt als Pratyantardasha-Herrscher aktiviert, rebelliert gegen Shani und wird von Guru unterstützt.

Anmerkung: Hier jetzt bis in die 7.- oder 12. Unterphase hineinzugehen, um dann irgendwann auf Mangal zu stoßen, wäre sicherlich keine redliche Methode gewesen. Die 3. Unterphase hinzuzuziehen, um ein spezielles Ereignis zu erklären, wird aber in vielen Fällen sinnvoll sein. Tiefer als in die Pratyantardasha-Phase zu gehen, sollte man vermeiden - für einen detaillierteren Blick empfiehlt es sich hingegen, die Transite zur Zeit des Ereignisses zu betrachten:


Hermann Hesses Chandra-Chart (links) und Transit-Chart 07.03.1892 (rechts) (Charts in Jagannatha-Hora erstellt und dann kopiert)

Die Transit-Stellungen der Planeten werden auf das Chandra-Chart bezogen, nicht auf das Rashi-Chart. Im Chandra-Chart wird als Aszendent dasjenige Zeichen eingetragen, das Chandra, der Mond, zur Zeit der Geburt einnimmt, in unserem Fall also das Zeichen Fische. Die übrigen Planeten werden dann entsprechend ihrer Zeichen-Stellung bei Geburt in die jeweiligen Häuser eingetragen - daraus ergibt sich das linke Chart.

Für den Transit-Zeitpunkt wird dann als Aszendent ebenfalls dasjenige Zeichen eingetragen, das Chandra, der Mond, zur Zeit der Geburt einnimmt; die Planeten in ihrer Stellung zu einem bestimmten Zeitpunkt nach der Geburt - in unserem Fall am 7. März 1892 mittags - werden dann wiederum in die jeweiligen Häuser eingetragen - das ergibt dann das Transit-Chart rechts.

Am interessantesten im Transit-Chart ist immer die Stellung derjenigen Planeten, welche von der Dasha, Antardasha und Pratyantardasha her aktiviert sind - das sind hier Shani, Guru und Mangal. Zusätzlich ist noch der Mond bedeutungsvoll, der anzeigt, worauf die Aufmerksamkeit in diesem Moment gerichtet ist. Schließlich kann man natürlich auch alle anderen Planeten mit einbeziehen, insbesondere, wenn sie gerade in einer engen Beziehung zu den drei aktivierten Phasen-Herrschern stehen.

Das Transitchart zur Zeit der Flucht aus Maulbronn ist nun allerdings bemerkenswert: Alle 3 Phasenherrscher und auch der Mond befinden sich in Kendras (Eckhäusern), als hätten sie sich für ein Großereignis versammelt. Guru ist im 1. Haus ("Ich bin Guru"), der rückläufige Shani gegenüber im 7. Haus ("Du bist Shani") und mit Aspekt auf das 4. Haus und den Mond dort, der Rebell Mangal im exponierten 10. Haus "Ich gehe an die Öffentlichkeit") im Zeichen seines Förderers Guru und Chandra aktiviert das 4. Haus (Elternhaus und inneres Erleben).

"Seine Ablehnung allzu strenger Lehrer, die gegen jede individuelle Regung indifferent waren, trug noch sein ganzes späteres Leben hindurch alle Kennzeichen einer persönlichen Religion, innerhalb derer solche Leute als böse Dämonen galten.

Dazu passt, dass sich der Mars im Transit-Chart im 10. Haus im Zeichen Schütze befindet - demonstrativer, öffentlicher Kampf im Auftrag von höheren Werten.

Wenn seine Mutter als verletztes und enttäuschtes junges Mädchen sich noch 'bekehren' ließ zur Annahme ihrer restriktiven Religion, so schlug ihr Sohn nun die genau entgegengesetzte Richtung ein. Sobald er sich durch (angemaßte) Autorität eingeengt sah, versuchte er, aus Angst, von ihr erdrückt zu werden, dieser Autorität zu entkommen." (BF 60)

Auf das gesamte Leben bezogen für Hermann Hesse persönlich ein befreiendes und insofern positives Ereignis, das noch lange Zeit nachwirken sollte. Auch ein Signal für das nahe Ende der Saturn-Hauptphase. Allerdings ist die von Shani geprägte Umgebung - Schule und Elternhaus - erschüttert und entsetzt. Surya und Buddha im 12. Haus (Shani-Haus) im Transit-Chart weisen auf die unmittelbare Reaktion der Umgebung hin, die bis hin zur Einweisung in eine Nervenheilanstalt ging. Nur sein Großvater Gundert bezeichnet seine folgenreiche Flucht lakonisch und humorig als "Geniereisle" (RF 63).

In der Schule wurde Hermanns Situation nach seiner Flucht immer schwieriger, da sie ihn nun mehr und mehr als geistig verwirrt und gestört einschätzten. Im Mai 1892 verließ Hermann die Schule in Maulbronn und wurde nach Bad Boll verbracht, wo er der Obhut eines puritanischen Predigers überantwortet wurde, der Hermanns Dämonen mittels Zucht, Gebet und der Wortmacht von donnernden Predigten über Höllenfeuer und ewige Verdammnis austreiben sollte. Hermann kaufte sich im juni einen Revolver und beging einen Selbstmordversuch. Der über diese Todsünde erzürnte Prediger verlangte daraufhin die sofortige Einweisung seines Zöglings in eine Irrenanstalt. Aber der zugezogene Arzt widersprach und so wurde Hermann von der Familie in die Heil- und Pflegeanstalt Stetten in Remstal verbracht, ein "Heim für geistig zurückgebliebene und epileptische Kinder." Der dort für ihn verantwortliche Pfarrer ging offenbar sensibler mit Hermann um als zuvor der Prediger; er bemerkte, Hermann komme ihm wie ein "Ei ohne Schale vor", war aber optimistisch, was die Genesung anbetrifft.(BF 64 f.) Tatsächlich erholte der Patient sich erstaunlich rasch. Auch der Kummer über eine erste, unerwiderte Liebe fällt in diese Zeit.

Buddha-Mahadasha 10.08.1892 - 11.08.1909

Alter 15-32 Jahre

Buddha (Merkur) ist der Intellektuelle im 9er-Schicksals-Team der Grahas und tritt in seiner Stellung im eigenen Zeichen Zwillinge auch unverfälscht als solcher in Erscheinung. Die deutsche Wikipedia schreibt, soziologisch betrachtet, "sind intellektuelle Menschen solche, die zu reden und zu schreiben verstehen und mit ihrer Kritik öffentlich Dinge zur Sprache bringen, die an sich außerhalb ihrer eigenen Sachkompetenzen und Verantwortungsbereiche liegen. Ihre Erfolgschance beruht auf der Legitimitationsfähigkeit durch in der jeweiligen Gesellschaft verbindlichen Grundwerte und liegt vor allem in ihrem Störpotenzial."

Ein Wechsel des Mahadasha-Herrschers leitet immer bedeutsame Veränderungen im Leben ein. Ob sich dabei über eine ausgewachsene Krise ein radikaler Umbruch vollzieht oder ein fließender, relativ harmonischer Übergang, hängt von der Beziehung zwischen dem Herrscher der neuen zu dem der vorherigen Mahadasha ab und von den gleichen oder unterschiedlichen Häusern, die von ihnen maßgeblich beeinflusst werden; diese beziehung entscheidet auch darüber, ob der neue Dasha-Herrscher auf dem aufbauen kann, was der vorherige Dasha-Herrscher manifestiert hat, oder quasi einen Neuanfang machen muss. in jedem Fall ist bei einem Mahadasha-Wechsel zunächst einmal zu untersuchen, was gleich bleibt und was sich ändert.

Wie wir bereits festgestellt hatten, steht Buddha dem Shani neutral gegenüber und Shani ist ein Feind von Buddha. Buddha wird also das, was Shani in seiner Herschaftsphase etabliert hat, nicht all zu radikal umbauen wollen, während Shani den neuen Impulsen von Buddha doch einigen Widerstand entgegen setzen wird. Buddha wird sich daran erinnern, dass er zuvor von Shani nicht gut behandelt wurde, aber auf die Dauer nicht übermäßig von Rachsucht getrieben sein; er wird die von Shani geschaffenen Strukturen teils nutzen, teils so verändern, wie es seinen eigenen Bedürfnissen und Interessen entspricht.

Buddha ist als Herr und Bewohner am stärksten mit dem 8. Haus verbunden, weiterhin mit dem 11. Haus (Herr) und dem 10. Haus (Karaka) und noch über Aspekt mit dem 2. Haus. Im 8. und 10. Haus war auch Shani involviert; die Lebensthemen dieser beiden Häuser bleiben also weiterhin wichtig, wenn sie auch nun durch Buddha- statt Shani-Dominanz geprägt sind. Shani und Buddha befinden sich beide in Luft-Zeichen, d.h. nach wie vor ist die Ebene der geistigen Aktivität aktiviert.

Besonders problematisch ist diese Dasha für Surya. Schon die Mahadasha von Shani war belastend, da Shani ein extremer Feind von Surya ist und Surya sich im Haus des Shani (8. Haus) befindet. Die nun folgende Mahadasha bringt einen Feind von Surya an die Macht, der als Herr des Zeichens Zwillinge, in dem sich Surya befindet, Herschaft über Surya ausübt - eine lange Phase der Widrigkeiten und des Leidens, was Gesundheit, Selbstbewusstsein und auch die Außenwirkung (Surya ist Herr des 10. Hauses) anbetrifft. Nicht besser ergeht es Mangal.

Allerdings geht Buddha mit seinen Feinden anders um als Shani; Shani unterdrückt und lähmt sie, Buddha erfüllt sie mit Zweifeln, verwirrt sie und verspottet sie mit unfreundlichen Namen, die er als Karaka von 10 dann öffentlich zu machen sucht. Keine gute Zeit für alles, was mit dem Aszendenten zu tun hat: die persönliche Handlungsfähigkeit ist eingeschränkt, erscheint verunsichert und verwirrt.

Daraus und aus der Betonung des 8. Hauses kann man schließen, dass auch dies kein einfacher Lebensabschnitt sein wird, sondern eher eine Zeit der Belastungen und der Prüfungen, zumal Buddha auch ein Übeltäter für den Aszendenten Skorpion ist.

"Im August holte Johannes Hesse seinen Sohn endlich nach Calw zurück - aber sogleich verdunkelte sich die Szene wieder ... Hermann weigerte sich störrisch, am Leben der Familie teilzunehmen. Er ging nicht mit spazieren, er sprach nicht viel, noch nahm er die Medizin, die ihm der Arzt verordnet hatte. Als ihn das Gymnasium in Reutlingen seiner Vorgeschichte wegen ablehnte,, verstärkten sich seine Zornesausbrüche und seine trotzige Verschlossenheit ... " Bereits Ende August wurde er wieder in die Anstalt nach Stetten verbracht ... "Die kurze Zeit zu Hause in jenem Spätsommer war die vielleicht härteste in Hesses schwerer Kindheit und Jugend, zumal er jetzt sichtlich in seinem Glauben bestärkt wurde, dass man ihn immer wieder loswerden wollte. (BF 67)

Das 8. Haus ist das Haus des Opferns, des "Loswerdens". Surya, der Karaka des 1. Hauses im 8. Haus, ist der Geborene selbst, den man Loswerden will. Shani, der das Loswerden als Karaka des 8. Hauses organisiert, steht im 4. Haus und selbst auch Herr des 4. Hauses - das Elternhaus will ihn ent-sorgen.

Andererseits ist Buddha bester Freund gegenüber Chandra, der ihn umgekehrt neutral behandelt. Die geistig-seelische Zuständlichkeit wird also in dieser Phase prinzipiell gefördert, aber nicht, insoweit sie von Guru geprägt ist, denn Buddha ist extremer Feind von Guru; kompliziert, aber typisch für Jyotish - und für das Leben; müsste dann zur Folge haben, dass Buddha die Intelligenz und intellektuelle Brillianz des Geistes (Chandra) fördert, aber Intuition, Kreativität und die Offenheit des Geistes für große Zusammenhänge (Guru-Einfluss auf Chandra) einschränkt.

10.08.1892 - 07.01.1895 BUDDHA-Buddha

In der ersten Unterphase seiner eigenen Hauptphase stellt ein Mahadasha-Planet die Weichen für die Zeit seiner Herschaft und stellt sein Programm für diese Phase vor.

Buddha findet zunächst im 8. Haus eine düstere, harte Szenerie vor, die von Shani, einem Feind von Buddha, so gestaltet wurde, dass sie die intelligente Natur von Buddha quält - und Shani hat die ganzen ersten 15 Jahre des Lebens beherrscht. Das 8. Haus, so feindselig ausgestattet, ist buchstäblich die Hölle - eine aus dem eigenen Inneren heraus, vom Elternhaus, auch vom Gemütsleben der Mutter gestaltete Hölle, denn Shani wirkt vom 4. Haus aus. Diese Hölle der vergangenen ersten Lebensphase aufzuräumen und schließlich umzugestalten - auch mit der Hilfe von Freunden und Verbündeten (Buddha ist Herr des 11. Hauses) und mit dem Bestreben, diesen Vorgang öffentlich zu machen (Buddha ist Karaka des 10. Hauses) - ist sicher eine der ersten schweren Aufgaben, denen Buddha sich zu stellen hat. Und Buddha steht im eigenen Zeichen Zwillinge im 8. Haus stark und vermag seine Intelligenz und sprachliche Kompetenz durchaus ungemindert auszudrücken. Ein Brief an die Eltern aus dieser Zeit dokumentiert dies:

"Könntet Ihr in mein Inneres blicken, in diese schwarze Höhle, in der der einzige Lichtpunkt höllisch glüht und brennt, Ihr würdet mir den Tod wünschen und gönnen ... Gern würde ich ... die ganze Irrenanstalt, Boll, Calw, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit ins Feuer werfen und selbst hineinstürzen ...

In Boll habe ich erst lachen, dann weinen gelernt, in Stetten habe ich auch etwas gelernt: Fluchen. Ja, das kann ich jetzt! Fluchen kann ich mir selbst und Stetten vor allem, dann den Verwandten, dem verhaßten Traum von Welt und Gott, Glück und Unglück. Wenn Ihr mir schreiben wollt, bitte nicht wieder Euren Christus. Er wird hier genug an die große Glocke gehängt. 'Christus und Liebe, Gott und Seligkeit' etc. etc. steht an jedem Ort, in jedem Winkel geschrieben und dazwischen - alles voll Haß und Feindschaft." (BF 67 f.)

"Fluchen" ist im übrigen ein Kernbegriff zu Buddha in 8. Insgesamt ein passender Kommentar zu einem starken Merkur in Zwillinge im 8. Haus. Schwer vorzustellen, dass ein 15-Jähriger, der seinen Leidenszustand in solch direkter, unverfälschter Wortgewalt auszudrücken vermag, nicht fähig wäre, letztlich seine Probleme zu überwinden. Andererseits: während Buddha als stark gestellter Planet sich in der belastenden Umgebung des 8. Hauses behaupten kann, steht Surya dort am Rande des Abgrunds; auch die offene und direkte Art, wie Buddha sich äußert, vergrößert die Probleme von Surya, denn Buddha ist ein Feind von Surya: die sprachliche Intelligenz Hermann Hesses verwirklicht sich, aber auf eine Weise, die ihm selbst schadet.

Am 5. Oktober 1892 begibt sich Hermann, durch Vermittlung seiner Eltern, nach Basel, um dort von einem mit der Familie befreundeten Pfarrer betreut zu werden. Pfarrer Pfisterer wurde für ihn zu einem wirklichen "Vater", der ihn verstand und seine geistige Entwicklung förderte. Er setzte sich auch dafür ein, dass Hermann schließlich am 4. November 1892 nach Canstatt umsiedeln und dort ein reguläres Gymnasium besuchen konnte.

Aber schon bald verstärken sich die Probleme wieder. Heftige Auseinandersetzungen mit beiden Eltern, "weitere Augenblicke voller Verzweiflung und Selbstmorddrohungen, aber auch, als immer dezidierteres Element, ein ausgeprägter Drang zur Unabhängigkeit." (BF 71) Der Drang nach Unabhängigkeit ist dem Merkur zuzuschreiben, der sich von Saturn allmählich befreit, Verzweiflung und Selbstmorddrohungen Surya.

In Canstatt schließt Hermann Hesse auch eine Reihe von Freundschaften - Buddha ist auch Herr des 11. Hauses, des Hauses der Freunde. Mit einigen Freunden dieser Zeit frönt er einem ausgesprochenen "liederlichen Lebenswandel" mit durchgemachten Nächten und Saufgelagen; sie tauchen später in seinen Werken als Prototyp des "Verführers" auf (BF 72).

Er vernachlässigt seine Schulausbildung und schwächt seine Gesundheit so, dass er Mitte Oktober 1893 die Schule ohne Abschluss abbrechen und wiederum nachhause zurückkehren muss. Sein Vater vermittelt ihm eine Stelle als Buchhandelslehrling, die Hermann aber nach kurzer Zeit abbricht. (BF 73)

"Das Gesicht, dass der sechzehnjährige Hermann Hesse seiner Umwelt zeigte, war das eines Ausgestoßenen aus einer Familie, in der er paradoxerweise ständig das 'Objekt' allzu besorgter Zuwendung und Teilnahme war. Ob er tatsächlich krank war - 'primär verrückt' oder 'moralisch schwach' - ist schwierig nachzuweisen ... Hesses Jugend wurde deutlich zerstört durch seine Zweifel an der Religion der Eltern, seinem Gefühl, von ihnen in seiner Eigenart abgelehnt zu werden und verloren zu sein ... So hatte es ganz den Anschein, als wollte er sein junges Leben in impulsiven Gebärden wegwerfen ... Jetzt hatte die Familie keine weiteren Pläne mehr mit dem Sohn, außer ihn zu Hause zu behalten und so gut wie möglich zu beschäftigen." (BF 73 f.)

Hermann nutzte die Muße: er beschäftigte sich nur noch mit Dingen, die ihn wirklich interessierten und pflegte seine Pläne, ein Schriftsteller zu werden.

Gleichzeitig verschärft sich der Konflikt mit dem Vater. Die Sonne (Surya) ist im Jyotish auch Signifikator für den Vater, der Hermann die finanzielle Unterstützung verweigerte, die diesem erlauben würde, ein Leben als freier Schriftsteller zu führen. Die Eltern, die Hermann nicht zutrauten, ein gutes eigenes Leben zu führen, vermittelten ihrem Sohn eine Stelle als Lehrling in einer Turmuhrenfabrik.

Neben dieser praktischen Arbeit am Schraubstock, die ihm eine Weile durchaus zusagte, trainierte Hermann sein schriftstellerisches Talent mit der Verfassung von Gedichten und zahlreichen Briefen an Freunde, die oft Abhandlungen über Philosophie, Literatur und Kunst zum Thema hatten.

07.01.1895 - 04.01.1896 BUDDHA-Ketu

Buddha und Ketu wirken direkt zusammen im 10. Haus (Buddha Karaka, Ketu Bewohner) sowie im 2. Haus (jeweils voller Aspekt). Sie sind befreundet, unterstützen sich also gegenseitig.

Im Sommer 1895 nahmen die Spannungen und auch gesundheitliche Probleme wieder zu. Er schmiedete abenteuerliche Pläne, wie der Auswanderung nach Indien oder Brasilien und brach wiederum seine Lehre ab. Die dadurch gewonnene "neue Freiheit aber war anders als die Freiheiten, in die er bisher ausgebrochen war. Jetzt nämlich wußte er, daß er definitiv mit Büchern leben und ein Dichter und Schriftsteller werden wollte. (BF 77)

"Freiheit" - Ketu. "Dichter und Schriftsteller - Buddha und auch Surya im 8. Haus in Zwillinge mit Aspekt auf das 2. Haus (Sprache). Das 10. Haus steht auch für Pilgerreisen und Reisen in die "große, weite Welt" (das 10. Haus ist Gegenpol zum 4. Haus, der Heimat) und Ketu für "verrückte", ungewöhnliche Projekte; und natürlich steht das 10. Haus generell für das, was man in der Welt werden, als was man öffentlich als Repräsentativ-Person hervortreten möchte.

Anmerkung: solche kurz gefassten Zuordnungen werde ich jetzt des öfteren bringen, denn wir sind ja mittlerweile wirklich in Hermann Hesses Chart "angekommen".

"Ketu verkörpert äußerste Sensibilität, höchste Verfeinerung und einen extrem starken Wunsch nach Freiheit" - mit diesem Satz wird Ketu auf meiner Seite unter der Rubrik "Planeten" vorgestellt. In Hermann Hesses Horoskop steht Ketu im 10. Haus im Zeichen Löwe. Als natürlicher Übeltäter steht er gut in einem verbessernden Haus. Zudem hört auch er in diesem Chart auf, ein Übeltäter zu sein, da er Herr eines Kendra ist - Ketu ist neben Mangal Herr des Zeichens Skorpion, das zum 1. Haus gehört. Die Stellung im mächtigen 10. Haus, dem Haus der Öffentlichkeit und des Ruhmes, verleiht einem Planeten maximalen Einfluss.

Als Schattenplanet wird Ketu in besonderem Maße von dem Planeten geprägt, in dessen Tierkreiszeichen er sich befindet - das ist Surya. Ketu steht somit für den in die Öffentlichkeit (Haus 10) ausstrahlenden Freiheitsdrang (Ketu) des Ich (Surya). Die Ketu-Antardasha ist fast so etwas wie eine Surya-Antardasha mit einer speziellen positiven Betonung von Befreiung.

Etwa zwei Wochen nach seinem Austritt aus der Turmuhrenfabrik bewirbt sich Hermann Hesse auf eine Lehrstelle in einer Buchhandlung in Tübingen und wird angenommen. "Sein Wunsch, Schriftsteller zu werden, und die genaue Vorstellung, wo er leben und was er tun wollte, hatten ihn endlich auf den richtigen Weg geführt ... In Tübingen gelangte Hesse mit knapp achtzehn Jahren langsam aus seinem Labyrinth heraus." Er erlebte dies als Neuanfang und war endlich sein eigener Herr. (BF 77)

Alle Einzelheiten davon, was er in Tübingen erlebt, verbreitet er sogleich in seinen Briefen an die Familie und an Freunde. "Er war bereit, alles, was auf ihn zukam, anzunehmen, ja sogar gutzuheißen, zugleich aber auch scharfsichtig zu beurteilen und andere daran teilhaben zu lassen. Einen Großteil seiner Produktivität lebte er nun in der Korrespondenz aus. Was er auch sah und hörte wurde mit anschaulicher Detailfreude alsbald nach Calw gemeldet." (BF 79) Er übt sich darin, ein Schriftsteller zu werden.

Die Arbeit ist zwar langweilig und sehr anstrengend (8. Haus, Shani), Hesse ist oft erschöpft und leidet unter Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit (Surya schwach, leidet als Mitbewohner von Buddha in 8), bietet aber Material für zahlreiche interessante Beobachtungen, die er in seinen Briefen ausbreitet (Buddha stark in 8). Besonders die Samstage (Shani-Tag, englisch Satur-Day, Tag des Saturn) waren strapaziös und ermüdend, weil an diesem Tag immer zahlreiche Bestellungen eintrafen, die von ihm bearbeitet werden mussten. "Diese Müdigkeit wurde zur schwersten Bürde seiner Arbeit, sie belastete ihn sogar mehr als Schikanen und Demütigungen zwölf Stunden täglich, sechs Tage in der Woche." (BF 85)

Müdigkeit, schwere Bürde, langweilige und anstrengende Arbeit, belasten, Demütigungen usw. - dies sind alles Saturn-Attribute. Shani ist Karaka des 8. Hauses, in dem sich der Mahadasha-Planet Merkur zusammen mit der Sonne befindet und aspektiert zudem das 10. Haus, in dem sich der Antardasha-Planet Ketu aufhält.

Der Biograf Ralph Freedman hebt hervor, dass sich in den Briefen dieser Zeit schon der für Hermann Hesse in seinen späteren Werken charakteristische Widerspruchsgeist zeigt, verbunden mit der Tendenz, immer zwei, zumeist einander entgegengesetzte Seiten der Dinge zu sehen und zu beschreiben (BF 85) - diese Doppeldeutigkeit ist ein typisches Merkmal von Buddha/Merkur.

Im Dezember 1895 erlebt Hesse eine Phase der Depression. Für die "geistige Elite" der Tübinger Studenten und Professoren ist er als Buchhändler-Lehrling ein Underdog. Für ihn selbst, so teilt er in einem Brief mit, ist die ermüdende, langweilige Routinearbeit seines Berufes nur insofern von Wert, als sie ihm den Einstieg in die Schriftsteller-Laufbahn eröffnen soll. Er fühlt sich als Außenseiter, als Fremder und zweifelt an seiner Fähigkeit, seiner Berufung als Schriftsteller folgen zu können. In dieser Zeit beschäftigt er sich andererseits auch mehr und mehr mit Literatur, unter anderem Goethes "Wilhelm Meister".

Buddha steht im 8. Haus, dem Haus des Opfers, der Katastrophe und der extremen Überforderung. Dies erschwert einerseits die Entfaltung der Buddha-Qualitäten, andererseits, da Merkur nun einmal im 8. Haus steht, benötigt und sucht er die Qual, die Belastung, die Müdigkeit und ähnliche Themen des 8. Hauses, weil sie genau die Situationen darstellen, die Buddha braucht, um aktiv zu werden und sich zu entfalten. "Training unter erschwerten Bedingungen" ist das Entwicklungsprogramm für den Intellekt und die sprachliche Intelligenz in diesem Leben; da Buddha stark im eigenen Zeichen steht, kann er Nutzen aus solch einem Trainingsprogramm ziehen, was bei Surya in Haus 8 weitaus weniger der Fall ist.

Buddha steht für intellektuelle Analyse, Ketu für höchst-sensible Wahrnehmung. Beide sind in Hermann Hesses Horoskop mit dem 10. Haus verbunden, Buddha als Karaka, Ketu als Bewohner. In die Buddha-Ketu-Phase fallen auch erste tiefere Einsichten in den Zustand des Kollektivbewusstseins/Weltbewusstseins. In einem Brief vom 27. November 1895 schreibt er:

"Ist's denn wirklich, daß unsere Zeit so gar durchkrankt ist, daß Alles und Jeder mit dem faulen Kern zur Welt kommt und nur zum Sinken bestimmt scheint? Warum kommt Talent und Genie unsrer Zeit mit diesem schmutzigen Schleier zur Welt, der die sonnige Höhe verhüllt, warum erscheint nicht mehr im Künstler, im Weisen, im Dichter der blühende, lachende Mut, der Krankes zu heilen vermag?" (BF 88)

Sicherlich nicht nur eine Projektion des eigenen Zustandes auf die Welt, sondern auch eine ausgesprochen treffende Beschreibung davon, was in den vedischen Schriften als "Kaliyuga" bezeichnet wird.

Während in der Shani-Mahadasha das 4. Haus dominierte (das eigene Innere und das Elternhaus) findet in der Buddha-Ketu-Phase ein, wenn auch unter schwierigen Bedingungen (Buddha mit Surya im 8. Haus) sich vollziehender, Durchbruch in die Welt der äußeren Bestimmung (10.Haus) statt und Hesse erwacht entgültig zu seiner Berufung als Schriftsteller.

04.01.1896 - 04.11.1898 BUDDHA-Shukra

Buddha und Shukra sind beste Freunde. Auf den ersten Blick scheint es kein Haus zu geben, in dem Buddha und Shukra direkt zusammenwirken. Ein Blick auf das Bhava-Chart (das 4. Chart rechts unten auf der ersten Seite des Datenblattes) zeigt allerdings an, dass Buddha hier vom 8. Haus ins 7. Haus gerückt ist; somit wirken Buddha und Shukra im 7. Haus zusammen. Buddha ist Herr des 8., aber auch Herr des 11. Hauses, des Hauses der Freunde. Somit ist in dieser längsten Antardasha in der Buddha-Mahadasha das Haus der persönlichen Begegnung (7) mit dem Haus der Freunde (11) verbunden.

Dazu passt, dass in dieser Phase Hesse Zugang zu einem Freundeskreis (11. Haus, 7. Haus) findet, der sich mit Literatur, Kunst und Musik beschäftigt (Buddha-Shukra) und dessen Mitglieder, wie auch Hesse selbst, größtenteils Außenseiter (Buddha Herr von 8) sind. Auch eine intensive Brieffreundschaft mit einer jungen Frau, die dann allerdings einen anderen heirate, fällt in diese Zeit.

Auch sein Interesse für Kunst und Musik verstärkt sich in der Buddha-Shukra-Phase. (BF 97-105)

Hesse arbeitet an einer Sammlung von Gedichten, die im Herbst 1898 unter dem Titel "Romantische Lieder" veröffentlicht wird. Diese Gedichte werden von Hermann Hesses Mutter äußerst missbilligt; sie kritisiert den weltlichen, sündhaften Charakter der Gedichte. Diese Gedichte sind in der Endphase von Buddha-Shukra entstanden und werden von Hesse in einem Rechtfertigungsbrief als "Abschluss einer Periode" beschrieben; er betont, dass sie keinen Rückschluss auf sein zukünftiges literarisches Schaffen erlauben. Shukra ("Romantische Lieder") ist Feind des Mondes (Mutter) und der Mond extremer Feind von Shukra (starke Ablehnung); im 9. Haus (Religion) begegnen sich Shukra und Chandra in gegenseitiger Feindschaft. Die Entfremdung mit der Mutter dauert bis zu ihrem Tod an. (BF 106)

04.11.1898 - 10.09.1899 BUDDHA-Surya

Buddha ist Feind von Surya, Surya neutral gegenüber Buddha. Sie wirken zusammen im 8. (Bewohner), 10. (Karaka und Herr) und im 2. Haus (Aspekte). Der Übergang von einer Shukra- in eine Surya-Phase ist meist abrupt, weil beide natürliche Feinde sind und die Gegenpole von Abhängigkeit (Shukra) und Souveränität (Surya) bilden. In Hesses Horoskop ist dieser Widerspruch allerdings gemildert, da beide temporäre Freunde sind und daher neutral zueinander stehen (Waffenstillstand der Feinde).

Im Herbst 1898 veröffentlicht Hesse unter dem Titel "Romantische Lieder" sein erstes Buch, eine Sammlung von Gedichten. Dieser Erfolg bestärkt ihn sehr in seinem Entschluss, ein Schriftsteller zu werden.

Er arbeitet an seinem ersten größeren Prosawerk "Hermann Lauscher", in dem er seine Kindheitserfahrungen verarbeitet. Tod, Selbstmord und Krisen sind zentrale Themen dieses Werkes (8. Haus). Viele Motive des späteren größeren Werkes "Der Steppenwolf" klingen hier bereits an.

Hesses Freundeskreis löst sich in dieser Zeit immer mehr auf und er ist wieder mehr auf sich allein gestellt (Surya Gegenpol des vorherigen Antardasha-Herrschers Shukra, der die Freundschaften hervorbrachte).

"Der ständige Wechsel zwischen gehobener Stimmung und Depression, zwischen Einsamkeit und geselligem Umgang oder - in Hesses späterem Leben - zwischen Stagnation und Bewegung, Stillstand und Produktion warf ihn unablässig von einem Extrem ins andere." (BF 113)

10.09.1899 - 10.02.1901 BUDDHA-Chandra

Buddha ist bester Freund von Chandra, Chandra neutral gegenüber Buddha. Sie wirken im 11. Haus zusammen (Herr und Aspekt), dem Haus der Freunde, der Wunscherfüllung und des Einkommens.

Hesse zieht er von Tübingen nach Basel um und tritt eine neue Stelle in einer anderen Buchhandlung an. Er verdient dort mehr als doppelt soviel wie zuvor und die Athmosphäre dort ist "kosmopolitischer". (BF 13) "Für Hesse war Basel der Ort seiner Kindheit und die Heimat der religiösen Institution, der seine Eltern ihr Leben widmeten. Da er sich aber ganz den neuen Eindrücken überließ, wurde es weniger eine Rückkehr in Vertrautes als ein frischer Anfang." (BF 117)

Hesse selbst sagt zu seiner neuen geistigen Heimat: "Ich hatte schon ein kleines Heft Gedichte veröffentlicht, hatte Schopenhauer gelesen und war für Nietzsche begeistert. Basel war für mich jetzt vor allem die Stadt Nietzsches, Jacob Burckhardts und Böcklins." (BF 117)

Die Chandra-Unterphase in der Buddha-Mahadasha unterscheidet sich sehr von der Chandra-Unterphase in der Shani-Mahadasha; in ersterer war das von Shani beherrschte Elternhaus (Haus 4) die zentrale Szene, hier ist es das von Buddha beherrschte 11. Haus (auch Guru ist hier einflussreich!). Auch die Natur des "Oberbosses" ist unterschiedlich und ebenso die Beziehung zwischen Dasha- und Antardasha-Planet. So ist Chandra natürlich weiterhin Karaka des 4. Hauses (Rückkehr in die Heimat), aber das, was Heimat ist, wird unter Buddha anders definiert, z.B. geistig-intellektuell (Buddha) statt geistig-dogmatisch (Shani).

"Die auffälligste und glücklichster Wendung ergab sich für Hesse durch seinen Zutritt in die höhere Gesellschaft, dank der Beziehungen seiner Eltern ... gewann Hermann nun Zugang zu einem Kreis von Künstlern und Professoren, von denen viele berühmt werden sollten ... Die gesellige und offene Athmosphäre, die diese Menschen verbreiteten, und die kultivierten Gespräche öffneten dem jungen Dichter die Augen für historische Zusammenhänge, für Malerei und Kunstgeschichte, Gebiete, die seine bisherigen literarischen und philosophischen Spekulationen allmählich mit greifbarer Anschauung zu fundieren begannen." (BF 119)

Das über Buddha und Chandra aktivierte 11. Haus repräsentiert die Freunde, die Gemeinschaft von Gleichgesinnten, durch die man Förderung und Unterstützung erhält. In dem von Chandra aspektierten 11. Haus wirken Buddha als Herr und Guru als Karaka zusammen, die beide stark im eigenen Zeichen stehen und sich gegenseitig aspektieren! Chandra ist, wie schon früher hervorgehoben, stark von Guru geprägt und erfährt Unterstützung von Guru und Buddha.

Hesse zieht mit einem Freund zusammen und wird oft von weiteren Freunden besucht. "Was in aber am meisten erfreute, war die Kameradschaft mit jungen Männern seines Alters ...", die ihm den vorherigen Tübinger Freundeskreis ersetzten. (BF 121)

10.02.1901 -07.02.1902 BUDDHA-Mangal

Buddha ist extremer Feind von Mangal, Mangal Feind von Buddha. Sie wirken im 10. (Buddha Karaka, Mangal Aspekt) und im 11. Haus (Buddha Herr, Mangal Aspekt) unmittelbar zusammen bzw. gegeneinander. Obwohl Mangal als Antardasha-Planet aktiviert ist, wird er es sehr schwer haben, unter der Oberherrschaft von Buddha seine Interessen durchzusetzen. Buddha wird ihm keine gute Zeit bereiten und ist zudem in den beiden Häusern ihres Zusammenwirkens als Karaka und Herr jeweils weit einflussreicher als Mangal, der nur seinen Aspekt dort geltend macht (s. Einflusstabelle).

Die Anforderungen der Berufstätigkeit und das schriftstellerische Wirken geraten zunehmend in Konflikt miteinander. Er kündigt seine Arbeitsstelle. "Die Monate zwischen Frühjahr und Sommer 1901 sind gekennzeichnet von Unschlüssigkeit." (BF 128 f.) Er unternimmt erst einmal eine Bildungsreise nach Italien. Von den Eindrücken der Reise inspiriert, beginnt Hesse an seinem Roman "Peter Camenzind" zu arbeiten, "eines vielschichtigen Charakters, der in den Bildern seiner Umwelt seine eigenen inneren Konflikte gespiegelt sieht." (BF 130)

Buddha ist Todfeind von Mangal, wird also dessen konflikterzeugende Rebellion gegen Shani im 4. Haus keineswegs fördern; Buddha hat eine vergleichsweise bessere, neutrale Haltung gegenüber Shani. Es geht also darum, die von Mangal erzeugten inneren Konflikte geistig zu verarbeiten und auf die Umwelt zu projizieren (Buddha als Karaka des 10. Hauses) und nicht darum, sie erneut aufleben zu lassen.

Im August 1901 kehrt Hesse nach Basel zurück und nimmt dort noch einmal eine "Broterwerbs-Stelle" in einer kleineren Buchhandlung an.

Er kümmert sich immer weniger um seine Familie, obwohl diese erhebliche Probleme hat (Mangal in 4), sondern folgt seinen eigenen geistigen Interessen (Buddha). "Von allem, was sein mühsam erworbenes seelisches Gleichgewicht hätte bedrohen können, hielt er geflissentlich Abstand und folgte allein dem selbstgesteckten und zielbewußten Weg zum freien Schriftsteller)." (BF 131 f.) In Jyotish-Terminologie: Buddha lässt sich nicht von Mangal beeinflussen, sondern geht seinen eigenen Weg; innere Konflikte (Mangal) werden weginterpretiert. Auch die schwere Krankheit der Mutter verfolgt er aus der Ferne.

07.02.1902 - 26.08.1904 BUDDHA-Rahu

Buddha und Rahu stehen sich in wechselseitiger Feindschaft gegenüber. Sie wirken im 11. Haus zusammen, von dem beide der Herr sind (Rahu als Schattenplanet aber unter Vorbehalt).

Am 24.04.1902 stirbt Hermann Hesses Mutter nach langer Krankheit - in der Buddha-Rahu-Phase; die Pratyandardasha ist ebenfalls Rahu. Hermann kommt nicht zur Beerdigung und drückt aus, dass dies für alle Beteiligten besser wäre.

"Im jetzigen Augenblick bei der Familie zu sein, das hätte für Hesse bedeutet, daß er genau in den Strudel hineingezogen worden wäre, den er am meisten fürchtete ..." (BF 133) Das Wort "Strudel" in Zusammenhang mit der Familie ist eine sehr präzise Kennzeichnung von Rahu im 4. Haus - Rahu ist wie ein unersättlicher Strudel, der alles in sich hineinzieht; sein Feind Buddha als Herr der Hauptphase lässt dies nicht zu und folgt seinen eigenen Zielen.

"Von ihr, die ihn 'am besten verstand', aber auch am heftigsten auf jeden Ansatz einer Eigenständigkeit ihres Sohnes reagierte, mußte sich Hermann Hesse am Ende zurückziehen. Bis zum Schluß mwar es ihm, als ob seine eigene Gesundheit mit der seiner todkranken Mutter in einem engen Zusammenhang stünde ...

Seinem 'Eigensinn' folgend - und jenseits der Gefahr, sich angesichts des Todes seiner Mutter selbst zu verlieren -, konnte Hesse seine Probleme jetzt schon etwas objektiver gestalten. (BF 134)

Der Erfolg als Schriftsteller

In dieser Zeit etabliert er sich als Schriftsteller. Er schreibt an "Peter Camenzind", in dem der Konflikt zwischen dem Künstler, der seinen eigenen Weg geht und der Anerkennung seitens der Gesellschaft thematisiert wird.

"Das Glück blieb ihm von nun an treu. Im Jahre 1902 werden seine Schriften einer immer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt ... Die Zielstrebigkeit zeigte langsam Früchte. Mit größter Ernsthaftigkeit verfolgte er seine eingeschlagene Laufbahn als Schriftsteller und Dichter und konnte allmählich manchen persönlichen Wunsch und manche innere Angst vor den Notwendigkeiten dieses Berufes zurückstellen. Oft am Rande des physischen und nervlichen Zusammenbruchs blieb Hesses kreative Kraft doch unvermindert. Der Buchhändlerlehrling war zum Autor gereift." (BF 134 f.)

Rahu zieht zurück ins 4. Haus, Buddha als Karaka von 10 will an die Öffentlichkeit gehen und die Voraussetzungen für künftigen Ruhm schaffen. Dieser Konflikt prägt die gegenwärtige Phase. Buddha als Oberherr der Buddha-Rahu-Phase setzt sich naturgemäß durch - die Ausdrücke "größte Ernsthaftigkeit" und "am Rande des physischen und nervlichen Zusammenbruchs" kennzeichnen Buddhas Stellung zusammen mit Surya im extrem belastenden und herausfordernden 8. Haus. Buddhas Stärke im eigenen Zeichen Zwillinge steht für die unverminderte geistige Kreativität. Die "innere Angst" steht für Saturn, der das 4. Haus mitsamt Rahu beherrscht und Karaka des 8. Hauses ist.

Die verstärkt zutage tretenden gesundheitlichen Probleme in dieser Zeit beschreibt Freedman so:

"Wir wissen, dass Hesse sich schon in jungen Jahren unablässig von psychischem wie körperlichem Kranksein bedroht fühlte ... Seine Augenschmerzen etwa, die ihn zeitlebens am meisten plagen sollten, steigerten sich 1902 zuzeiten bis zur Unerträglichkeit ...

Ein Grund für die ungewöhnliche Anfälligkeit im Körperlichen, der eine ebenso ungewöhnliche Sensibilität im Geistigen gegenüberstand, lag sicher darin, daß Hesse sich in der nun folgenden Zeit restlos verausgabte, um den äußeren Anspruch , das Prestige eines 'Künstlerdaseins' auch durch sichtbare Leistungen zu untermauern." (BF 137)

Das 8. Haus, in dem der Dashaherrscher Buddha sich befindet, ist das Haus des Opfers, der Forderung bis hin zur Überforderung. Surya, die Sonne, ist durch die Konjunktion mit Buddha im 8. Haus in der Buddha-Mahadasha mitaktiviert und ist infolge der schwachen Zeichenstellung der Überforderung weit weniger gewachsen als der starke Buddha. Surya steht auch für die Augen, besonders für das rechte Auge. Zwillinge beinhaltet große Anregbarkeit und Sensibilität.

Rahu als Unterphasenherrscher aspektiert das 8. Haus und aktiviert zugleich, da er im Zeichen des Saturn steht, den Saturn als Karaka des 8. Hauses; beide sind Feinde von Surya, daher in dieser Zeit verstärkte Surya/Gesundheitsprobleme (Surya ist Karaka des 1. Hauses und Karaka für Gesundheit). Letztlich sind sämtliche Feinde von Surya in diesem Zeitabschnitt aktiv.

" Mit fortschreitendem Sommer isolierte sich Hesse immer mehr. Der Verlust der Mutter, Reue, Schmerzen und das Gefühl, als Schriftsteller vor einem unüberwindbaren Berg zu stehen, all dies stellte sich ihm lähmend in den Weg." (BF 137)

Rahu/Shani füttern das 8. Haus vom 4. Haus aus, daher das Thema Mutter. Der "unüberwindbare Berg" ist ein passendes Bild für Shani als Karaka des 8. Hauses, ebenso die "Lähmung".

Anmerkung: meine Kommentare werden kürzer und stichwortartiger; das ist beabsichtigt. Vieles von dem, was in den jeweiligen Lebensphasen zutage tritt, wurde ja zuvor in der Besprechung des Rashi-Charts schon ausführlich dargestellt. Wenn man Jyotish lernt, muss man sich darin üben, alles in Erinnerung zu behalten, was man zuvor an Struktur entdeckt hatte - ggf. noch einmal nachlesen, was über Surya im 8. Haus usw. gesagt wurde.

Die oben zu Buddha-Rahu angekündigte Aktivierung des 11. Hauses, in dem beide zusammenwirken, manifestiert sich in der Brief-Freundschaft mit dem Schriftsteller Stefan Zweig, die in dieser Zeit begann (BF 139 f.); eine erste Freundschaft unter Schriftsteller-Kollegen.

Anfang 1903 veröffentlicht Hesse seinen Roman "Peter Camenzind" im Verlag S. Fischer - dies markiert seinen erfolgreichen Durchbruch als Schriftsteller. "Freunde und Förderer" (11. Haus) haben an diesem Erfolg wesentlichen Anteil (BF 141 ff.).

"Hesses - zu seinen Lebzeiten oft schwankende - Reputation war durchweg gekennzeichnet vom geheimnisvollen Zusammentreffen psychologischer und gesellschaftlicher Krisen seiner Zeitgenossen mit seinen intuitiven, ja prophetischen Vorausahnungen oder seinen Einsichten in diese Konflikte. Jetzt, als das typische 'Hesse-Phänomen' erstmals auftauchte, verbreitete das Feuer der Begeisterung den Namen des jungen Autors über den ganzen deutschsprachigen Raum." (BF 143)

Der "Autor der Krisis" (Untertitel der Freedman-Biografie über Hesse) wurde geboren - eine passende Metapher für einen starken Merkur/Buddha im 8. Haus im eigenen Zeichen Zwillinge. 8. Haus = Krise. Buddha/Zwillinge = Autor. Die Beziehung zur Öffentlichkeit und zu Ruhm/Erfolg ist dadurch gegeben, dass Buddha selbst Karaka des 10. Hauses ist und mit Surya, dem Herrn des 10. Hauses zusammensteht. Das "Feuer der Begeisterung" ist auch dem vollen Aspekt des starken Jupiter im Feuerzeichen Schütze auf das 10. Haus und(!) auf Buddha und Surya zuzuschreiben.

Bei einem stark-gestellten Planeten im 8. Haus ist neben der immer spürbaren Extrem-Belastung auch der positive Aspekt einer vertieften Einsicht in schwer zu erkennende, tiefere Zusammenhänge gegeben, für die gleichwohl ein hoher Preis (8. = Opfer) bezahlt werden muss.

Verlobung und Heirat

Pfingsten 1903 verlobt sich Hermann Hesse mit Maria Bernoulli, die er "Mia" nennt. Er heiratet sie am 2. August 1904.

Was eine Heirat anbetrifft sind im Jyotish 2 Häuser wichtig: das 7. Haus als Haus des Partners und der Partnerschaft - dies hat oberste Priorität. Dann auch das 2. Haus, das Haus des Zusammenlebens; das 2. Haus ist das Haus des Besitzes; dort findet man auch diejenigen, die man als "die Seinen" betrachtet. Zum Zeitpunkt der Heirat haben folgende 3 Grahas ihre Phase:

03.07.1904 - 26.08.1904 BUDDHA-Rahu-mangal

Im Rashi-Chart wird das 7. Haus von Shukra/Venus geprägt, denn Shukra ist Herr und zugleich Karaka des 7. Hauses. Im 2. Haus dominiert Guru/Jupiter als Herr, Karaka und Bewohner. Nur: weder Shukra noch Guru tauchen unter den Phasenherrschern auf.

Umgekehrt stehen im Rashi-Chart die aktuellen Phasenherrscher Buddha und Rahu keine bemerkenwerte Beziehung zum 7. oder zum 2. Haus. Mangal aspektiert vom 4. Haus aus immerhin das 7. Haus, aber auch das ist kein besonders ausgeprägter Bezug. Solche "Enttäuschungen" wird man in Jyotish immer wieder erleben.

Schauen wir uns also einmal die Transit-Situation zum Zeitpunkt der Hochzeit an. Das folgende Chart zeigt den Stand der Planeten am Hochzeitstag, bezogen auf den Aszendenten Fische, weil Hermann Hesses Mond sich im Zeichen Fische befindet:

Die Phasenherrscher Buddha und Rahu stehen im Transit zusammen im 6. Haus. Das 6. Haus ist vom 7. Haus aus gesehen das 12. Haus - Planeten im 6. Haus negieren daher das 7. Haus und somit die Partnerschaft - dies wiegt noch schwerer, da Buddha hier zudem Herr des 7. Hauses ist.

Hier der Textbaustein zum Herrn des 7. Hauses im 6. Haus:

HERR DES 7. HAUSES IM 6. HAUS:

Der Planet beschäftigt sich mit den Themen des 6. Hauses: FEINDE, Probleme, Streit, Krankheit, Immunsystem - und organisiert damit die Angelegenheiten des 7. Hauses: EHEPARTNER, Begegnung, Austausch, Ergänzung, Welt.

Menschliche Beziehungen und insbesondere das Eheleben sind von Zank, Streit und Konflikten geprägt. Scheidung wahrscheinlich. Prozesse um nicht eingehaltene Verträge in Geschäftsbeziehungen. Die Welt als ein Ort des Krieges und der widerstreitenden Ego-Interessen und -standpunkte. Frustrierende Abhängigkeiten.

Im ungünstigen Fall Impotenz und andere Krankheiten. Kränkliche Ehefrau, die zudem durch ihre Eifersucht dem Geborenen die Freude an der Ehe nimmt. Problematische Ehe. Unglückliche oder fruchtlose Partnerschaften und Beziehungen.

MAHARISHI PARASHARA: Bekommt eine kranke Frau, ist ihr feindlich gesonnen, ist zornig und ohne Glücklichsein.

Immerhin: Im Chandra-Chart und entsprechend im Transit-Chart ist der Phasenherrscher Buddha als Herr des 7. Hauses intensiv mit dem 7. Haus verbunden und steht im Transit mit dem Unterphasen-Herrscher Rahu zusammen. Allerdings hätte kein Jyotishi diesen Zeitpunkt für eine Hochzeit empfohlen.

Positiv ist, dass Guru sich in ca. 7° Widder im 2. Haus befindet und Buddha aspektiert - von Hermann Hesse selbst (Guru Herr des 1. Hauses) ist also die Bereitschaft da, eine neue Beziehung (Widder = neu) im Zusammenleben positiv zu gestalten und einen schwierigen, eigenwilligen Partner zu unterstützen. Jahre später und nach der Scheidung beschreibt Hesse diese Ehe so:

"Sie war älter, als er sich eine Frau gewünscht hätte. Sie war sehr eigen, und es würde schwierig sein, neben ihr zu leben und seinem gelehrten Ehrgeiz zu folgen, denn von dem mochte sie nichts hören. Auch war sie nicht sehr stark und gesund, und konnte namentlich Gesellschaft und Feste schlecht ertragen ... Dann wieder strahlte sie still und fein in einem einsamen Glück, und wer es sah, der fühlte, wie schwer es sei, dieser schönen, seltsamen Frau etwas zu geben und etwas für sie zu bedeuten." (BF 157)


Hermann Hesses Chandra-Chart (links), Navamsa-Chart (Mitte) und Bhava-Chart (rechts)

Interessanterweise tritt in allen drei der oben abgebildeten Charts, die häufig neben dem Rashi-Chart Verwendung finden, der Mahadasha-Herrscher Buddha als Herr des Partnerschafts-Hauses 7 in Erscheinung. Im Bhava-Chart befindet sich Buddha auch selbst im 7. Haus. Im Navamsa und im Bhava-Chart aspektiert zudem der Unterphasenherrscher Rahu das 7. Haus, während im Chandra-Chart Rahu neben Buddha der Herr des 7. Hauses ist. Das Zusammenwirken der beiden Herrscher der aktuellen Phase im 7. Haus ist von daher stark angezeigt.

Fazit: Während das Zusammenwirken der Phasenherrscher Buddha und Rahu in Hermann Hesses Rashi-Chart seinen beginnenden Erfolg als Schriftsteller sehr gut erklärt, ist das Zustandekommen einer Ehe in der Buddha-Rahu-Periode im Rashi-Chart (zumindest für mich) nicht zu erkennen - sehr wohl aber in allen der drei anderen Charts, die oben im siehe Jyotish-Datenblatt aufgeführt sind. Auch das Transit-Chart ist aussagekräftig.

Eigentlich wollte ich mich in dieser ersten Horoskop-Besprechung auf das Rashi-Chart beschränken - aber es ist ja auch recht lehrreich, zu erkennen, das dies in einigen Fällen nicht ausreicht.

Anmerkung: zu den vier Charts - Chandra, Rashi, Navamsa und Bhava - habe ich im Internet einen Hinweis gefunden, der anführt, dass "die Weisen" es so ausgedrückt haben:

"Chandra ist der Same für alle Angelegenheiten eines Horoskopes, Lagna [Rashi] ist die Blüte, Navamsa die Frucht und Bhava wie der süße Saft oder der Extrakt."

Der klassische Text, dem diese Aussage entstammt, wird leider nicht aufgeführt, aber ich finde diese Aussage extrem aufschlussreich!

Dennoch möchte ich an dieser Stelle auf eine eingehende Erörterung der vier Charts und ihrer Verwendung verzichten, da es sich hierbei um eine recht fortgeschrittene Jyotish-Betrachtung handelt. Auch auf eine Erläuterung der Unterschiede zwischen dem Bhava-Chart auf meinem Datenblatt und dem oben angeführten recht spekulativen Bhava-Chart (aus Jagannatha-Hora) will ich mich hier nicht einlassen (die Verwendung des Bhava-Charts ist in Jyotish-Kreisen recht umstritten, was aber m.E. nicht gegen das Bhava-Chart spricht).

Abschluss

Natürlich könnte man jetzt mit einer Analyse der folgenden Lebensphasen von Hermann Hesse fortfahren, aber ich möchte die Besprechung seines Charts an dieser Stelle erst einmal abschließen. Ich hoffe und meine, dass die generelle Vorgehensweise bei der Analyse eines Jyotish-Charts anhand dieser Beispiel-Interpretation recht gut sichtbar geworden ist.

Die Analysen von Charts von anderen Persönlichkeiten sind geplant - wahrscheinlich etwas kürzer und in einem anderen Stil verfasst als dieses erste Lehrbeispiel hier, aber denselben Grundprinzipien folgend.